Ist es wirklich denkbar, dass der Bundesregierung keine Erkenntnisse darüber vorliegen können, ob eine bestimmte Publikation in einer deutschen Universitätsbibliothek vorhanden ist? Nein, ist es eigentlich nicht, und doch hat die im November 2004 im Amt befindliche Regierung genau das behauptet, und zwar namentlich der damaligen Bundesministerin für Verbraucherschutz, Ernährung und Landwirtschaft, Renate Künast (Bündnis 90/Grüne). In einer Kleinen Anfrage wollte die FDP-Fraktion wissen:

In welcher deutschen Universitäts- bzw. Fachbibliothek ist nach Kenntnis der Bundesregierung die Veröffentlichung: SALAMOV, A. B. (1940): „About isolation in corn.“ in der russischen Originalfassung oder in der englischen Übersetzung vorhanden?

Die Antwort der Bundesregierung (Drucksache 15/4218) lautete wie folgt:

Der Bundesregierung liegen hierüber keine Kenntnisse vor. Die Studie wird u. a. zitiert in: JONES, Melvin D. & BROOKS, James S.: „Effectiveness of Distance and Border Rows in Preventing Outcrossing in Corn.“ Oklahoma Agricultural Experiment Station, Technical Bulletin No. T-38, Juli 1950.

Das war’s, mehr wird nicht angegeben. Die Bundesregierung weiß also nicht, ob die Veröffentlichung von Salamov in einer deutschen Bibliothek vorhanden ist.
Salamovs Publikation aus dem Jahr 1940 ist aber durchaus wichtig, und sie wurde in vielen späteren Publikationen zitiert. Salamov hat damals Untersuchungen zur Auskreuzungsrate verschiedener Maissorten bei unterschiedlichen Abständen durchgeführt. Er kam zu dem Ergebnis, dass sich das genetische Material von Maissorten auch bei großen Abständen noch vermischen kann. Die 1940 publizierten Ergebnisse des Feldversuchs zu konventionellen Maissorten wurde 2004 wieder aktuell, allerdings ging es jetzt um die mögliche Vermischung von gentechnisch veränderten Maissorten mit konventionellen Sorten. Salamovs Resultat floss ein in einen Verordnungsentwurf der Bundesregierung, bei dem der Abstand von Feldern mit gentechnisch veränderten Maissorten und von Feldern mit konventionellen Sorten festgelegt wurde. Aber niemand in der Bundesregierung kannte das Original oder eine englische Übersetzung des Aufsatzes! Das ist verblüffend, denn es gibt ja ausgezeichnete Ministerialbibliotheken, die bei der Suche hätten helfen könnten, und außerdem diejenige des Deutschen Bundestages.

Ich bin darauf gestoßen, weil ich vor kurzem von einem Wissenschaftler unseres Hauses gebeten wurde, ihm die Publikation von Salamov zu beschaffen. Meine Behörde ist seit einigen Jahren in den Prozess der Freisetzung gentechnisch veränderter Organismen involviert. Der Wissenschaftler, der das Original ebenfalls noch nicht kannte, gab mir die Literaturstelle zu Salamov in der knappen Form der Bundestagsdrucksache (also Verfasser, englischer Sachtitel, Erscheinungsjahr) mit dem Hinweis, das sei eine harte Nuss. Ja, das fand ich zunächst auch, denn ein schneller Erfolg gelang mir nicht. Ich stieß bei meiner Recherche aber recht bald auf die obige Bundestagsdrucksache. Und mehr Motivation als so etwas kann es für einen Bibliothekar ja gar nicht geben …

Bei der Suche ist bibliothekarischer Spürsinn erforderlich. Erste Anforderung: Es war im Lauf der Recherche die Arbeitshypothese aufzustellen, dass es sich bei dem angegebenen englischen Sachtitel eines 1940 erschienenen, eigentlich russischsprachigen Originaltitels um eine komplett unautorisierte Übersetzung handeln könnte, die deshalb auch anders lauten könnte. Tatsächlich, so stellte sich später heraus, wird die Publikation von Salamov mal wie oben angeben zitiert (“About isolation in corn”), von anderen Quellen aber mit anders übersetztem englischsprachigem Titel (“On the spatial isolation of maize”). Eine autorisierte englische Übersetzung des Sachtitels oder gar des Volltextes existiert nicht. Zweite Anforderung: Es galt, aus dem Kürzel “SelSem”, auf das man bei der Suche nach weiteren bibliographischen Daten schnell stößt, den Zeitschriftentitel “Selekcija i Semenovodstvo” zu entwickeln. Denn es handelt sich um einen Zeitschriftenaufsatz, der in dieser Zeitschrift enthalten ist. Die wiederum ist in der ZDB mit der ID 954333-8 nachgewiesen. Dann ist man am Ziel. Um dahin zu kommen, benötigt man zur Erstinformation eine allgemeine Suchmaschine, als wichtigste Datenbank die “CAB Abstracts” und schließlich die ZDB. Die vollständigen bibliographischen Daten lauten transkribiert wie folgt:
Salamov, A.B.: O prostranstvennoj izolatii kukuruz. In: Selekcija i semenovodstvo : naučno-praktičeskij i teoretičeskij žurnal (1940) Heft 3, S. 25-27. Die Zeitschrift ist mit diesem Jahrgang zwei Mal in deutschen Bibliotheken vorhanden, den  Aufsatz konnten wir problemlos per Fernleihe beschaffen.
Hier ist der Textanfang im Bild:

Salamov

Bleibt die Frage: Hat die Bundesregierung im Jahr 2004 die BibliothekarInnen, die sie für teuer Geld beschäftigt, aus Schlampigkeit nicht nach dem Original des Textes fahnden lassen? Oder haben sich damals die Kolleginnen und Kollegen daran die Zähne ausgebissen?

Gar nicht mal so unähnlicher Beitrag: Haben wir die “Ebenda”?

Aus der Tageszeitung “Die Post” (Berlin), XIII. Jahrgang, 6.1.1878, Ausgabe 2, Rubrik “Lokales”:

Die Bücherdiebstähle, welche vor ungefähr Jahresfrist in der Königlichen Bibliothek Veranlassung gaben, die Jedermann zugänglichen Schränke im Lesezimmer zu räumen, haben, wie die Staatsburger Ztg. mittheilt, zu erneuerter und eingehender Nachforschung sowie zur Untersuchung besonders werthvoller Werke, welche verliehen waren, geführt. Von den ehemals fehlenden, zum großen Theil unersetzlichen Bänden einzelner Werke – es waren deren 92 – ist ungefähr der vierte Theil wieder zurückgeliefert worden, natürlich geheimnißvoll, wie sie verschwanden; bald hier bald da fand man im Lesezimmer diesen oder jenen Band. Wahrhaft erschreckend ist mitunter der Zustand der zurückgelieferten Bände: Blätter und Kapitel, in den Text gedruckte Abbildungen und beigegebene Kupfer sind ausgerissen, so daß man sich billig fragt, wie Menschen, welche wissenschaftliche Werke benutzten, einen derartigen Vandalismus verüben konnten. An eine Zurücknahme der neuen Maßregel – wie man vielseitig hoffte – ist verläßlichen Versicherungen zufolge nicht im mindesten zu denken; im Gegentheil wäre man bei den vielen trüben Erfahrungen gern zu noch schärferen Bestimmungen übergegangen, könnten dieselben ohne zu herbe Belästigung der Benutzenden durchgeführt werden.

Auf ein Bild des Originaltextes verzichte ich wegen der schlechten Qualität der mir vorliegenden Kopie.

Bei der “Königlichen Bibliothek” handelt es sich um die heute sogenannte “Alte Bibliothek”, im Volksmund wegen ihres Aussehens “Kommode” genannt. Sie war die Vorgängereinrichtung der “Preußischen Staatsbibliothek”.

File:Kommode.JPG

Die “Alte Bibliothek” (sog. „Kommode“) am Bebelplatz, Berlin, heute die Juristische Fakultät der Humboldt Universität zu Berlin.
Fotograf: Luukas. Public Domain.

Verfasst von: haferklee | 6. Februar 2014

Wes Andersons “Moonrise Kingdom” und ein Bücherdiebstahl

Mit Wes Andersons neuem Film “The Grand Budapest Hotel” wurde heute die Berlinale eröffnet. Mit seinem vorigen Film, dem wundervollen und zu Recht hochgelobten “Moonrise Kingdom”, starteten 2012 die Filmfestspiele von Cannes. Dieser Film erzählt von zwei Zwölfjährigen, die sich ineinander verlieben und in die Wildnis durchbrennen. Auf ihrer Flucht machen die beiden irgendwann eine Bestandsaufnahme der Dinge, die sie mitgenommen haben. Suzy, das Mädchen, hat mehrere Bücher dabei:
“Das sind meine Bücher. Ich mag Geschichten, wo es um Zauberei geht.” …
Sam, der Junge, schaut sich die Bücher interessiert an. Plötzlich stutzt er:
“Wart mal. Die sind alle aus der Bibliothek. In meiner Schule dürfen wir immer nur eins ausleihen. Ein paar davon sind sicher überfällig. – - Stiehlst Du?”
Schulterzucken.
“Wieso? Ihr seid doch nicht arm.”
“Ich geb vielleicht ein paar wieder zurück irgendwann. Weiß ich noch nicht genau. Ich weiß, das ist blöd. Ich schätze, ich hab sie nur gestohlen, damit ich ein Geheimnis hab. Aber aus irgendeinem Grund geht’s mir da manchmal wirklich ein bißchen besser.”

PS 1. Die Szene findet sich bei Minute 25.
PS 2. Jeder andere Filmemacher würde anhand der zu sehenden Bücher einen Haufen Kreuz- und Querverweise auf seine literarischen Vorlieben unterbringen. Nicht so der verspielte Wes Anderson. Zitat Wikipedia: “Die Bücher, die Suzy aus der Bücherei entwendet hatte, sind rein fiktiv. Wes Anderson erfand die Titel und dachte sich die Textzeilen aus, die Suzy während der Filmsequenzen [aus den Büchern] vorliest. Die Cover wurden von sechs verschiedenen Künstlern gestaltet. Im April 2012 entschied sich Anderson, diese Textstellen zusätzlich zu animieren und in einem Promotionvideo für den Kinofilm zu zeigen.” In dem Video stellt der fiktive Bibliothekar des ebenso fiktiven New Penzance, wo die Filmhandlung angesiedelt ist, die fiktiven Bücher vor.

File:Wes Anderson.JPG

Wes Anderson 2005 in Berlin.
Fotograf: Popperipopp. Public Domain.

Verfasst von: haferklee | 20. Januar 2014

Auf der Jagd nach der längsten Ausleihe Deutschlands

Bei der Jagd nach der längsten regulären Ausleihe, die es je in einer deutschen Bibliothek gegeben hat, könnt ihr nun mal nicht mitmachen, liebe Kolleginnen und Kollegen aus den Hochschul- und Stadtbibliotheken. An ihr nehmen nur Spezialbibliotheken teil, die ihren NutzerInnen oft Sonderrechte einräumen, zum Beispiel bei Bedarf ungewöhnlich lange Leihfristen. Oder die sogar, wie im Fall meiner Bibliothek, ganz einfach gar keine Leihfrist haben. Und da passiert es dann, dass man an einem bis dahin gewöhnlichen Arbeitstag zu Anfang Januar 2014 Rückgaben von einem Wissenschaftler erhält, der in den Ruhestand geht. In dem dicken Stapel von Büchern, Zeitschriften und Landkarten befindet sich eine “Karte der natürlichen Vegetation” der DDR, ausgeliehen am 11. April 1979. Und nicht nur die Karte ist noch da und war die ganze Zeit ordentlich ausgeliehen, auch der Leihschein ist noch in der entsprechenden Kartei verfügbar. So sieht er aus:

Leihschein1979

Damit steht der neue deutsche Rekord für die längste reguläre Ausleihe aus einer Bibliothek jetzt bei sagenhaften 34 Jahren und fast 9 Monaten!!! (Wenn es sich nicht sogar um einen europäischen oder sogar darüber hinaus reichenden Rekord handelt; für entsprechende Meldungen wäre ich sehr dankbar.) Und wir haben uns sogar noch einmal selbst übertroffen, denn auch die bisher gültige Bestmarke wurde in meiner Bibliothek aufgestellt, wie hier nachzulesen ist.

Verfasst von: haferklee | 24. November 2013

Ja hat man denn nie Feierabend?!

Am Samstag Abend war ich zu einem Essen bei guten Freunden eingeladen. Und was musste ich erleben?

- Der Wein, der das Essen begleitete, lautete auf den Namen “Primo“.
- Die Espressotasse wurde so vor mir platziert, dass sie das Akronym “RIS” zeigte.
- Als Durstlöscher vorweg gab es ein “Bit“.
- Derweil lief im Hintergrund Musik von “ZAZ“.

Anwesend waren übrigens Heidi, Gerhard, Karin, Marc, Olaf, GabrielOliver und Tobias. Sie wollten aber nicht mit aufs Foto.

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Na dann bis zum nächsten Beitrag. Servuz!

Verfasst von: haferklee | 15. Oktober 2013

Der bibliothekarische Makel von Philip Roth

Ich ging oft, sehr oft in die Bibliothek. Es war wie Fischen, man ging zwischen die Regale und kam mit einem Mädchen wieder raus.

Das sagt der Protagonist Coleman Silk, gespielt von Anthony Hopkins, in der Verfilmung des Romans “Der menschliche Makel” von Philip Roth über seine Zeit als junger Student. Ich habe den Film letztlich gesehen und war über diesen Ausspruch ziemlich verblüfft, konnte ich mich doch überhaupt nicht daran erinnern, ihn bei meiner Lektüre des Buchs vor einigen Jahren registriert zu haben. Dabei ist er doch ein weiterer Beweis für die inzwischen anerkannte Funktion von Bibliotheken als Kontaktbörse, vor allem von Universitätsbibliotheken.

Also das Buch hervorgeholt und gesucht. Schnell ist die entsprechende Stelle gefunden; der Film setzt zwar nicht die Dichte und Tiefe der Romanvorlage um, vollzieht die Handlung aber weitgehend nach. Und wie lautet diese Stelle nun im Buch?

Ich hatte eine Wohnung im Village genommen, … und ich brauchte bloß runter zur U-Bahn zu gehen. Es war wie Angeln. Man geht runter zur U-Bahn und kommt mit einem Mädchen wieder rauf.

Auch im amerikanischen Originaltext ist von der “subway” die Rede. Warum gibt es im Film, der viele Dialoge des Romans nahezu im Wortlaut übernommen hat, gerade hier eine solche Abweichung? Erklären kann ich es mir zunächst aus filmischer Perspektive. Als Coleman Silk die Sätze im Film während einer Rückblende spricht, fährt die Kamera an einem Bibliotheksregal entlang. Silk sieht durch die Lücken im Regal seine erste große Liebe und spricht sie dann an. Das ist erheblich leichter umzusetzen als eine U-Bahn-Szene. Der wirkliche Grund ist aber wohl ein anderer. So gut Philip Roth auch schreibt, und so unvollkommen der Film den Roman in seiner Komplexität umsetzt – die Szene in der Bibliothek ist lebensnäher als Roths Idee. Mir scheint, dass sein Bild vom “Mädchenangeln in der U-Bahn” ein ziemlich schiefes ist.

Foto: K嘛, CC BY-NC-ND 2.0

Verfasst von: haferklee | 26. September 2013

Wie lautet Goethes bekanntes Zitat über Bibliotheken richtig?

In Bibliotheken fühlt man sich wie in der Gegenwart eines großen Kapitals, das geräuschlos unberechenbare Zinsen spendet.

Als ich dieses (zumindest in unseren Kreisen) berühmte Goethe-Zitat selbst einmal verwenden wollte, benötigte ich natürlich eine Quellenangabe. Sollte kein Problem sein, schließlich wird es in den gängigen Zitatsuchmaschinen stets genau so zitiert, bei Zitate.net, bei Zitate.eu und bei vielen anderen. Aber auch nebenan, beim von mir sehr geschätzten bibliothekarisch.de, wird es genannt, und das gleich zwei Mal; einmal im November 2009 und noch einmal im August 2011. Autorin und Autor berufen sich ebenfalls auf zwei gängige Internet-Zitatsammlungen.

Ich hätte aber gern die Original-Quelle gehabt. Denn bei den obigen Fundstellen ist nicht genannt, wo das denn bei Goethe steht. Also in den Büchmann geschaut: Fehlanzeige, nicht enthalten, für soo wichtig scheint das Zitat außerhalb von Fachkreisen dann auch nicht gehalten zu werden, zumindest ist es nicht in der von mir konsultierten Ausgabe enthalten. Als nächsten Versuch die Wortfolge in die Suchmaschine eingegeben: etwa 30.000 Treffer. Viele in der Art wie oben genannt, andere aber am Anfang leicht abweichend. Sollte das eine Bedeutung haben?

Eine kleine schon, auch wenn es vielleicht nicht supersensationell ist. Goethes Zitat, so stellte sich allmählich heraus, geht nämlich zurück auf einen Besuch in der damaligen Göttinger Universitätsbibliothek. In Göttingen hielt er sich nach seiner am 5. Juni 1801 erfolgten Abreise aus Weimar bis zum 12. Juni auf. An einem dieser Tage zeigte man ihm die dortige Reitbahn, woraufhin Goethe einige Überlegungen zum Verhältnis von Mensch und Pferd anstellte. Im Anschluss notierte er:

Goethe3

Das war es auch schon. Und es bedeutet nun einmal nichts anderes, als dass Goethe seine Äußerung auf nur eine einzige, nämlich die Göttinger Bibliothek bezog, die damals außerordentlich bedeutend war. Ihre Bestände waren zu jener Zeit rasant auf etwa 150.000 Bände angewachsen, “so dass sie, was moderne Werke anging, zur bedeutendsten Bibliothek Europas aufgestiegen war.” (Vorstius, Joris u.a.: Grundzüge der Bibliotheksgeschichte, Harrassowitz 1977, S. 52). Und nur in dieser einen Bibliothek fühlte er sich wie in der Gegenwart …

Goethe war damals unterwegs von Weimar nach Bad Pyrmont. Auf der Rückreise hielt er sich zwischen dem 17. Juli und dem 14. August noch einmal in Göttingen auf. In dieser Zeit nutzte er die dortige Bibliothek wohl intensiv, um „die Lücken des historischen Teils der Farbenlehre […] abschließlich auszufüllen … In seinen Tag- und Jahresheften rühmt er neben den Beständen vor allem die Kompetenz und Hilfsbereitschaft der Bibliotheksmitarbeiter, die dafür sorgten, dass Goethe seine Zeit in Göttingen „mit dem größten Nutzen“ verbringen konnte.” (Quelle)

Zusammenfassung, leider: Goethe wird oft ungenau zitiert. (Übrigens nicht nur im Internet, sondern auch schon in älteren Print-Zitatsammlungen, zum Beispiel in Peltzer, Karl: Das treffende Zitat. 2. Aufl., Ott Verlag 1959; nicht einmal das “Lexikon der Goethe-Zitate”, hrsg. von Richard Dobel, Artemis 1968, schafft es ganz genau.) Er hat damals keineswegs alle Bibliotheken gerühmt, sondern nur über eine einzige der damals bedeutendsten Bibliotheken geurteilt. Und es ist eben doch ein Unterschied, ob man Bier als solches lobt oder nur Warsteiner Pilsener.

Aber seien wir großzügig und vergessen wir das doch jetzt einfach schnell wieder, denn wenn wir Bibliothekswesen eines gewiss nicht sind, dann ja wohl PedantInnen ;-)

Und wo steht es nun? In Goethes “Tag- und Jahresheften” 1801, Zeitraum siehe oben, nachlesbar in den verschiedenen Ausgaben von Goethes Werken, zum Beispiel hier.

Datei:SBZ 1949 237 Johann Wolfgang von Goethe.jpg

Verfasst von: haferklee | 3. September 2013

Bucherwerb in der Stuttgarter Stadtbücherei – im Roman

Nur selten dürfte der Vorgang der Beschaffung von Büchern in einer Stadtbibliothek literarisch verarbeitet sein. In Heinrich Steinfests Roman “Ein sturer Hund”, ausgezeichnet mit dem Deutschen Krimipreis, geschieht das in der bei ihm gewohnt skurrilen bis absurden Art.

Einer der Protagonisten in Steinfests 2003 erschienenem Werk ist der Stuttgarter Schriftsteller Moritz Mortensen. Dessen drei Romanen blieb der Erfolg bisher vollkommen versagt, sie fanden nicht den Hauch von Beachtung. Trotzdem stehen sie im Bestand der Stuttgarter Stadtbücherei, Mortensens Heimatbibliothek:

Mortensen …  erinnerte sich der Anstrengungen, die es gekostet hatte, bis man schließlich bereit gewesen war, seine drei Bücher in den Bestand dieser Bibliothek aufzunehmen. Denn natürlich waren die zuständigen Einkäufer nicht von selbst auf sein Werk gestoßen. Vielmehr war es notwendig gewesen, die Bibliothekare mit Telefonaten und Briefen zu traktieren. Mortensen hatte diese Leute geradezu weichgeklopft. So lange, bis sie wohl keinen anderen Ausweg mehr gesehen hatten, als die drei Bücher anzukaufen und in der Belletristik einzuquartieren. In etwa, wie man faule Früchte unter die frische Ware schmuggelt. Bloß um einen Dämon zu bannen.

Das erste Kapitel von Steinfests Roman, zu dem die hier zitierten Sätze gehören, spielt in der Zentrale der Stadtbücherei Stuttgart, als sie noch im Wilhelmspalais untergebracht war. Steinfest scheint ein Freund von Stadtbibliotheken zu sein, denn als Kulisse für den Showdown in einem späteren Werk hat er das Gebäude der Wiener Hauptbücherei gewählt. Aber ganz sicher kann man sich darüber eigentlich doch nicht sein, denn an anderer Stelle des Kriminalromans liest der Detektiv, Markus Cheng, in einem seit langem vergriffenen Buch:

Cheng hatte es vor einiger Zeit aus der Stadtbücherei entliehen und später vorgegeben, es verloren zu haben. Einfach aus dem Grund, da er keinen Band auf dem freien Markt hatte auftreiben können. Daß sein Vorgehen unkorrekt war, nahm er gelassen hin. Reuelos.

Siehe auch: http://haferklee.wordpress.com/2009/09/10/stadtbuchereien-seid-bedankt/

Verfasst von: haferklee | 19. August 2013

Librarians + Beastie Boys = Tolles Video

Der Regisseur Spike Jonze hat 1994 ein tolles Video zu dem Song “Sabotage” der “Beastie Boys” gedreht, aufgezogen als Tribut an Krimiserien aus den Siebzigern wie “Hawaii Five-O” oder “Starsky and Hutch”. Jetzt gibt es eine in einer Bibliothek spielende, äußerst amüsante  Parodie auf Jonzes Video:

 

Die MacherInnen haben die Szenen und Einstellungen des Originals teilweise bis ins kleinste Detail kopiert. Zum Vergleich hier das Original:

http://www.youtube.com/watch?v=z5rRZdiu1UE

Respekt allen Beteiligten des Videos; und falls es wirklich Kolleginnen sind, natürlich erst Recht.

Dank an Marvis für den Hinweis.

Verfasst von: haferklee | 19. Juli 2013

Gute Beratung in der Stadtbibliothek

Der Schriftsteller Hanns-Josef Ortheil erzählt in seinem autobiographischen Roman “Die Erfindung des Lebens” die Geschichte seiner Kinder- und Jugendjahre bis hin zu seinen ersten Erfolgen als Schriftsteller.
Seine Mutter, Maria Katharina Ortheil (1913–1996), war eine ausgebildete Bibliothekarin. Eine Weile, während der Zeit der Kindererziehung, hatte sie ihre Berufstätigkeit aufgegeben. In dieser Zeit lebte die Familie auf dem Land, wo die Mutter dem kleinen Hanns-Josef die örtliche Bibliothek zeigte:

[Sie] … ging alle paar Tage mit mir in die kleine Bibliothek nahe der Kirche, wo ich mir jedes Mal einige Kinderbücher ausleihen durfte. Bei solchen Besuchen hatte ich bald begriffen, dass sie einmal in dieser Bibliothek gearbeitet hatte, die jungen Bibliothekarinnen sprachen jedenfalls oft von dieser Zeit, und neben dem Eingang hing sogar eine Fotografie meiner Mutter, auf der sie in einem langen schwarzen Kleid gerade die Bibliothek verließ, einen kleinen Stapel mit Büchern in der Hand. (Seite 92/93)

Einige Zeit später, nach einem Rückumzug der Familie nach Köln, gelang es der Mutter, eine neue Stelle zu finden:

So arbeitete meine Mutter nur wenige Wochen nach unserer Rückkehr wieder in einer Bibliothek. Als ausgebildete Bibliothekarin und langjährige Leiterin einer Bücherei auf dem Land fand sie sich schnell zurecht, sie liebte ihre Arbeit sehr, und wir alle hatten von dieser Tätigkeit schon deshalb viel, weil sie alle paar Tage einige neue Bücher mitbrachte, die sie vor deren Auszeichnung mit einer Signatur und vor der Einreihung in das Ausleihkontingent unbedingt lesen wollte.
Auch in den vergangenen Jahren hatte sie sich durch ihre täglichen Lektüren auf dem neusten Stand gehalten, sie hatte sich durch ihre Krankheit nicht abhängen lassen, nein im Gegenteil, die Krankheit hatte letztlich sogar dazu beigetragen, dass sie sogar noch viel mehr gelesen hatte als in früheren Jahren.
Wegen dieser ausschweifenden Lektüren wurde sie in der Bibliothek eine geschätzte Ansprechpartnerin für viele Leserinnen und Leser, die ein ganz bestimmtes Buch oder aber ein Buch suchten, das ihrem persönlichen Lesegeschmack entsprach. Meine Mutter musste die Kunden der Bücherei also gut kennen, sie musste um ihre Lesevorlieben wissen, ja sie musste wohl auch über einige Details ihres Privatlebens informiert sein. Das aber gelang ihr, ohne dass ihre Gesprächspartner es merkten, denn meine Mutter konnte sich mit anderen Menschen auf eine so leichte, lockere und angenehme Weise unterhalten, wie ich es in meinem Leben bei kaum einem anderen Menschen erlebt habe. (S. 277/278)

File:Hjortheil.jpg

Hanns-Josef Ortheil (2009)
Fotograf: Hans Weingartz, lizenziert gemäß CC BY-SA 2.0 DE

Zitiert nach der 10., im Luchterhand Literaturverlag erschienen Auflage von 2009, ISBN 978-3-630-87296-4. Dank an Barbara Petersen für den Hinweis.

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