Verfasst von: haferklee | 23. November 2011

Bibliothekare entdecken bisher unbekannten Vordenker des deutschen Naturschutzes – 2: Bibliotheksteil

Zur naturschutzfachlichen Bedeutung Philipp Leopold Martins habe ich im vorigen Post einiges geschrieben. Hier nun etwas zur bibliotheksfachlichen Vorgehensweise bei seiner Wiederentdeckung.

Der “Erstkontakt” zu einer Publikation von P.L. Martin ergab sich im Rahmen des Bestandsausbaus der elektronischen Publikationen unserer Bibliothek. Dabei schauen wir uns regelmäßig mit verschiedenen Suchstrategien und in verschiedenen Datenbanken an, welche neuen elektronischen Publikationen zum Naturschutz erschienen sind. In diesem Rahmen haben wir eine erweiterte Suche im GVK durchgeführt mit dem Begriff “Naturschutz” als Titelstichwort, gefiltert nur auf die Publikationsformen “Online-Ressourcen” und “Datenträger”. Der GVK liefert ein chronologisch sortiertes Rechercheergebnis. Diesmal haben wir uns nicht nur die neuesten Treffer angesehen, sondern sind zum Ende der Liste gegangen. Die Treffer datieren da normalerweise ab etwa Mitte der neunziger Jahre des vorigen Jahrhunderts, einzelne Titel stammen auch mal aus den zehn, fünfzehn Jahren davor. Zu unserer großen Überraschung fanden wir als letzten und ältesten Titel einen aus dem Jahr 1882. Der Titel taucht bei dieser Suche auf, weil das Original von der UB Göttingen auf CD-ROM digitalisiert wurde, aus welchen Gründen auch immer. Wir wurden sehr hellhörig, denn der Titel war erstens nicht in unserem Bestand, er lag zweitens naturschutzgeschichtlich früher war als alles uns bisher Bekannte, und wir hatten drittens von diesem Verfasser noch nie gehört.

Danach sind wir jenem Philipp Leopold Martin systematisch nachgegangen. Hierbei haben wir insbesondere Google Books und den daran angebundenen “Google Ngram Viewer” genutzt. Über diesen haben wir für den Zeitraum 1830 bis 1900 eine Suche mit dem Wort “Naturschutz” laufen lassen. Als Ergebnis bekommt man eine grafische Darstellung darüber, wie oft in den im Rahmen des Google-Books-Programms digitalisierten und an den Ngram-Viewer angebundenen Werken diese Zeichenfolge vorkommt. Zugleich werden in einer Zeitleiste die entsprechenden Treffer hinterlegt, die man sich dann im Volltext oder (meist) als Schnipsel-Auszug ansehen kann.

An dieser Stelle begann der mühevolle Teil der Suche. Es zeigte sich, dass die scheinbar überraschend zahlreichen Treffer in vielen Fällen fehlerhaft waren. Der Grund lag darin, dass der deutsche Textkorpus jener Zeit üblicherweise in Frakturschrift vorliegt. Letztlich fanden wir auf diese Weise aber zwei Publikationen des gesuchten Verfassers: das uns schon bekannte Werk sowie einen weiteren, früheren Zeitschriftenaufsatz, auch wurden wir so auf Rezensionen zu Martins Schriften aufmerksam, die anders kaum zu finden gewesen wären. Schließlich stießen wir mit Wilhelm Haacke auf einen weiteren Wissenschaftler, der den Begriff “Naturschutz” früher als bisher bekannt, aber nach Martin, bereits verwendet hat. Vier weitere naturschutzbezogene Veröffentlichungen Philipp Leopold Martins und weitere Rezensionen zu seinen Werken entdeckten wir in der Folge durch Standardmethoden, vor allem durch die Auswertung von Selbstzitaten in seinen Texten und das Durchsuchen von Jahresinhaltsverzeichnissen zeitgenössischer Zeitschriften.

(Wieder-)Entdeckt haben wir mit Philipp Leopold Martin den Vordenker des deutschen Naturschutzes. Den, der das Wort “Naturschutz” geprägt hat; und der gleichzeitig, was im Grunde wesentlich wichtiger ist, als Erster eine umfassende programmatische Schrift zu diesem Thema verfasst und publiziert hat, lange vor allen anderen. Martin ist 1885 gestorben, bezüglich seiner naturschutzfachlichen Verdienste sofort in Vergessenheit geraten und bis heute bei allen deutschen (Naturschutz)Historikern nicht bekannt. Was das bedeutet, kann man auch daran ermessen, dass 1990 von der Deutschen Bundespost eine Briefmarke zu Ehren des bisher als erstem Naturschützer geltenden Ernst Rudorff herausgebracht wurde mit der Aufschrift “Begründer des Naturschutzes”.

Was aber hat das für bibliothekarische Aspekte? Nun, die Wiederentdeckung hatte die Kenntnis einiger typisch bibliothekarischer Rechercheinstrumente zur Voraussetzung. In diesem speziellen Fall der erweiterten Suche des GVK (zu nennen wären natürlich im Prinzip auch die anderen Verbundkataloge, der KVK und BASE), insbesondere aber dem Wissen von für die historische Forschung zur Verfügung stehender Quellen wie Google Books, dem Hathi Trust, der Biodiversity Heritage Library. Als ganz besonders hilfreich und als ein faszinierendes Instrument hat sich der Google Ngram Viewer erwiesen.

In einem “Science”-Aufsatz aus Anfang 2011 berichten Jean-Baptiste Michel und andere über den Google Ngram Viewer. Nach ihren Angaben wurden durch Google Books bis dato etwa  15 Millionen Bücher erfasst. Die Worte von etwa 5 Millionen dieser Bücher wurden für eine Analyse durch den Ngram Viewer aufbereitet. Folgt man Michel, so stellt Google Books etwa 12 % aller weltweit jemals bisher erschienenen Bücher bereit. Eine Textanalyse auf Worthäufigkeiten und Vorkommen ist mit dem daran angebundenen Ngram Viewer in etwa 4 % aller Bücher möglich.

Mit allen diesen Hilfsmitteln stehen der historischen Forschung wesentlich mächtigere Datenquellen zur Verfügung als noch vor zwei Jahren. Mir scheint, dass die (Naturschutz)Historiker diese Möglichkeiten bisher kaum beachten, wenn sie ihnen denn überhaupt bekannt sind. Eine US-amerikanische Historikerin und Professorin, zu der wir im Rahmen unserer Forschung Kontakt hatten, schrieb uns, sie mache in Gesprächen mit KollegInnen auf das Tool aufmerksam, aber auch in US-Historikerkreisen kenne man seine Bedeutung noch nicht: “I was at a dinner party last weekend with some historians who had never heard of it. It was a lot of fun to tell them about it.” Und weiter: “I’ve been working on [...] recently, and have found reviews of his books in journals and popular magazines from the late 1840s and early 1850s that I would NEVER have located otherwise.” Hier ist es die Aufgabe unseres Fachs, den WissenschaftlerInnen solche Hilfsmittel zur Verfügung zu stellen und sie darauf aufmerksam zu machen. Ich nenne an dieser Stelle einmal die Worte “Informationskompetenz” und “Benutzerschulungen”.

Last but not least möchte ich noch ein kleines Loblied auf die Wikipedia singen. Philipp Leopold Martin hatte dort seit Februar 2009 auch vor unserer Entdeckung bereits einen Eintrag. In allen gedruckten Allgemeinenzyklopädien, heutigen wie früheren, war das nicht der Fall; in der ADB hat er allerdings einen Eintrag. Soweit schon mal gut für die Wikipedia. Der Beitrag wurde seither sukzessive verbessert. Am besten aber, dass bereits wenige Tage nach unserer Entdeckung die neuen Fakten in den Artikel eingebaut waren; wir hatten es vor, waren aber noch nicht dazu gekommen. Zusätzlich wurde auch die in der Wikipedia vorhandene “Zeittafel zur Geschichte des Naturschutzes” ergänzt. Einfach toll!

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Responses

  1. Einzig einen Link auf den erwähnten Wikipedia-Artikel vermisse hier. Den liefere ich gleich nach: http://de.wikipedia.org/wiki/Leopold_Martin

    Ansonsten kann ich die letzten beiden Worte nur wiederholen: “Einfach toll!”

    Diese beiden Postings sind eine schöne Demonstration, was sich mit Daten alles anstellen lässt, wenn man sie mal genauer unter die Lupe nimmt. Eine Perle der Biblioblogosphäre!

  2. PS: Den Einwand bzl. des Wikipedia-Artikels ziehe ich gleich wieder zurück, ich hatte ihn übersehen. Dann bleibt: „Einfach toll!“

  3. [...] entdecken bisher unbekannten Vordenker des deutschen Naturschutzes” (1: Naturschutzteil, 2: Bibliotheksteil) erklärt Gerhard Hachmann, wie er in Zusammenarbeit mit seinem Kollegen Rainer Koch die bisher als [...]

  4. @CH: Zart errötend danke ich herzlich für das große Lob!

  5. [...] die Bibliothekare die Entdeckung gemacht haben ist im interessanten Blogbeitrag in  Haferklees Ausblicke zu lesen (via [...]


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