Verfasst von: haferklee | 5. April 2009

Recommender-Dienste: abgelehnt!

Die Bibliothekssoftware, die in meiner Bibliothek eingesetzt wird, bietet seit kurzem die ersten 2.0-Funktionen an. Da wir dasselbe System verwenden wie der VÖBB, hatte ich durch ein Posting von Widerspenst schon vor einiger Zeit davon erfahren, dass etwas in der Mache ist. Und jetzt kam die Anfrage, ob wir unseren OPAC mit Recommender-Diensten aufpeppen wollen. Genauer gesagt gäbe es die Möglichkeit, Rezensionen zu einzelnen Titeln eingeben und anzeigen (Reviewdienst) und Titel im Sternchenverfahren  bewerten zu lassen (Rankingdienst). Und wie haben wir uns entschieden? Wir wollen das nicht!

Es gab verschiedene Argumente gegen die Einführung dieser Dienste, unter anderem das durchaus ernstzunehmende der verfälschenden Reviews und der üblen Nachrede. Mein Argument gegen die Einführung war das der fehlenden kritischen Masse. Ich halte es für auf der Hand liegend, dass diesen beiden Recommender-Diensten in den Bibliotheken, wie sie in Deutschland organisiert sind, kein Erfolg beschieden sein kann.

Ein Vergleich mit Amazon, wo es ja recht gut funktioniert, macht das sehr deutlich. Amazon Deutschland verfügt über potentielle 80 Millionen KundInnen, die Reviews schreiben oder Sternchen abgegeben können. Der VÖBB als größte deutsche Stadtbibliothek kann nur etwa 3 Millionen potentielle KundInnen vorweisen. Bei einer großen deutschen UB kommen gerade einmal 50.000 mögliche AnwenderInnen zusammen. Wenn in Berlin jemand eine Rezension schreibt, kann das niemand in den Stadtbibliotheken von München oder Nordenham lesen, und kein/e Studierende/r in Köln wird je davon erfahren. Bei Amazon ist das anders: sie haben gerade einmal zwei, drei Konkurrenten. Im Bibliotheksbereich „konkurrieren“ aber mehrere tausend Bibliotheken um die Bewertungen. Anders gesagt:  ein Erfolgsmodell könnten diese beiden Recommender-Dienste nur werden, wenn die Bibliotheken zusammenarbeiten würden. Ein beim VÖBB abgegebenes Review müsste über eine Schnittstelle mindestens an alle anderen Stadtbibliotheken weitergegeben werden können, genau wie ein Sachtitel oder eine Personenangabe. Ein an der Bibliothek der TH Aachen abgegebenes Sternchen müsste auch bei den Bewertungen im OPAC der SUB Hamburg auftauchen. Noch besser wäre es, wenn solche Funktionen über die Grenzen von Bibliothekstypen hinweg weitergereicht würden. Aber da haben wir natürlich die wundervolle Zersplitterung in der deutschen Bibliothekslandschaft, die genau das auf alle Zeiten verhindern wird. Wenn das wenigstens innerhalb der jeweiligen Verbünde funktionieren würde. Wird es aber aufgrund der verschiedenen Bibliothekssysteme ebenfalls nicht.

Die beiden anderen der vier Recommender-Dienste, die wie die bereits genannten ebenfalls im Projekt BibTip der UB Karlsruhe entwickelt wurden (der Empfehlungsdienst und der Benachrichtigungsdienst; alles nachzulesen in der Master-Thesis von Michaela Selbach), haben meines Erachtens bessere Chancen auf Erfolg, da sie automatisiert entstehen, im Gegensatz zu den erstgenannten, die von der Aktivität der KundInnen abhängen. Aber die bietet unsere Bibliothekssoftware natürlich nicht an.

Im Katalog meiner Bibliothek findet sich übrigens zu etwa 60 % unselbständige Literatur. Da ist es sowieso Unsinn, Bewertungen von NutzerInnen zu erwarten. Hier wäre viel eher die Einspeisung der Abstracts der Aufsätze angesagt, die ja fast immer von den Verlagen zur Verfügung gestellt werden.


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