Verfasst von: haferklee | 29. September 2009

Hate Mail from Librarians; oder die Erklärung für das Shhhhhh

Schon immer haben wir uns gefragt, warum uns Bibliothekswesen so leicht das „Shhhhhh!“ aus dem Mund entfleucht – manchmal wie von selbst, fast automatisch. Einer hat die Erklärung, nämlich Michael Moore; ja, der Michael Moore. Aber hier in Deutschland dürfte sie kaum jemand kennen.

Denn nur in der bei Penguin Books erschienenen zweiten Ausgabe „published for the English-speaking world outside of North America“ seines ursprünglich Ende 2001 bei ReganBooks/Harper-Collins erschienenen Bestsellers “Stupid White Men” ist ein gesondertes Einleitungskapitel („Introduction to the Penguin Edition“) erschienen, in dem er über die schwierige Veröffentlichungsphase seines Buches nach 9/11 berichtet.  Darin finden sich folgende Zeilen über BibliothekarInnen und ihre Neigung zum „Shhhhhh“:

Thank God for librarians! … Most people think of them as all mousy and quiet and telling everyone to „Shhhhhh!“. I’m now convinced that „shush“ is just the sound of the steam coming out of their ears as they sit there plotting the revolution! You better believe they’re mad.

Wie kommt Michael Moore nur zu dieser lustigen Erklärung für unser „Shhhhhh“? Nun, daran, dass „Stupid White Men“ überhaupt erscheinen konnte, haben engagierte amerikanische BibliothekarInnen einen wesentlichen Anteil. Die problematische Veröffentlichungsgeschichte des Buches lässt sich im Wikipedia-Artikel nachlesen:

Das Buch wurde vor dem 11. September 2001 geschrieben und auch gedruckt (die erste Auflage, 50.000 Exemplare, verließ am 10. September 2001 die Druckerei). Es wurde vom Verlag (ReganBooks/HarperCollins Publishers) jedoch zurückgehalten und erst kurze Zeit nach dem 1. Dezember 2001 vertrieben. Am Abend des 1. Dezember 2001 hatte Michael Moore aus dem – bis dahin noch nicht erhältlichen Buch – öffentlich gelesen. Dies löste – obwohl kein Pressevertreter anwesend war – innerhalb weniger Tage soviel Wirbel aus, dass das Buch dann doch in den Vertrieb gegeben wurde, und schnell in verschiedenen Bestenlisten Platz 1 erreichte. Der Verlag hatte vorher von Michael Moore verlangt, einen Großteil des Buches umzuschreiben und viele ‚unpassende‘ Formulierungen zu entschärfen oder zu streichen. Die bereits gedruckten Exemplare sollten vernichtet werden.

Was im deutschen Wikipedia-Artikel fehlt (nicht aber in dem der englischen WP!), und was Moore in dem gesonderten Penguin-Vorwort erzählt, ist die Geschichte, auf wen der „Wirbel“ eigentlich zurückgeht, der ReganBooks/Harper-Collins bewog, die 50.000 Exemplare in den Verkauf zu geben und nicht zu vernichten. Das ist nämlich die amerikanische Bibliothekarin Ann Sparanese. Sie war in der Veranstaltung am 1. Dezember anwesend. Im Anschluss daran verbreitete sie den Fall von Zensur ohne Moores Wissen in ihren bibliothekarischen Zusammenhängen im Internet auf Seiten, wie Michael Moore schreibt, „devoted to progressive librarian issues“. Sie bat alle, an den Verlag zu schreiben und zu fordern, Moores Buch zu veröffentlichen. Und das taten dann Hunderte, möglicherweise sogar Tausende von BibliothekarInnen in den USA. Kurz danach wurde der Autor von einem äußerst wütenden Vertreter des Verlages angerufen:

„WHAT DID YOU TELL THE LIBRARIANS! … We got it off the Internet. Some librarian is spreading the whole story. AND NOW WE’RE GETTING HATE MAIL FROM LIBRARIANS! … It’s all out in the open now.“

Der Verlag musste sich dem öffentlichen Druck schließlich beugen, und das Buch erklomm rasch die Bestsellerlisten. Moores Hochachtung vor den amerikanischen Bibliothekswesen gipfelt in dem Rat, den er seinem ersten Verleger ReganBooks/Harper Collins (und vielleicht der Bush-Regierung in Bezug auf den Patriot-Act) gibt:

Librarians are certainly one terrorist group you don’t want to mess with.

Moore 2

MoorePS 1: Wie ich darauf komme, dass diese Geschichte in Deutschland kaum jemand kennt, auch Bibliothekswesen nicht? Machen Sie doch einmal eine Google-Suche mit dem String „Ann Sparanese“. Das bringt 15.400 Treffer. Führen Sie jetzt dieselbe Suche mit „Seiten auf deutsch“ durch. Ergebnis? 65 Treffer, davon nur zwei aus dem bibliothekarischen Umfeld, und nur einer mit Relevanz.

PS 2: Welcher dieser eine Treffer wohl ist? Nun, auf die Geschichte mit Ann Sparanese und den Fall von versuchter Zensur hat Edlef Stabenau, mit präzisen Quellen, in einem recht kurzen Post bereits am 7.1.2002 im Netbib Weblog aufmerksam gemacht. Nicht aber auf Moores lustige Erklärung für das „Shhhhhh“. Aus Stabenaus Beitrag lässt sich schließen, dass ihm das Vorwort dieser speziellen Ausgabe nicht vorlag bzw. bekannt war.

PS 3: Auf das Vorwort, aus dem ich zitiere, kann ich nicht verlinken, weil Moores Buch natürlich nicht online ist. Mit der Amazon-Blick-ins-Buch-Funktion lässt sich aber nachprüfen, dass die beiden Ausgaben (die beiden ersten, die bei der Amazon-Ergebnis-Liste der englischen Bücher des Titels vorn stehen) verschiedene Vorworte haben, denn zumindest die Inhaltsverzeichnisse sind einsehbar.


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