Verfasst von: haferklee | 6. Dezember 2009

Frau Passig, Greser + Lenz, und die Gewerkschaften

Kathrin Passigs aktuelle Bemerkungen über „Standardsituationen der Technologiekritik“ sind so lustig zu lesen wie richtig, und sie dürften in der Biblioblogosphäre, spätestens seit Archivalia darauf hingewiesen hat, inzwischen bekannt sein. Sollte jemand aus dem bibliothekarischen Umfeld noch nicht dazu gekommen sein, sich ihre Beobachtungen und Thesen zu Gemüte zu führen, die/der sei nachdrücklich auf den für unser Berufsfeld sehr provokanten letzten Satz hingewiesen:

Mit etwas Glück hat der Staat ein Einsehen und bietet in Zukunft Erwachsenenbildungsmaßnahmen an, in denen man hinderlich gewordenes Wissen – sagen wir: über Bibliotheken, Schreibmaschinen, Verlage oder das Fernsehen – ablegen kann.

Dabei ist Passig in der Gesamtwertung durchaus nicht einseitig:

Die hier versammelten Einwände gegen neue Technologien sind nicht automatisch unberechtigt – es ist lediglich nicht sehr wahrscheinlich, dass man damit valide Kritikpunkte identifiziert.

Ein letzter meines Erachtens wichtiger Aspekt sei noch hervorgehoben:

Das eigentlich Bemerkenswerte am öffentlich geäußerten Missmut über das Neue aber ist, wie stark er vom Lebensalter und wie wenig vom Gegenstand der Kritik abhängt. Dieselben Menschen, die in den Neunzigern das Internet begrüßten, lehnen zehn Jahre später dessen Weiterentwicklungen mit eben jenen damals belächelten Argumenten ab. Es ist leicht, Technologien zu schätzen und zu nutzen, die einem mit 25 oder 30 Status- und Wissensvorsprünge verschaffen. Wenn es einige Jahre später die eigenen Pfründen sind, die gegen den Fortschritt verteidigt werden müssen, wird es schwieriger.

Das sehe ich genauso. Die wichtigste Trennlinie zwischen Computer- bzw. Web 2.0-NutzerInnen und NichtnutzerInnen (allgemeiner gesagt: bei der Akzeptanz neuer Technologien) scheint mir (neben vielen anderen, z.B. Beruf, Wohnort, Geschlecht) immer noch das Lebensalter zu sein. Und da wir ja alle älter werden, dürfte es kaum jemanden unter uns geben, die/der nicht einmal an irgend einer Abwehrschlacht auf der defensiven Seite beteiligt war und verloren hat.

Wer die Zeit für die Lektüre nicht aufbringen möchte, sei auf einen grandiosen Cartoon des Zeichnerduos Greser & Lenz hingewiesen, der das, wofür Frau Passig etliche Sätze braucht, in einem einzigen Bild ausdrückt. Greser & Lenz haben dort die Abwehrkämpfe gegen technisch-gesellschaftliche Veränderungen in einem meines Erachtens klassischen Bild zum Ausdruck gebracht.

Ihre Zeichnung führt mich weiter zu einem Artikel in der Wiener Straßenzeitung „Augustin„. Dort wurde vor einiger Zeit eine Kollegin aus der Stadtteilbibliothek in der Wiener Zirkusgasse vorgestellt, ein Portrait übrigens, das die bekannten Klischees vermeidet. Die 57-jährige Bibliothekarin sagt zur Frage, ob die Wiener weniger lesen als früher:

Die Leute würden heute genauso viel lesen, animiert durch das Internet und die Notwendigkeit, sich weiter zu bilden, vielleicht sogar mehr. Übrigens sagt das eine, die es wissen sollte: „Ich war anfangs eine scharfe Gegnerin des Computers.“

Wir sehen: auch hier hat einmal eine Abwehrschlacht stattgefunden. Und ich möchte wetten, dass es eine Schlacht war, an der diese Wiener Kollegin, die auch Personalvertreterin ist, nicht zufällig beteiligt war. Außer ihr waren darin manche andere, heute ältere Semester unseres Berufsstandes verwickelt, insbesondere diejenigen, die den Gewerkschaften nahe gestanden haben. Ich erinnere mich sehr gut, wie etwa in der zweiten Siebzigerhälfte und zu Beginn der 80er Jahre die Gewerkschaften Sturm gegen die Automatisierung in der Arbeitswelt, auch in den Bibliotheken, gelaufen sind mit dem Argument, dass dadurch massenweise Arbeitsplätze vernichtet würden. Diese Argumentation fand auch ich als junger Bibliotheksstudent und späterer Berufsanfänger sehr überzeugend, und sie ist ja auch keineswegs falsch. Die Gewerkschaften, in ihrer Wirkung eine strukturell konservative Bastion, konnten oder wollten aber damals nicht sehen, dass die Veränderungen nicht nur negative Auswirkungen haben würden. Bei mir hat damals die Haltung, EDV sei arbeitsplatzvernichtendes Teufelszeug, recht lange angehalten.


Responses

  1. Der Artikel von Kathrin Passig hat aus meiner Sicht auch vieles sehr gut auf den Punkt gebracht. Danke für die Empfehlung!

    Ich glaube, dass viele Diskussion rund um neue Entwicklungen einfacher werden, wenn man die Arbeitsplatzthematik einmal außen vor lässt.

    Statt zu fragen „Wie kriege ich möglichst viele Leute beschäftigt?“ sollte man eher fragen „Was soll eine Gesellschaft / ein Wirtschaftssystem eigentlich an Waren und Dienstleistungen produzieren?“. Ich glaube, dass sich dann die erste Frage weitgehend von selbst beantwortet.


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