Verfasst von: haferklee | 26. März 2010

Die Schwarzen, die Grauen und die Weißen – mein Rückblick auf Leipzig

Dass die Veranstaltungen in Leipzig überfüllt waren, ist mittlerweile hinlänglich bekannt. Ich habe dort ebenfalls deutlich länger gestanden, als mein Orthopäde zugelassen hätte.
Viele der Vorträge liegen inzwischen als Folie vor, ich konzentriere mich bei meiner Berichterstattung deshalb auf dort nicht vorkommende Nachfragen und Diskussionen.

Los ging es bei mir mit der Session zum sterbenden OPAC, die erwartbar hoffnungslos überfüllt war und bei der der Sauerstoffgehalt der Luft nach kurzer Zeit auf für Menschen unverträglichem Level lag. Es wurden in einer fast vierstündigen Mammutsession fünf Projekte zur OPAC-Entwicklung in Deutschland vorgestellt, dazu kam noch VuFind. Die Veranstaltung bot einen konzentrierten Überblick über die im Prinzip ja bekannten und durch Fachpublikationen und Blogs dokumentierten Entwicklungen. Insofern gab es zwar sehr viel Interessantes zu hören, aber nicht viel wirklich Neues. Mit einer Ausnahme: Oliver Flimm konnte über die erst wenige Tage zuvor gefallene Entscheidung berichten, dass mehrere Kölner Bibliotheken in Kooperation mit dem HBZ ihre bibliographischen Daten zur freien Nutzung zur Verfügung stellen. Es gab zwar spontanen Beifall, aber eben doch nur von zwei, drei üblichen Verdächtigen; das Plenum schien nach meinem Eindruck, obwohl die Nachricht ja schon in der Biblioblogosphäre die Runde gemacht hatte, eher überrascht zu sein, oder die Bedeutung dieses Signals nicht einschätzen zu können und sich deshalb auch zurückhalten zu wollen. Es gab keinerlei Nachfrage, Kritik oder Diskussion! Ich würde mir für den nächsten Bibliothekartag eine Podiumsdiskussion mit Publikumsbeteiligung zu genau dieser Frage wünschen: sollen die Katalogdaten der aus Steuermitteln finanzierten Bibliotheken frei gegeben werden? Befürworter werden sich leicht finden lassen, aber wer hat den Mut, entschieden für die Nichtfreigabe der Katalogdaten zu plädieren? Und aus welchen Gründen? Übrigens scheint mir der Hinweis darauf, dass Katalogdaten schon immer frei waren, nicht sehr sinnig zu sein. Das trifft auf analoge Katalogdaten zwar theoretisch zu, praktisch war aber eine massenhafte anderweitige Verwendung der Daten eben nicht möglich. Den erfrischendsten Vortrag in dieser Session hat sicher Anne Christensen gehalten, und das von ihr vorgestellte beluga-Projekt hebt sich ob seines Ansatzes, vor Veränderungen Benutzerbefragungen durchzuführen, deutlich aus den anderen heraus. Durchaus berechtigt scheint mir der kritische Hinweis aus dem Publikum zum Kölner Projekt, dass durch die „Neuentwicklung“ KUG und den weiterhin bestehenden Alt-OPAC Verwirrung bei den NutzerInnen gestiftet werde, da zwei Kataloge mit unterschiedlichen Oberflächen und Funktionen für die USB Köln angeboten werden. (Übrigens gibt es vom Alt-OPAC der USB Köln einen Link zum KUG, umgekehrt aber nicht.) Ob auf diese Art und Weise Christensens Fazit, dass der OPAC-Uniformismus tot sei, bestätigt werden soll? Ein Fazit, mit dem ich übrigens nicht wirklich glücklich bin. Man stelle sich vor, in jeder deutschen Stadt hätte Amazon eine andere Oberfläche mit unterschiedlichen Funktionen, Merklisten und ähnlichem; und nicht nur das: was, wenn in jeder Stadt auch noch mehrere unterschiedliche Amazon-Oberflächen in Betrieb wären? Christensens Forderung, in Bibliotheken neben Informatikern auch Webdesigner einzustellen, ist nicht ohne Berechtigung, aber deren Aufgabe wäre es nach meiner Ansicht auch, OPAC-Oberflächen nicht zu diversifizieren, sondern sie tendenziell eher anzugleichen und für gute Standards zu sorgen.
Auch die Anbindung von PaperC an den KUG wurde aus dem Plenum problematisiert, weil es sich hierbei um die Zusammenarbeit mit einem kommerziellen Anbieter handele, die in anderen Fällen (Amazon) als zu Recht kritisch eingestuft werde. Da teile ich aber Flimms Hinweis, dass man in diesem Fall eben nicht direkt die Kreditkarte zücken müsse, sondern zuerst einmal ein freies Angebot bekomme.

Die Session am Mittwoch Nachmittag zu „Benutzererwartungen in (wissenschaftlichen) Bibliotheken“ war für mich zunächst wenig ergiebig, was allerdings an meiner bibliothekarischen Situation liegt. Geweckt hat mich dann der lebhafte und im Gegensatz zu den anderen Referentinnen abseits des Pultes gehaltene, kurzfristig hinzugekommene Vortrag von Lambert Heller, der sich zur Überraschung vieler zwei mal direkt mit Fragen zum eigenen Web 2.-0-Verhalten an das Plenum wandte und das Publikum drängend aufforderte, endlich die Veränderungen im Kommunikationsverhalten überwiegend jüngerer Menschen durch die sozialen Netzwerke wahrzunehmen. Allerdings, und offen gesagt: zwei seiner ans Publikum gerichteten Vorschläge, Benutzererwartungen zur eigenen Bibliothek mittels simpler, sofort nachvollziehbarer Techniken zu ermitteln, halte ich für nicht sehr seriös. Heller kann doch nicht ernsthaft der Meinung sein, dass man über Googles Hinweisfunktion auf bereits vollzogene Suchen bei einer Teileingabe des Namens der eigenen Bibliothek (sein Beispiel war „tib hann“) tiefer gehende Hinweise zu Benutzererwartungen bekommt; und ebenso wenig durch die von ihm genannte „site“-Suche nach der eigenen Institution in delicious. Das war aber die Überschrift der Session. Insofern war sein überzeugender Vortrag eher ein gut begründetes und gleichzeitig emotionales Plädoyer an die Anwesenden, die Zeichen der Zeit endlich wahrzunehmen, als ein klassischer Beitrag zum Thema der Session.

Nach einer Pause fand im selben Raum eine Podiumsdiskussion der Zukunftswerkstatt mit der Dienstleistungskommission des dbv statt. Und siehe da: während der Saal vorher überbelegt war, konnte ich mir den Sitzplatz jetzt aussuchen – das Interesse an dieser Veranstaltung war überraschend gering. Die wortreichen Beiträge der Zukunftswerkstatt hat Thomas Hapke treffend beschrieben:

Obwohl man den missionarischen Eifer, einen Schuss von Naivität und Kritiklosigkeit mancher Akteure der Zukunftswerkstatt sicher auch kritisch sehen kann, überwiegen für mich eindeutig die positiven Anregungen für das Bibliothekswesen.

Edlef Stabenau äußerte in der Diskussion eine sehr pessimistische Sicht auf die (Informations)Kompetenz und den Veränderungswillen des Berufsstandes; ihm wurde aus dem Publikum widersprochen. Auch insgesamt war das ja ein unausgesprochenes Thema dieses Bibliothekartages: die Spaltung der Berufswelt in diejenigen, die sich den gravierenden Veränderungen nicht stellen wollen (die Schwarzen) und den Vorreitern bei dieser Entwicklung (die Weißen). Ja, diese Spaltung gibt es, in der bibliothekarischen Fachwelt ebenso wie im Rest der Gesellschaft. Aber meiner Meinung nach zu Recht wurde aus dem Publikum angemahnt, diese Schwarz-weiß-Zeichnung unserer Fachwelt zu überwinden und auch die Graustufen zu sehen. Es gebe viele Kolleginnen und Kollegen, die zusätzlich zu den early adopters neugierig seien, und auf diese müsse man setzen. Hinderlicher bei der Entwicklung und dem Einsatz von 2.0-Möglichkeiten im bibliothekarischen Einsatz scheint mir da der zähe hierarchische Aufbau unserer Bibliotheken und seiner darin arbeitenden Wesen zu sein; für mich wurde bei einigen Wortbeiträgen der Dienstleistungskommission wieder einmal erschreckend deutlich, dass Bibliotheken ihre behördenartige, hierarchische, stark laufbahnorientierte Verfasstheit nur schwer werden überwinden können, solange die darin das Sagen habenden Bibliothekswesen es nicht wollen, was für einen Entwicklungsprozess hin zu partizipativen Web 2.0-Anwendungen sehr hinderlich ist.

Ein anderer Beitrag aus dem Publikum wies darauf hin, die historische Perspektive nicht zu vergessen und zu sehen, dass BibliothekarInnen schon mehrfach, beispielsweise beim Wechsel von der Theken- zur Freihandbibliothek, ihren Veränderungswillen unter Beweis gestellt hätten. Mir fällt dazu ein, dass ich mich selbst noch an Vorlesungen bei Heinz Emunds, dem Vordenker der Dreigeteilten Bibliothek, erinnere, in denen er mahnte, nicht bei der Freihandbibliothek stehenzubleiben, sondern veränderte Interessen und Verhaltensweisen der NutzerInnen umzusetzen. Nun waren beides, die Ablösung der Theken- durch die Freihand- und deren Weiterentwicklung zur Dreigliedrigen Bibliothek, sicher mehr oder weniger große Paradigmenwechsel in der Einstellung zu den NutzerInnen. Trotzdem spielte sich das innerhalb der analogen Welt ab. Zu Recht wies deshalb ein anderer Publikumsbeitrag darauf hin, dass der Umbruch in die digitale Welt ein absolut radikaler Wechsel sei, wie es ihn seit der Erfindung des Buchdrucks nicht gegeben habe, und dass vermutlich in absehbarer Zeit alle Informationen in digitaler Form vorlägen.
Um noch einmal zur Spaltung zurückzukommen: es gibt nun einmal in erster Linie den Generationenbruch als Grund für die Nichtakzeptanz neuer Kommunikationsstrukturen. Kommunikation ist gelerntes Verhalten, und es sind nicht viele über 45 freiwillig bereit, ihre Beziehungen zu ihrer Umwelt mit völlig anderen Verfahren zu regeln, so lange nicht gleichzeitig die eigene, gleichaltrige peergroup ebenso handelt. Während es für 25jährigeStudis völlig normal ist, fast alle Geburtstagsglückwünsche via StudiVZ zu erhalten, bleiben die 50+ dabei, persönlich, telefonisch, maximal per Mail gratulieren zu wollen, was ja auch kein Problem ist. Vorzuwerfen wäre den Mitgliedern unseres Berufsstandes allerdings, dass die Veränderungen berufliche Auswirkungen haben. Trotzdem sehe ich da, um noch einmal darauf zurückzukommen, nicht so schwarz wie Stabenau. Es muss nur ein relativ kleiner Teil der Bibliothekswesen den Ausbilderschein haben, um in der Gesamtheit gut ausbilden zu können. Und genau so müssen nicht alle Bibliothekswesen fit in sozialer Software sein. Wichtig ist aber, dass die Leitungen die Bedeutung dieser Handlungsfelder erkennen und dann den neugierigen Grauen, egal ob jung oder alt, und egal welcher Laufbahn angehörig, die Möglichkeit gibt, mitzumischen.


Responses

  1. […] Gerhard: Die Schwarzen, die Grauen und die Weißen – mein Rückblick auf Leipzig, Haferklees Ausblicke, […]

  2. Zu PaperC: es stimmt, ich habe die Anbindung von PaperC „problematisiert“, aber eher im Hinblick auf die Frage, wie in Köln der KUG „konfektioniert“ wird. Also: wer bestimmt, nach welchen Kriterien wird ausgewählt. Ich habe so ein bisschen den Eindruck, dass es manchmal nach Aufwandsabschätzungen läuft (Flimm: dauerte nur 10 Minuten) und alles hineingehackt wird, was geht. Irgendwann brauchen wir dann wirklich dreidimensionale Bildschirme und sehen den Wald vor lauter Bäumen nicht mehr. Prinzipiell hat mir der Vortrag von Oliver Flimm aber gut gefallen. Wahrscheinlich würde ich PaperC auch einbinden😉

  3. @Kaethe Moss: Vielen Dank für die Ergänzung/Korrektur. Nach meiner Erinnerung hat Flimm auf die Frage, wer bestimme, was hineinkomme, geantwortet, dass das in einem Gremium von mehreren Personen geschehe.
    Über die wichtige Frage der „Konfektionierung“ hinaus wurde aber das Problem der Einbindung von Angeboten kommerzieller Anbieter ebenfalls diskutiert. Im Endergebnis schien mir für den Fall PaperC ein Konsens für die Einbindung zu bestehen. Das würde auch zwei anderen Vorgehensweisen von Bibliotheken entsprechen: erstens der Einbindung kostenloser Angebote kommerzieller Firmen in die allgemeine Website (z. B. Mashups mit Google Maps), und zweitens dem kostenlosen Leseangebot von Printpublikationen. Auch hier müssen NutzerInnen für jede Kopie aus nicht entleihbaren Werken zahlen, wenn auch an die Bibliothek.

  4. Ich bin nur bedingt pessimistisch (sonst hätten Christian und ich auch nicht die Kurse für Bibliothekswesen angeboten ;-))
    Was micht stört, ist dieser missionarische Ansatz überall: „Wir beglücken die NutzerInnen mit unseren bibliothekarischen Dienstleistungen“, die aber heutzutage nicht mehr so viele so richtig interessieren.
    Viele schreiben, kaum einer tut etwas… Wie Lambert sagte: „ich erzähle hier seit ca. 5 Jahren immer wieder das Gleiche“, langsam muesste man sich mal mit den „neuen“ Dienste auseinandersetzen und nicht nur interessiert auf diversen Tagungen, Workshops usw. den „Weißen“ zu lauschen.
    G.B. Shaw, aus dem Gedächnis:

    Wer etwas kann, tut es; wer etwas nicht kann, lehrt es

    Warum gibt es weltweit (seit 2006!)Learning 2.0 : 23 things you can do to become web 2.0 savvy in über 400 Bibliotheken, die den Kurs anbieten, nur Deutschland ist ein weisser Fleck?

  5. @Edlef S.: Auch hier vielen Dank für Ergänzung/Korrektur. Anscheinend sind bei mir die Äußerungen etwas pessimistischer angekommen, als sie gesendet wurden.

  6. Zu PaperC: es handelt sich derzeit um ca. 2700 Titel…die paar Bücher…das ist doch wirklich kein Problem der Überschwemmung, sondern ein zusätzlicher sinnvoller Service


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