Verfasst von: haferklee | 9. Juni 2010

Der kommunikative Generationenbruch, erklärt an einem Beispiel aus Afrika

So wie es den Medienbruch gibt, gibt es auch einen Generationenbruch, und zwar bei der Anwendung von sozialer Software und der Akzeptanz digitaler Kommunikationsmittel. In der Mehrzahl gehören deren AnwenderInnen zu den jüngeren Jahrgängen, die Verweigerer eher zur älteren Generation. Warum dieser Generationenbruch so schwer zu überwinden ist, möchte ich an einem Beispiel aus Afrika zeigen.

Ein Mitarbeiter der GTZ berichtete mir Anfang der 90er über ein afrikanisches Dorf, dessen Bewohnerinnen weit zum nächsten Fluss gehen mussten, um von dort das Wasser zu holen. Zudem wurden sie dabei, im Fluss stehend, noch von unangenehmen Blutegeln geplagt. Deshalb bohrte die GTZ in einem Projekt mit großem Aufwand und viel Geldeinsatz nahe beim Dorf einen Brunnen. Die Evaluierung im folgenden Jahr ergab: der Brunnen war nicht gepflegt, die Frauen gingen, nachdem die feierliche Eröffnung vorbei und die GTZ-Techniker abgereist waren, wie gewohnt zum Fluss. Die GTZ hatte übersehen, dass die Frauen sich nicht allein deshalb zum Fluss aufmachten, um Wasser zu holen. Sie gingen inzwischen seit ewigen Zeiten gemeinsam dorthin und nutzten traditionell den langen Weg und den Aufenthalt am Fluss, um zu kommunizieren und abseits vom Dorf und den Männern in Ruhe ihre Probleme besprechen zu können. Das war am Brunnen so nicht mehr möglich. Das Projekt scheiterte (zunächst), weil man nicht bedacht hatte, dass man mit der neuen Technik in ein eingespieltes, altbewährtes Kommunikationsverhalten eingegriffen hatte, das sich aber nicht von heute auf morgen verändern ließ.

Was lehrt uns diese Geschichte? Zwischenmenschliche Kommunikation ist gelerntes Verhalten und nur schwer veränderbar. Aus dem gleichen Grund wird die Generation 50+ in der Breite ihr Kommunikationsverhalten nicht mehr von gelernt/eingespielt/funktionierend auf digital umstellen. Sie haben ihre bewährten Muster und Kanäle, haben überwiegend genügend Kontakte und deshalb kein Interesse, für sie zeitfressende neue Kommunikationskanäle bedienen zu lernen. Auch wenn wir versuchen müssen, den Generationenbruch zu überwinden, wird er sich letztlich einfach auswachsen müssen. Die Älteren werden weiter zum Fluss gehen. Aber diejenigen, die mit einem Brunnen aufwachsen, werden ihn auch nutzen.

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Responses

  1. Ganz so deutlich ist eine Trennung zwischen „den Jüngeren“ und „den Älteren“ nicht möglich. Wenn man sich z.B. mal aktuelle Facebook-Nutzerzahlen ansieht, dann wird klar, dass durchaus auch ältere aktiv sind. Zwar schon weniger als die jüngeren, aber bei weitem nicht so extrem wie man das vermuten würde.

    http://facebookmarketing.de/zahlen_fakten/facebook-deutschland-nutzerzahlen-juni-2010

  2. @Marvis: Vielen Dank für den Hinweis auf die FB-Statistik. Ja, FB’s diesjähriger riesiger Boom (mit der aktuellen kleinen Datenschutzdiskussions-Delle) ist sicher hochinteressant und hat eindeutig auch ältere Jahrgänge erfasst. Aber ich zweifle trotzdem daran, dass die jetzige Generation 50+ ihr Kommunikationsverhalten in der Mehrheit (was ich mit „in der Breite“ meinte) umstellen wird. Das Mai-Juni-2010-Wachstum bei Facebook liegt im Altersbereich 25-34 bei + 7,94 %, im Bereich 45-54 bei 4,22 % und im Bereich 54+ bei 1,86 %, ist also bei den Jüngeren wesentlich rasanter als bei den Älteren, obwohl doch schon mehr Jüngere Mitglied sind; die Altersschere geht nach meiner Interpretation also eher auseinander. Und ich glaube, dass die Älteren manchmal wegen ihrer Kinder zunächst Mitglied werden, danach aber eher inaktiv bleiben. Ich bin sehr gespannt darauf, wie sich das weiter entwickelt.


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