Verfasst von: haferklee | 29. Mai 2011

Rekordverdächtig: Der wohl dienstälteste Bibliotheksleiter Deutschlands geht in den Ruhestand

Im Februar 1977 hat er seinen Dienst als Leiter der damals so genannten Organisationseinheit „Dokumentation/Bibliothek“ in der „Bundesforschungsanstalt für Naturschutz und Landschaftsökologie“ (BFANL) angetreten. Ende Mai 2011 geht Dr. Rainer Flüeck mit 65 Jahren als Chef des daraus hervorgegangenen Fachgebietes „Literaturdokumentation, -information, Bibliotheken, Schriftleitung“ beim Nachfolger der BFANL, dem heutigen „Bundesamt für Naturschutz“ (BfN), in den Ruhestand. Das BfN ist eine der drei wissenschaftlichen Behörden im Geschäftsbereich des Bundesumweltministeriums. Mit seinen mehr als 34 Dienstjahren als Leiter dürfte er damit Deutschlands zumindest derzeit dienstältester Bibliotheksleiter sein. Hat er auch einen Allzeitrekord aufgestellt? Sachdienliche Hinweise dazu bitte mit Hilfe der Kommentarfunktion.

Die Namensänderungen sowohl in der Trägereinrichtung als auch in der Bibliothek des Hauses spiegeln sehr schön die entsprechenden Entwicklungen wider.
1977 gehörte die damalige BFANL noch in den Geschäftsbereich des Bundeslandwirtschaftsministeriums und hatte keine besondere politische Bedeutung. Dazu war sie zu jener Zeit mit 64 Personen auch viel zu knapp besetzt. Inhaltlich brachten die Wissenschaftler des Hauses (ja, damals nur Männer!) im selben Jahr aber die erste deutsche „Rote Liste der gefährdeten Tiere und Pflanzen“ heraus, eine bis heute bewährte Methode, deren aktueller Stand im Erscheinen begriffen ist. 1986 wurde als Folge des Reaktorunfalls in Tschernobyl das Bundesumweltministerium gegründet, in dessen Geschäftsbereich die BFANL wechselte. Seither baute man die Behörde kontinuierlich aus. 1993 wurde sie zu einem Bundesamt mit Vollzugsaufgaben, dem man nach und nach viele neue Aufgaben übertrug. Dazu zählte beispielsweise die Mitsprache bei der Freisetzung von gentechnisch veränderten Organismen. Als Folge der Wiedervereinigung verfügt die in Bonn angesiedelte Einrichtung über zwei Außenstellen in Ostdeutschland, davon eine in Leipzig; mit der anderen gehört ihr sogar eine eigene Insel, denn dabei handelt es sich um die im Greifswalder Bodden liegende Insel Vilm, auf der eine Naturschutzakademie angesiedelt ist. Mittlerweile arbeiten im Bundesamt für Naturschutz ungefähr 340 Personen auf etwa 240 Stellen.

Beim Ausbau der Trägereinrichtung hat man die Bibliothek und Dokumentationsstelle zum Glück (bisher) nicht übersehen. Im Jahr 1906 an der ersten Vorgängereinrichtung des BfN gegründet und lange in Berlin ansässig, besteht die Bibliothek inzwischen seit 105 Jahren. Damit ist sie die älteste und nebenbei auch größte wissenschaftliche Spezialbibliothek zum Naturschutz im deutschsprachigen Raum. Nach schweren Kriegsverlusten im Zweiten Weltkrieg 1950 in Bonn wiedergegründet, gliederte man ihr 1954 eine Literaturdokumentationsstelle an. Dort begann Dr. Rainer Flüeck 1977 seine Tätigkeit und fand damals drei weitere Kolleginnen vor. Er übernahm eine analog arbeitende Bibliothek mit einem Zettelkatalog als zentralem Arbeitsinstrument, die Dokumentation gab zu jener Zeit eine Referatezeitschrift heraus. Und dann kam es im Gefolge der zunächst noch allmählichen, aber unaufhaltsamen informationstechnischen Entwicklung zu all jenen Umbrüchen und schließlich rasch aufeinanderfolgenden Änderungen, die allen Kolleginnen und Kollegen jenseits der Fünfzig wohlvertraut sind, und deren Umsetzung in seiner Einrichtung Rainer Flüeck vorantreiben und steuern musste. Das hat er mit großem Weitblick und gleichzeitig mit Augenmaß, im Dienst der Sache und vor allem der Beschäftigten, und stets im Blick auf die Nutzerinnen und Nutzer getan. Der Erfolg von Flüecks Wirken ist an einigen Zahlen leicht abzulesen. Die Bibliothek verfügt heute über 140.000 Medieneinheiten und hat drei Standorte in Deutschland. Ihr Katalog ist seit 11 Jahren kostenlos im Internet, und seit 1993 gehört auch die redaktionelle Betreuung der hauseigenen wissenschaftlichen Publikationen zum Aufgabenbereich. In seinem Fachgebiet arbeiten inzwischen 9 Frauen und sechs Männer auf etwa 10 Stellen.

Dr. Rainer Flüeck verlässt einen gut funktionierenden und im Hause anerkannten Arbeitsbereich. Ob das in dieser Qualität so bleiben wird, ist allerdings unsicher. Denn der zweite große Wermutstropfen, außer, ihn als Chef und Kollegen zu verlieren, ist, dass seine Stelle den Einsparvorgaben des Bundes zum Opfer fällt und nicht wiederbesetzt wird. Damit geht der Bibliothek eine von zwei Wissenschaftlerstellen verloren, ein Verlust, der kaum zu verkraften sein wird.


Schreibe einen Kommentar

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

Kategorien

%d Bloggern gefällt das: