Verfasst von: haferklee | 23. November 2011

Bibliothekare entdecken bisher unbekannten Vordenker des deutschen Naturschutzes – 1: Naturschutzteil

Für Historiker ist die Entdeckung, die zwei Bonner Bibliothekare gemacht haben, durchaus eine kleine Überraschung, für den etwas spezialisierteren Kreis der Naturschutzhistoriker aber sogar eine richtige Sensation. Es geht dabei um die Frage, wer als Erster das Wort „Naturschutz“ verwendet hat, ein Begriff, den wir heutzutage völlig selbstverständlich aussprechen. Die Antwort darauf ist durchaus nicht unwichtig, denn das Auftauchen eines Begriffs in der Literatur zeigt eben auch das Nachdenken über den Gegenstand an; bei einem so handlungsbezogenen Begriff wie diesem eventuell auch, ab wann entsprechend gehandelt wurde.
Der Naturschutz hat insgesamt noch keine sehr lange Geschichte. Abgesehen von punktuellen, lokalen Schutzbemühungen, setzt die deutsche Naturschutzgeschichte erst im letzten Viertel des 19. Jahrhunderts ein, und in anderen europäischen Ländern und den USA ist das nicht anders. Unter Naturschutzhistorikern galten bisher insbesondere drei Personen als Begründer des deutschen Naturschutzes:

  • Der Musiker Ernst Rudorff: Von ihm ist ein Tagebucheintrag aus dem Jahr 1888 belegt, der seit seiner Publikation 1939 als erste belegte Verwendung des Wortes „Naturschutz“ gilt. (In einem Buchtitel taucht nach bisheriger Erkenntnis der Begriff übrigens erstmals 1903 auf.) Zudem gilt ein mehrseitiger Zeitschriftenaufsatz von ihm aus dem Jahr 1880 als so etwas wie eine erste programmatische Schrift zum Thema, allerdings noch ohne Verwendung des Wortes. 1990 wurde anlässlich seines 150. Geburtstages eine Briefmarke herausgegeben mit der Beschriftung „Begründer des Naturschutzes“.
  • Der Reformpädagoge und Politiker Wilhelm Wetekamp: Er brachte das Thema erstmals in ein deutsches Parlament und forderte 1898 im preußischen Abgeordnetenhaus die Einrichtung von „Staatsparks“ zum Schutz der Natur nach amerikanischen Vorbild; wir nennen diese Einrichtungen heute Nationalparks.
  • Der Botaniker Hugo Conwentz: Er erarbeitete für den preußischen Staat zu Beginn des 20. Jahrhunderts die Grundlagen des staatlichen Naturschutzes. Seine Arbeit führte 1906 zur Errichtung der „Staatlichen Stelle für Naturdenkmalpflege“ in Preußen, der ersten Vorgängereinrichtung des heutigen Bundesamtes für Naturschutz in Bonn. In dessen Bibliothek arbeiten übrigens die beiden Bibliothekare, um deren Entdeckung es geht, und ihre Bibliothek, an eben jener Staatlichen Stelle 1906 gegründet, ist als älteste Bibliothek für Naturschutz im deutschsprachigen Raum zugleich selbst Teil der Naturschutzgeschichte.

Rainer Koch, dem die Ehre des Erstfundes gebührt, und der Verfasser dieses Blogs haben nun nachgewiesen, dass der bisher nur als Tierpräparator bekannte Philipp Leopold Martin (1815-1885) zeitlich erheblich vor den genannten Personen tätig war und als der Vordenker des deutschen Naturschutzes gelten muss. Er hat nicht nur bereits 1871, also 17 Jahren vor der bisherigen Erstverwendung (die im übrigen ja nur ein belegter Tagebucheintrag war, also nicht einmal eine Publikation!), in einer siebenteiligen Aufsatzserie das Wort „Naturschutz“ in die deutsche Sprache eingeführt. Gleichzeitig hat er, nicht nur neun Jahre früher, sondern auch deutlich umfassender, ein Programm zum Schutz der Natur vorgelegt (Ernst Rudorff; damit stimmt die Briefmarke nicht mehr!). In seiner Schrift fordert er bereits die Einrichtung von Schutzgebieten für die Natur, er nennt sie „Freistätten“ (Wilhelm Wetekamp). Und zur Durchsetzung aller seiner Ideen (und er hat viele) soll eine zentrale staatliche Naturschutzbehörde errichtet werden (Hugo Conwentz). In mehreren weiteren Publikationen hat Martin im darauf folgenden Jahrzehnt seine Überlegungen zum Naturschutz weiter ausgebaut. Das gipfelt in einem etwa 50-seitigen Buchkapitel aus dem Jahr 1882, das ihm so wichtig war, dass er ihm den Titel „Allgemeiner Naturschutz“ gab und diese Bezeichnung mit in den Hauptsachtitel aufnahm.

Kein einziger deutscher Historiker kannte bisher Martins überragende Bedeutung für den deutschen Naturschutz. In einem Aufsatz der Zeitschrift „Natur und Landschaft“ [86 (2011) H. 11, S. 473-480] stellen wir diesen im Naturschutzkontext seit mehr als hundert Jahren [!] in Vergessenheit geratenen Visionär vor. Neben einem Lebensabriss handelt es sich dabei vor allem um kommentierte Auszüge aus seinen naturschutzbezogenen Schriften. Dazu kommen bisherige Einschätzungen der Nachwelt sowie Überlegungen zu seinem Bezug zu anderen zeitgenössischen Naturschützern. Leider liegt die Publikation nicht Open Access vor. (Sie kann aber immerhin zum Preis von 2,95 € als Download erworben werden.) Um dieses Manko abzumildern, wurden die naturschutzbezogenen Schriften Philipp Leopold Martins von der BfN-Bibliothek digitalisiert und stehen im Volltext zur Verfügung. Zusätzlich haben wir eine Bibliographie und einen Lebenslauf dieses außergewöhnlichen Denkers erarbeitet.

Wie wir bei der Entdeckung vorgingen, welche Bedeutung die genutzten Datenquellen für die historische Forschung besitzen und warum in diesem Zusammenhang die Wikipedia zu loben ist, steht im folgenden Beitrag.

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Responses

  1. […] “Bibliothekare entdecken bisher unbekannten Vordenker des deutschen Naturschutzes” (1: Naturschutzteil, 2: Bibliotheksteil) erklärt Gerhard Hachmann, wie er in Zusammenarbeit mit seinem Kollegen Rainer […]


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