Verfasst von: haferklee | 6. Januar 2012

Sind das hier per Definition Bibliotheken oder nicht?

In New York gibt es die Material ConneXion’s Ununsual Library, eine tatsächlich sehr ungewöhnliche Bibliothek. In ihr werden derzeit etwa 5.000 verschiedene Materialien aufbewahrt und präsentiert. Die Bibliothek (Motto: „A global material consultancy and library of innovative and sustainable materials“) wendet sich an EntwicklerInnen jeder Art im Schnittpunkt von Design und Materialien. Um in den Bestand der Bibliothek aufgenommen zu werden, müssen die Materialien laut einem Bericht im Frühjahrsheft 2011 der Zeitschrift „Conservation Magazine“ vier Kriterien genügen: neue Werkstoffverarbeitung, deutlicher Fortschritt zu bestehenden Materialien oder Prozessen, Technologietransfer, Umweltverträglichkeit.  Die Bibliothek hat eine monatliche Liste der Neuerwerbungen (nämlich neu entwickelter Materialien) im Angebot.  Eine kleine Fotogalerie, zusätzlich zu dem Bericht in der eben genannten Zeitschrift, gibt es hier.

Durchaus vergleichbar ist die sogenannte Holzbibliothek im Institut für Holztechnologie und Holzbiologie beim Johann Heinrich von Thünen-Institut in Hamburg:

                                                           Foto: Natalie Hofbauer

Hier werden Proben verschiedenster Hölzer zur Artbestimmung aufbewahrt. Das Ziel ist es,

die individuellen Arten und ihre Herkunft genau und zweifelsfrei bestimmen zu können. Dies ist auch eine Voraussetzung, um Falschdeklarationen in den Handelsdokumenten und Zertifikaten erkennen und die Einfuhr bestandsbedrohter oder CITES-geschützter Holzarten verhindern zu können. (Zitat entnommen diesem Bericht, Seite 2.)

Holzbibliotheken haben einen eigenen Eintrag in der Wikipedia. Eine dort verlinkte Auflistung zählt allein für Deutschland 17 solcher Einrichtungen auf. Im Grunde ähneln sie Herbarien, für die die Bezeichnung Pflanzenbibliothek/Phytothek allerdings unüblich ist.

Beide Einrichtungen nennen sich selbst „Bibliotheken“. Aber sind sie es? Greifen wir auf die bekannte Definition von Ewert/Umstätter zurück (abgedruckt z.B. hier),

Die Bibliothek ist eine Einrichtung, die unter archivarischen, ökonomischen und synoptischen Gesichtspunkten publizierte Information für die Benutzer sammelt, ordnet und verfügbar macht

dann könnte man die in den Einrichtungen aufbewahrten „Materialien“ auch als „Informationen“ betrachten. Ewert/Umstätter schränken aber ein:

Unter Nutzung der informationstheoretischen Erkenntnisse verstehen wir unter Information Nachrichten mit Neuwert, die an Syntax gebunden sind. Letzteres Kriterium ist entscheidend dafür, daß sie als semiotische Zeichen in verschiedenen analogen und digitalen Formen materiell existent werden.

Anschließend führen sie aus, dass sowohl Paul Otlet als auch Suzanne Dupuy-Briet „am Beginn der dreißiger Jahre dreidimensionale Dokumente in die Dokumentation“ mit einschlossen, und weiter:

In diesen Überlegungen kam man u.a. zu der Ansicht, daß auch Tiere in Zoos ein Beleg für ihre freilebenden Artgenossen darstellen und somit als ein „Dokument“ anzusehen sind. Eine solche Auffassung von Dokumenten hat sich zweifellos nicht durchsetzen können. Ihr fehlt der archivarische Gesichtspunkt des zeitlich Unabhängigen, das Akten, Bildern, Büchern, Briefen oder Tonaufzeichnungen anhaftet.

Was nun? Firmieren die obigen Einrichtungen (nach Ewert/Umstätter) unter falschem Namen, oder ist nicht doch die Definition in diesem Punkt zu eng?

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