Verfasst von: haferklee | 3. Juni 2012

„Europäische Bibliotheken gleichen Ausspeisungshallen und Bahnhofswartesälen!“

Zugegeben, dieses Urteil hat, im Gegensatz zu dem zuletzt erwähnten von Rayk Wieland, schon einige Jahrzehnte auf dem Buckel.
Es stammt von Alice Herdan-Zuckmayer, der Ehefrau des Schriftstellers Carl Zuckmayer. Beide mussten nach dem Einmarsch Hitler-Deutschlands in Österreich ihr Heim in Henndorf bei Salzburg verlassen. 1939 wanderten sie mit ihren beiden Töchtern nach Amerika aus, wo sie während der Kriegsjahre eine Farm in Vermont betrieben. Über diese Lebensphase berichtet sie in ihrem 1949 erschienenen Buch „Die Farm in den grünen Bergen“, in dessen umfangreichen Kapiteln „Der Weg zur Bibliothek“ und „Die Bibliothek“ sie ihre Eindrücke des amerikanischen Bibliothekswesens zur Zeit ihres Exils schildert. Beispielhaft für die amerikanischen Universitätsbibliotheken steht die Dartmouth College Library, deren Nutzerin Alice Herdan-Zuckmayer in den Jahren von 1940 bis 1945 war. Liest man diese Passagen, muss man feststellen, dass die amerikanischen UBs den deutschen damals in ihrer Nutzerorientierung um Lichtjahre voraus waren. Interessant ist natürlich die Frage, ob und wie viel sich dieser Abstand bis heute verringert hat.
Wenn man sich dort einmal eingenistet hatte, so erschienen alle anderen Bibliotheken, besonders aber die in Europa, Ausspeisungshallen, Bahnhofswartesälen, Steuerbüros oder Museen zu gleichen, deren variierende und unberechenbare Öffnungs- und Sperrstunden, deren Aufschriften, die aus mannigfachen Verboten bestehen, deren Beamte, in weißgraue Kittel gekleidet, in mir die Vorstellung erwecken, ein Bittsteller, ein Schüler auf Stipendium zu sein, der es sich nicht leisten kann, die nötigen Bücher zu kaufen, und daher ein Almosen entgegennehmen muß, wobei ihm gut auf die Finger geschaut wird, daß er nichts mitgehen läßt.
Am meisten aber stört mich an den europäischen Bibliotheken die Nüchternheit, die Unbeschwingtheit, die den Lesesälen aus allen ihren Staubporen dringt und einen zwingt, sich wie eine Schnecke mit dem geliehenen, ergatterten Buch in sein Haus zurückzuziehen.
In meiner Bibliothek ist man zu Gast, die Angestellten sind gekleidet wie zu einer Teegesellschaft, in deren Bibliotheksräumen man sich aufhält, und die Gastgeber setzen ihren Stolz darein, die Bücher zu haben oder zu beschaffen, für die man sich interessiert.
Es geht gastfreundlich und ungezwungen zu; das Gebäude, die Innenräume, die Einteilung, die Leute dort sind erfüllt von der Atmosphäre des Bedeutenden und Wichtigen, des Bedeutenden, das in vielen Büchern als latente Energie aufgespeichert ist, und des Wichtigen, dieses in das Leben überführen zu können und sie dem Lebendigen nutzbar zu machen.
Das also ist meine Bibliothek, und sie bedeutet nichts Geringeres für mich als auf einem anderen Planeten zu landen.
[Fotoquelle: historiann.com]
Da ist also die Bibliothek: mein Fels, mein Hort, mein Kloster. Die Bibliothek liegt genau in der Mitte der Stadt, das ist kein Zufall, sie haben sich die Mitte ausgedacht und die Mitte gewählt. Das Gebäude hat nach der Südseite einen breiten zweistöckigen Mittelteil mit einem hohen Turm und zwei Seitenflügeln im „Colonial Georgian“-Stil, rote Ziegelwände, weiße Fensterrahmen und Türen und einen weißen Turm. Da das Gebäude auf unebenem Gelände liegt, besteht die Nordseite aus zehn niedrigen Stockwerken, während die übrigen Teile nur aus zwei hohen Stockwerken gebildet sind. Es begrenzt den großen Rasenplatz mit den alten Bäumen …
Vom Ostflügel der Halle kommt man in zwei große Räume, den freundlichen, nüchternen Raum, der nur für Zeitungen bestimmt ist, und dem gegenüber liegenden „Reference“-Raum …, ein Bibliotheksraum wie in einem englischen Schloß … Vor diesem Reference-Raum sitzen von acht Uhr früh bis halb elf Uhr nachts an einem großen Schreibtisch, der bedeckt ist mit kleinen Fragezetteln, Angestellte der Bibliothek und erteilen Auskünfte, freundlich, hilfsbereit, unermüdlich. Sie helfen den Studenten Bücher in der Kartothek suchen und in den Bücherregalen finden, sie suchen ihnen Material … zusammen, sie beraten sie, wo sie ihre Mäntel hinwerfen sollen, und wo sie rauchen, und wo sie nicht rauchen dürfen.
„Obwohl das Privileg des Rauchens kaum jemals in Bibliotheken gestattet ist“, heißt es im Handbuch [der Bibliothek], „wegen der Feuersgefahr, hat sich die Bibliothek entschlossen, um einen angenehmen Platz für die Studenten zu schaffen, das Rauchen im Turm, in den Seminarräumen und im großen Studiersaal zu gestatten.“
Dieser Turm … ist ein Riesensaal. Hier sollen die Studenten zu ihrem Vergnügen lesen und nicht ihrer Prüfungen und Zeugnisse wegen. Hier haben sie bequeme Stühle für sie gebaut. Die Stühle sind so bequem ausgefallen, daß man die Studenten oft reihenweise schnarchen hört … „Hier sollen keine Regeln gelten und keine Beschränkungen“, erklären sie. „Dieser Raum soll als ein Club betrachtet werden. Vielleicht werden sich dann manche Studenten nach Jahren noch daran erinnern, daß sie die wertvollsten Stunden ihrer Universitätszeit dort verbracht haben.“ Die Studenten gruppieren sich ums Kaminfeuer, das bei Abenddämmerung angezündet wird, es herrscht ein angenehmes, von Lampenschirmen gedämpftes Licht, und über allem liegt der Geruch von Kaffee, der im Hintergrund serviert wird.
Da ist ein Stab von Angestellten damit beschäftigt, einem das Buch zu besorgen, das man braucht. Die Antwort „Das gibt es nicht, das kann ich Ihnen nicht beschaffen“ habe ich in all den fünf Jahren, die ich in der Bibliothek arbeitete, niemals gehört.
Da … sind die Zimmer der Bibliothekare und des Leiters der Bibliothek, Zimmer von einer Schönheit und Behaglichkeit, daß man sich fragt, ob die wohl je nach Hause gehen wollen.
Ich gehe also durch die Stockwerke und betrachte die Bücher. Und wie ich durch die Reihen von Hunderttausenden von Büchern gehe, denke ich, die kann ich alle haben, die gehören mir und den Studenten und Professoren und den Gästen, die in die Bibliothek kommen. Dieses Gefühl von allgemeinem Besitz oder gemeinsamem Besitz des Außergewöhnlichen macht es wohl, daß kaum jemanden die Lust ankommt, etwas davon wegzunehmen und zu behalten. Diebstahl ist ein Faktor, mit dem an der Bibliothek nicht gerechnet werden mußte.
Alle Zitate aus diesem Buch, zitiert aus der Ausgabe als Fischer TB, im 432. Tsd 1994.
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