Verfasst von: haferklee | 30. Oktober 2012

Eine Fahrbibliothek im Weltraum

Gibt es ein Science-Fiction-Buch, in dem die Besatzung eines Raumschiffs vollständig aus BibliothekarInnen besteht? Das die Aufgabe hat, die im Weltraum verstreut wohnenden Menschen mit Büchern und Informationen zu versorgen, also als eine Art Fahrbibliothek mit Raketenantrieb zu fungieren?

Ja, das gibt es. Geschrieben hat es das norwegische Multitalent Jon Bing (mehr zum Autor, einem höchst ungewöhnlichen Menschen, auch unten). Bing hat eine Reihe von Jugendromanen rund um das Sternenschiff „Alexandria“ verfasst, dessen Besatzung aus Bibliothekswesen besteht. Natürlich löst sie die Konflikte, in die sie gerät, mit Wissen und nicht mit Gewalt. Der erste Roman der Serie aus dem Jahr 1975, im Original betitelt „Azur – kapteinenes planet“, wurde von Helga Thiele aus dem Norwegischen ins Deutsche übersetzt und erschien 1980 unter dem Titel „Azur – Planet der Kapitäne“ im (Ost)Berliner Kinderbuchverlag. Da ich des Norwegischen nicht mächtig bin, ist es für mich das einzig zugängliche Buch der Reihe.

Die Handlung dieses Romans spielt auf dem viele Lichtjahre von der Erde entfernten Planeten Azur. Der Azur wurde, wie viele andere Planeten im Weltraum auch, vor langer Zeit von Menschen kolonisiert, nachdem es auf der Erde zu großen Umweltproblemen gekommen war. Die Verbindung zwischen den weit verstreut im Weltraum liegenden Planeten stellen Raumschiffe wie die „Alexandria“ her, deren Besatzung aus BibliothekarInnen besteht. Während der jahrelangen Reisen zwischen den Planeten (Warp-Antrieb gibt’s hier nicht) steuert ein Computer die Raumschiffe. Die Mannschaft ist eingefroren und wird jeweils geweckt, wenn sich das nächste Ziel nähert.

Die Sternenschiffe brachten Neuigkeiten von einem Ende der Milchstraße zum anderen. Und womit waren die Schiffe beladen? Mit Informationen, Filmen, Theaterstücken, Romanen, wissenschaftlichen Arbeiten, Gemälden, Musik. Diese Fracht war unendlich mehr wert als eine Ladung von Gold, kostbarem Schmuck oder seltenen Getränken. Eigentlich waren die Sternenschiffe gigantische fliegende Bibliotheken. Die Mannschaftsmitglieder an Bord der Schiffe wurden auch meist „Bibliothekare“ genannt.

Als der Azur erreicht ist, wird ein Bibliothekar namens Kayab zur Kontaktaufnahme auf den Planeten gebracht. Als er die ersten Menschen auf Azur trifft, stellt sich heraus, dass in dieser Zivilisation Bücher verboten sind und es demzufolge Bibliothekare nicht geben darf. Kayab wird niedergeschlagen und eingesperrt. Allerdings geht man recht human mit ihm um. In Gesprächen mit seinen Bewachern erfährt er nach und nach die Geschichte des Planeten Azur.

Seit der Erstbesiedelung haben die Menschen dort für mehrere Jahrhunderte, bis zum Auftauchen der „Alexandria“, keinen Kontakt mehr zu anderen Menschen gehabt. Auch auf dem Azur war es durch ungezügelte und massive Industrialisierung zu lebensbedrohlichen ökologischen Fehlentwicklungen gekommen. In dieser Phase verbreiteten die damaligen Bibliothekare,

„… es werde eines Tages ein Schiff, mit ungeheurem Wissen beladen, von den Sternen kommen. Diese Bibliothekare fütterten die Menschen mit Träumen. … Es gibt verschiedene Träume. Träume voller Hoffnung und Lebensmut. Andere enthalten Ausreden und Lügen. Mit den letzten lullten [die] Bibliothekare die Menschen ein. Sie sagten, ein Sternenschiff mit ungeheurer Wissensfracht werde kommen. Und unter all diesem Wissen werde sich gewiß auch eine Lösung für unsere Probleme finden lassen, ein Weg, wie man der Katastrophe entgehen … könne.“

Das angekündigte Sternenschiff kommt jedoch (noch) nicht, und die Probleme drohen außer Kontrolle zu geraten. In dieser Phase der Geschichte des Azur, dem „Wendepunkt“, übernimmt eine oligarchische Clique die Herrschaft, der sogenannte „Rat der Kapitäne“, dem es mit diktatorischen Mitteln gelingt, die ökologische Katastrophe zu überwinden und das Schicksal des Planeten Azur und seiner Siedler zum Guten zu wenden. Allerdings werden dabei die Fabriken stillgelegt, die Maschinen zertrümmert und die Bücher verboten. Die Kapitäne achten darauf, dass außer ihnen niemand Maschinen herstellt und Bücher besitzt, um die Entwicklung unter Kontrolle behalten zu können. Es werden nur Maschinen hergestellt, die mit Elektrizität aus Wind- und Wasserkraft betrieben werden, Maschinen, die nicht das Gleichgewicht der Natur stören. Computer übrigens gibt es durchaus, die Kommunikationsmittel Radio, Fernsehen und Telefon sind dagegen verboten.

Kayab gelingt es, Meriann, eine Frau, die Mitglied im Rat der Kapitäne ist und deren Stimme Gewicht hat, davon zu überzeugen, dass die strengen Regeln, die früher notwendig waren, veraltet sind und nun womöglich sogar das Gegenteil des einst gut gemeinten bewirken. Die Überwachung der Computer und die Kontrolle sämtlicher Informationen waren einst sinnvoll, führen aber nun zur Unterdrückung des Volkes. Die Gesetze stützen nur noch die Macht der Kapitäne und verhindern, dass sich das Wissen in der Gesellschaft ausbreiten kann.

In einem parallelen Handlungsstrang wird die Geschichte des Waisenjungen Benji erzählt, dem Sohn des letzten Bibliothekars von Azur. Er erhält eine Diskette, die eine rätselhafte Botschaft seines verstorbenen Vaters enthält. Benji findet heraus, dass sein Vater an einem bestimmten Ort einen Schatz für ihn versteckt hat. Er flieht aus seinem Internat und macht sich auf die Suche. Es gelingt ihm, die Botschaft zu entschlüsseln. Sein Vater hat in der Nähe seines letzten Wohnortes einen Raum in einen Felsen gehauen und darin Bücher versteckt, die letzten und einzigen Bücher auf dem Planeten Azur. Benji findet den Raum und die Bücher. Zeitgleich tauchen Kayab und Meriann auf, die sich den Wohnort des letzten Bibliothekars auf Azur anschauen wollten.

Am Schluss des Buches können die Bibliothekare den Rat der Kapitäne überzeugen, die verbotenen Maschinen wieder zuzulassen und das Verbot von Büchern, Radio, Fernsehen und Telefon aufzuheben. Die „Alexandria“ umkreist noch für ein paar Jahre den Azur und versorgt die Bevölkerung mit Informationen. Als sie wieder losfliegt, um zum nächsten Planeten zu gelangen, ist ein neuer Bibliothekar an Bord, denn Benji hat sich entschlossen, diesen Beruf zu ergreifen.

Soweit zur Handlung. Ich sehe das Buch mit heutigen Augen als ein naives Märchen, bei dem ich bestimmte Aspekte aber durchaus interessant finde. Es ist nicht gerade actionlastig oder brutal – es gibt zwei leichte Verletzungen durch einen Unfall und eine kurze Bewusstlosigkeit durch den oben erwähnten Angriff, das war’s auch schon. Spannende Weltraumszenen findet man gar nicht. Insoweit könnte man heutige Jugendliche damit nicht hinter dem Ofen hervor locken, man würde den Jugendroman wohl nicht wie damals erst ab 11 Jahren empfehlen. Allerdings hat sich Jon Bing durchaus an einen komplexen Stoff gewagt. Phantasie kann man ihm in der Ausgestaltung der Flora und Fauna des Azur nicht absprechen: Dort gibt es Brotäpfel, Erdeulen, Flugkatzen, Flußgespenster, Glasfische, Goldmöwen, Lachechsen, Meerestrolle, Moosbären, Schirmvögel, Seidenschafe, Sonnenflieder, Wachsbäume, Zischelnüsse und Zuckerbirken. Zum Teil sind sie hier zu sehen:

Die Umschlagzeichnung und die Bilder im Inneren stammen von dem Illustrator Fred Westphal.

Nun zu den in meinen Augen auch heute noch interessanten Aspekten des Romans. Beginnen wir mit dem Autor.

Jon Bing ist Jurist und Professor für Computerrecht. Er gilt als einer der führenden Experten in Skandinavien zu aktuellen Entwicklungen der Informations- und Wissensgesellschaft. Neben vielen Fachpublikationen und wissenschaftlichen Auszeichnungen kann er auch auf zahlreiche belletristische Werke verweisen, die ebenfalls mehrfach Preise eingeheimst haben. Wenn man eine Vorstellung von seiner Originalität und Skurilität bekommen möchte, schaue man sich dieses einminütige Video auf YouTube an, ein Werbespot für die norwegische Telefongesellschaft Telenor. Darin geht es um die Langzeitaufbewahrung von Daten, die Haltbarkeit von Speichermedien und die Authentizität von elektronischen Signaturen. Der Werbefilm reflektiert nach Bings eigenen Worten darüber am Beispiel einer traditionellen Bibliothek, eines konventionellen Films und moderner Medien. Mitgemacht hat er an diesem Werbefilm übrigens vor allem deshalb, weil er als Science-Fiction-Autor die Möglichkeit bekam, einen Raumanzug tragen zu können. Außerdem ist er in einem altmodischen Nachthemd zu sehen, auf dem sein persönliches Elefanten-Logo aufgedruckt ist.
Jon Bing hat eine Menge für Bibliotheken und Bibliothekswesen übrig: „Bibliothekare sollten doch die Pioniere und Helden in der Wissensgesellschaft sein … Stattdessen werden sie oft missverstanden, sind oft bescheiden und verlegen … Ich verzweifle darüber, dass Bibliothekare und Informationsfachleute sich damit abfinden, dass sie den Rang von Ausputzern oder alten Jungfern in der modernen Informationsgesellschaft zugewiesen bekommen.“

Damit sind wir beim zweiten Aspekt, dem Berufsklischee. Es gibt im Roman keine alten Jungfern mit Dutt; dagegen können Bings Bibliothekswesen ausgezeichnet mit Technik umgehen und Raketen steuern, und sie treten für den freien Zugang zu Wissen und Informationen ein. Andererseits haben sie in einer bestimmten Phase der Entwicklung des Planeten falsch gehandelt. Zur Besatzung des Raumschiffs gehört auch „ein kräftiger Bibliothekar mit roten Haaren und rotem Bart, der lauthals und oft lachte“. Das ist alles schon recht variantenreich. Trotzdem blieb bei mir ein klischeehafter Eindruck hängen. Die BibliothekarInnen der „Alexandria“ sind durchgehend sehr friedfertige Personen, die niemals Gewalt anwenden, Konflikte stattdessen durch Überzeugen lösen, emphatisch handeln und sehr, sehr viel Zeit und Geduld haben.

Interessant finde ich auch das Verhältnis von Computern und Büchern im Roman. Computer werden bereits in der Schule eingesetzt, und sie sind vernetzt. Dabei ist es so, dass die Kinder nicht mehr unbedingt selbst rechnen oder reines Faktenwissen pauken müssen. Stattdessen werden sie dazu angehalten, ihren Computern die richtigen Fragen zu stellen, um das in Datenbanken verfügbare Wissen zu erlangen; im Grunde handelt es sich um eine Schulung zur Informationskompetenz. Computer werden allerdings nur mit zweckgerichteten Daten gefüttert. „Ich bin sicher“, sagt Kayab in einem Gespräch zu Meriann, „daß ihr in euren Computern nur nützliche Dinge gespeichert habt. Daten über Meeresströmungen, Inseln, Personen, über Sterne und Wetter. Alles ausgesprochen nützliche Informationen. Aber habt ihr auch Märchen in euern Computern? Geschichten?“ Im Gegensatz zu den Computern scheinen Bücher „etwas Magisches zu besitzen. Alle, die eins in die Hand bekommen, sind gleichsam verhext, wollen es nicht mehr hergeben,“ so Meriann an einer anderen Stelle. Und in einem weiteren Dialog heißt es: „Ein Computer ist zwar sehr nützlich, aber er kann nicht Bücher ersetzen. Einen Computer kann man nicht in der Tasche mitnehmen, man kann nicht unter einem Baum liegen und auf einem Bildschirm lesen.“ Merke: Auch ein Jon Bing kann nicht jede technische Innovation voraussehen.

Hochinteressant ist meines Erachtens ein politischer Aspekt. Ich bin äußerst verblüfft, dass das Buch 1980 in der DDR erschienen ist. Aus heutiger Sicht (und meines Erachtens auch aus damaliger Sicht) kann man es durchaus als eine Parallelentwicklung zur Geschichte der DDR lesen. An einem bestimmten, entscheidenden Punkt der Geschichte hat sich ein begrenztes Gremium, der Rat der Kapitäne, die Macht angeeignet mit dem Ziel, zu einer positiven Gesellschaftsentwicklung auf dem Azur zu kommen. Die Absichten waren gut („Wir wollen nur alles zum besten des Planeten“, sagt Meriann), es gab Erfolge, und mit diesen Erfolgen rechtfertigte man Einschränkungen in Grundrechten. Im Buch dürfen bestimmte Regionen des Planeten nicht betreten werden, und der Zugang zum Wissen ist nicht frei, sondern unter der Kontrolle der Herrschenden. Die geben dann ihre einmal erlangte Macht nicht mehr ab. „Ihr Kapitäne habt gegenwärtig den gesamten Planeten unter eurer Kontrolle. Ihr behaltet alle Informationen über Maschinen und Geschichte für euch. Ihr wißt wahrscheinlich über jeden einzigen [sic] Computer Bescheid und paßt auf, daß nur genehmigte Informationen eingespeichert werden … Ihr hemmt doch nur die von euch gewünschte Entwicklung, unterdrückt das Volk, macht es unzufrieden. Die Kapitäne zu schützen – darin besteht der einzige Nutzen der Verbote … Eigentlich seid ihr Kapitäne Diktatoren. Vielleicht war am Wendepunkt eine solche Diktatur notwendig. Aber ihr könnt sie unmöglich weiterhin verantworten“, wirft Kayab Meriann vor. Man lese statt „Azur“ einfach „DDR“, und statt „Rat der Kapitäne“ „Ministerrat“.
Das Buch hat bei seinem Erscheinen in der DDR die Lizenz-Nr. 304/-270/51/80-(10) bekommen. Hat damals jemand nicht aufgepasst? Oder war im Gegenteil irgend jemand mutig und hat dieses Jugendbuch gerade wegen seiner politischen Brisanz veröffentlicht?

PS 1: Falls man den Roman erwerben möchte, bitte rasch handeln. Es werden nur wenige Exemplare antiquarisch angeboten.
PS 2: Ein Interview mit Jon Bing auf Deutsch unter dem bezeichnenden Titel: „Die Zeit als Lagerarbeiter ist für Bibliothekare vorbei“ ist in der Zeitschrift „Information Wissenschaft & Praxis“ 61 (2010) 1, S. 59-60 erschienen. Es ist nicht online zugänglich. Ihm verdanke ich die Anregung zum Thema und die oben zitierten Aussagen von und über Jon Bing.
PS 3: Das hier vorgestellte Buch scheint in (deutschsprachigen) Fachkreisen (also Bibliothekswesen und Astronauten) wenig bekannt zu sein, ich habe kaum etwas dazu gefunden. In der einschlägigen „Bibliographie Berufsbild Bibliothekarin“ kommt es nicht vor. Nur zu gern wüsste ich, ob es in dieser hochinteressanten Veranstaltung Erwähnung fand, die leider 900 km zu weit südöstlich stattgefunden hat, als dass ich hätte teilnehmen können, was ich noch heute bedaure.

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