Verfasst von: haferklee | 19. Juli 2013

Gute Beratung in der Stadtbibliothek

Der Schriftsteller Hanns-Josef Ortheil erzählt in seinem autobiographischen Roman „Die Erfindung des Lebens“ die Geschichte seiner Kinder- und Jugendjahre bis hin zu seinen ersten Erfolgen als Schriftsteller.
Seine Mutter, Maria Katharina Ortheil (1913–1996), war eine ausgebildete Bibliothekarin. Eine Weile, während der Zeit der Kindererziehung, hatte sie ihre Berufstätigkeit aufgegeben. In dieser Zeit lebte die Familie auf dem Land, wo die Mutter dem kleinen Hanns-Josef die örtliche Bibliothek zeigte:

[Sie] … ging alle paar Tage mit mir in die kleine Bibliothek nahe der Kirche, wo ich mir jedes Mal einige Kinderbücher ausleihen durfte. Bei solchen Besuchen hatte ich bald begriffen, dass sie einmal in dieser Bibliothek gearbeitet hatte, die jungen Bibliothekarinnen sprachen jedenfalls oft von dieser Zeit, und neben dem Eingang hing sogar eine Fotografie meiner Mutter, auf der sie in einem langen schwarzen Kleid gerade die Bibliothek verließ, einen kleinen Stapel mit Büchern in der Hand. (Seite 92/93)

Einige Zeit später, nach einem Rückumzug der Familie nach Köln, gelang es der Mutter, eine neue Stelle zu finden:

So arbeitete meine Mutter nur wenige Wochen nach unserer Rückkehr wieder in einer Bibliothek. Als ausgebildete Bibliothekarin und langjährige Leiterin einer Bücherei auf dem Land fand sie sich schnell zurecht, sie liebte ihre Arbeit sehr, und wir alle hatten von dieser Tätigkeit schon deshalb viel, weil sie alle paar Tage einige neue Bücher mitbrachte, die sie vor deren Auszeichnung mit einer Signatur und vor der Einreihung in das Ausleihkontingent unbedingt lesen wollte.
Auch in den vergangenen Jahren hatte sie sich durch ihre täglichen Lektüren auf dem neusten Stand gehalten, sie hatte sich durch ihre Krankheit nicht abhängen lassen, nein im Gegenteil, die Krankheit hatte letztlich sogar dazu beigetragen, dass sie sogar noch viel mehr gelesen hatte als in früheren Jahren.
Wegen dieser ausschweifenden Lektüren wurde sie in der Bibliothek eine geschätzte Ansprechpartnerin für viele Leserinnen und Leser, die ein ganz bestimmtes Buch oder aber ein Buch suchten, das ihrem persönlichen Lesegeschmack entsprach. Meine Mutter musste die Kunden der Bücherei also gut kennen, sie musste um ihre Lesevorlieben wissen, ja sie musste wohl auch über einige Details ihres Privatlebens informiert sein. Das aber gelang ihr, ohne dass ihre Gesprächspartner es merkten, denn meine Mutter konnte sich mit anderen Menschen auf eine so leichte, lockere und angenehme Weise unterhalten, wie ich es in meinem Leben bei kaum einem anderen Menschen erlebt habe. (S. 277/278)

File:Hjortheil.jpg

Hanns-Josef Ortheil (2009)
Fotograf: Hans Weingartz, lizenziert gemäß CC BY-SA 2.0 DE

Zitiert nach der 10., im Luchterhand Literaturverlag erschienen Auflage von 2009, ISBN 978-3-630-87296-4. Dank an Barbara Petersen für den Hinweis.


Responses

  1. Guter Beitrag, macht neugierig auf das Buch.


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