Verfasst von: haferklee | 15. Oktober 2013

Der bibliothekarische Makel von Philip Roth

Ich ging oft, sehr oft in die Bibliothek. Es war wie Fischen, man ging zwischen die Regale und kam mit einem Mädchen wieder raus.

Das sagt der Protagonist Coleman Silk, gespielt von Anthony Hopkins, in der Verfilmung des Romans „Der menschliche Makel“ von Philip Roth über seine Zeit als junger Student. Ich habe den Film letztlich gesehen und war über diesen Ausspruch ziemlich verblüfft, konnte ich mich doch überhaupt nicht daran erinnern, ihn bei meiner Lektüre des Buchs vor einigen Jahren registriert zu haben. Dabei ist er doch ein weiterer Beweis für die inzwischen anerkannte Funktion von Bibliotheken als Kontaktbörse, vor allem von Universitätsbibliotheken.

Also das Buch hervorgeholt und gesucht. Schnell ist die entsprechende Stelle gefunden; der Film setzt zwar nicht die Dichte und Tiefe der Romanvorlage um, vollzieht die Handlung aber weitgehend nach. Und wie lautet diese Stelle nun im Buch?

Ich hatte eine Wohnung im Village genommen, … und ich brauchte bloß runter zur U-Bahn zu gehen. Es war wie Angeln. Man geht runter zur U-Bahn und kommt mit einem Mädchen wieder rauf.

Auch im amerikanischen Originaltext ist von der „subway“ die Rede. Warum gibt es im Film, der viele Dialoge des Romans nahezu im Wortlaut übernommen hat, gerade hier eine solche Abweichung? Erklären kann ich es mir zunächst aus filmischer Perspektive. Als Coleman Silk die Sätze im Film während einer Rückblende spricht, fährt die Kamera an einem Bibliotheksregal entlang. Silk sieht durch die Lücken im Regal seine erste große Liebe und spricht sie dann an. Das ist erheblich leichter umzusetzen als eine U-Bahn-Szene. Der wirkliche Grund ist aber wohl ein anderer. So gut Philip Roth auch schreibt, und so unvollkommen der Film den Roman in seiner Komplexität umsetzt – die Szene in der Bibliothek ist lebensnäher als Roths Idee. Mir scheint, dass sein Bild vom „Mädchenangeln in der U-Bahn“ ein ziemlich schiefes ist.

Foto: K嘛, CC BY-NC-ND 2.0


Responses

  1. Doch ein Anlaß, auch das Buch zu lesen – nach dem Film


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