Verfasst von: haferklee | 18. März 2014

Ein Kuriosum: Die Bundesregierung weiß nicht, welche Publikationen in deutschen Universitätsbibliotheken vorhanden sind

Ist es wirklich denkbar, dass der Bundesregierung keine Erkenntnisse darüber vorliegen können, ob eine bestimmte Publikation in einer deutschen Universitätsbibliothek vorhanden ist? Nein, ist es eigentlich nicht, und doch hat die im November 2004 im Amt befindliche Regierung genau das behauptet, und zwar namentlich der damaligen Bundesministerin für Verbraucherschutz, Ernährung und Landwirtschaft, Renate Künast (Bündnis 90/Grüne). In einer Kleinen Anfrage wollte die FDP-Fraktion wissen:

In welcher deutschen Universitäts- bzw. Fachbibliothek ist nach Kenntnis der Bundesregierung die Veröffentlichung: SALAMOV, A. B. (1940): „About isolation in corn.“ in der russischen Originalfassung oder in der englischen Übersetzung vorhanden?

Die Antwort der Bundesregierung (Drucksache 15/4218) lautete wie folgt:

Der Bundesregierung liegen hierüber keine Kenntnisse vor. Die Studie wird u. a. zitiert in: JONES, Melvin D. & BROOKS, James S.: „Effectiveness of Distance and Border Rows in Preventing Outcrossing in Corn.“ Oklahoma Agricultural Experiment Station, Technical Bulletin No. T-38, Juli 1950.

Das war’s, mehr wird nicht angegeben. Die Bundesregierung weiß also nicht, ob die Veröffentlichung von Salamov in einer deutschen Bibliothek vorhanden ist.
Salamovs Publikation aus dem Jahr 1940 ist aber durchaus wichtig, und sie wurde in vielen späteren Publikationen zitiert. Salamov hat damals Untersuchungen zur Auskreuzungsrate verschiedener Maissorten bei unterschiedlichen Abständen durchgeführt. Er kam zu dem Ergebnis, dass sich das genetische Material von Maissorten auch bei großen Abständen noch vermischen kann. Die 1940 publizierten Ergebnisse des Feldversuchs zu konventionellen Maissorten wurde 2004 wieder aktuell, allerdings ging es jetzt um die mögliche Vermischung von gentechnisch veränderten Maissorten mit konventionellen Sorten. Salamovs Resultat floss ein in einen Verordnungsentwurf der Bundesregierung, bei dem der Abstand von Feldern mit gentechnisch veränderten Maissorten und von Feldern mit konventionellen Sorten festgelegt wurde. Aber niemand in der Bundesregierung kannte das Original oder eine englische Übersetzung des Aufsatzes! Das ist verblüffend, denn es gibt ja ausgezeichnete Ministerialbibliotheken, die bei der Suche hätten helfen könnten, und außerdem diejenige des Deutschen Bundestages.

Ich bin darauf gestoßen, weil ich vor kurzem von einem Wissenschaftler unseres Hauses gebeten wurde, ihm die Publikation von Salamov zu beschaffen. Meine Behörde ist seit einigen Jahren in den Prozess der Freisetzung gentechnisch veränderter Organismen involviert. Der Wissenschaftler, der das Original ebenfalls noch nicht kannte, gab mir die Literaturstelle zu Salamov in der knappen Form der Bundestagsdrucksache (also Verfasser, englischer Sachtitel, Erscheinungsjahr) mit dem Hinweis, das sei eine harte Nuss. Ja, das fand ich zunächst auch, denn ein schneller Erfolg gelang mir nicht. Ich stieß bei meiner Recherche aber recht bald auf die obige Bundestagsdrucksache. Und mehr Motivation als so etwas kann es für einen Bibliothekar ja gar nicht geben …

Bei der Suche ist bibliothekarischer Spürsinn erforderlich. Erste Anforderung: Es war im Lauf der Recherche die Arbeitshypothese aufzustellen, dass es sich bei dem angegebenen englischen Sachtitel eines 1940 erschienenen, eigentlich russischsprachigen Originaltitels um eine komplett unautorisierte Übersetzung handeln könnte, die deshalb auch anders lauten könnte. Tatsächlich, so stellte sich später heraus, wird die Publikation von Salamov mal wie oben angeben zitiert („About isolation in corn“), von anderen Quellen aber mit anders übersetztem englischsprachigem Titel („On the spatial isolation of maize“). Eine autorisierte englische Übersetzung des Sachtitels oder gar des Volltextes existiert nicht. Zweite Anforderung: Es galt, aus dem Kürzel „SelSem“, auf das man bei der Suche nach weiteren bibliographischen Daten schnell stößt, den Zeitschriftentitel „Selekcija i Semenovodstvo“ zu entwickeln. Denn es handelt sich um einen Zeitschriftenaufsatz, der in dieser Zeitschrift enthalten ist. Die wiederum ist in der ZDB mit der ID 954333-8 nachgewiesen. Dann ist man am Ziel. Um dahin zu kommen, benötigt man zur Erstinformation eine allgemeine Suchmaschine, als wichtigste Datenbank die „CAB Abstracts“ und schließlich die ZDB. Die vollständigen bibliographischen Daten lauten transkribiert wie folgt:
Salamov, A.B.: O prostranstvennoj izolatii kukuruz. In: Selekcija i semenovodstvo : naučno-praktičeskij i teoretičeskij žurnal (1940) Heft 3, S. 25-27. Die Zeitschrift ist mit diesem Jahrgang zwei Mal in deutschen Bibliotheken vorhanden, den  Aufsatz konnten wir problemlos per Fernleihe beschaffen.
Hier ist der Textanfang im Bild:

Salamov

Bleibt die Frage: Hat die Bundesregierung im Jahr 2004 die BibliothekarInnen, die sie für teuer Geld beschäftigt, aus Schlampigkeit nicht nach dem Original des Textes fahnden lassen? Oder haben sich damals die Kolleginnen und Kollegen daran die Zähne ausgebissen?

Gar nicht mal so unähnlicher Beitrag: Haben wir die „Ebenda“?


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