Verfasst von: haferklee | 15. Dezember 2015

Weihnachtsgeschenk für Bibliothekswesen (1): Murakamis „Unheimliche Bibliothek“

Wenn ich etwas nicht wusste, ging ich immer sofort in die Stadtbücherei, um es herauszufinden. Schon von klein auf.

Bei diesen beiden Sätzen wird uns Bibliothekswesen natürlich sofort wunderbar warm ums Gemüt. Gesprochen werden sie von der Hauptfigur, einem namenlosen Jungen, zu Beginn von Haruki Murakamis Erzählung „Die unheimliche Bibliothek“. Sofort ist klar, dass die Handlung nicht in der Jetztzeit angesiedelt sein kann, denn so ist es, wie wir nur zu gut wissen, nicht mehr. Tatsächlich ist Murakamis erst vor zwei Jahren ins Deutsche übertragene Erzählung bereits 1982 entstanden.

Als der Junge ein weiteres Mal in die Bibliothek geht, um seinen Wissensdurst zu stillen, passiert etwas Unerwartetes. Er gerät in ein Verlies, das sich unter der Bibliothek befindet und von einem alten Bibliothekar bewacht wird. Der gibt dem Jungen zwar die Bücher, die er gesucht hatte, sperrt ihn aber gleichzeitig dauerhaft ein mit dem Befehl, den Inhalt der Bücher auswendig zu lernen. Vom Schafmann, einer geheimnisvollen Figur, die ihn in der Gefangenschaft versorgt, erfährt der Junge, dass der Alte ihm das Gehirn aussaugen wird, sobald er den Inhalt der Bücher kennt.

„Aber, Schafmann, warum will mir dieser alte Mann denn das Gehirn aussaugen?“
„Weil mit Wissen vollgestopfte Gehirne angeblich sehr delikat und reichhaltig sind. Und sämig oder so.“ …
„Das ist aber gemein“, sagte ich. „Vor allem, wenn man der ist, der ausgesaugt wird.“
„Ja, aber das machen doch alle Bibliotheken. Mehr oder weniger.“
Ich war wie vom Donner gerührt. „Alle Bibliotheken machen das?“
„Sie müssen das Wissen, das sie verleihen, wieder ergänzen.“

Jetzt wissen wir also, wovon Bibliotheken leben. Nicht ganz ohne Grusel, diese Geschichte. Sie erzeugt allerdings keinen vordergründigen Schrecken, sondern schwebt in einer traumhaften Stimmung, in der vieles möglich ist.

Murakamis kurze Erzählung würde eine Publikation als eigenständiges Buch kaum rechtfertigen, wären da nicht die großartigen Illustrationen von Kat Menschik, die es kongenial begleiten. Ihr Anteil an der Stimmung des Buches ist so groß, dass Ihr Name eigentlich in gleicher Gewichtung neben dem Murakamis stehen müsste. „Ihre verstörend magischen, zutiefst berührenden und dabei nie ins Pathetische abdriftenden Werke, die sich zudem durch eine grandiose Ästhetik auszeichnen, machen das mit Leseband versehene Buch zu einem bibliophilen Kleinod.“

Genau, die „Unheimliche Bibliothek“ ist ein wunderschön gestaltetes Buch und gehört also nicht nur wegen des Inhalts auf den Gabentisch von Bibliothekswesen. Rezensionen von Arno Widmann in der Frankfurter Rundschau, von Iris Radisch bei Zeit online und von Verena Paul im Portal Kunstgeschichte, der ich das bewertende Zitat entnommen habe.

Haruki Murakami (Autor: galoren.com, CC BY-SA 4.0); und hier ein Portrait von Kat Menschik.

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