Verfasst von: haferklee | 14. Mai 2018

Ein Bibliothekar kartiert die erotische Weltliteratur

Uwe Timms 1991 erschienener, großartiger Roman „Kopfjäger“ steckt voller merkwürdiger und manchmal unglaublicher Geschichten. Eine handelt von dem Schriftsteller, Gelehrten und Bibliothekar Wilhelm Heinse (1746-1803), der ab 1786 zunächst als Vorleser, bald auch als Bibliothekar, im Dienst des Mainzer Erzbischofs, Kurfürst Friedrich Karl Joseph von Erthal, und dessen Nachfolger stand. Peter Walter, der Protagonist des Romans von Uwe Timm, erzählt,

Heinse, der als Bibliothekar des Kurfürsten zu Mainz arbeitete, habe in monatelanger Arbeit einen Lehrpfad durch die Bücher angelegt, indem er zwischen all die Seiten der Weltliteratur, auf denen erotische oder sogar sexuelle Szenen beschrieben wurden, kleine rote Papierstreifen gelegt habe, als Lockspeise sozusagen für diesen Lehrpfad der Lüste. Eine enorme, kenntnisreiche, liebevolle Arbeit, die Heinse zum Vergnügen des lebenslustigen Fürstbischofs da geleistet habe, denn es sei ein literarischer Lehrpfad durch die Sittengeschichte der letzten zwei Jahrtausende gewesen. Nach dem Tod des Kurfürsten – auch Heinse sei recht jung gestorben – sei ein recht enggläubiger Bischof Kurfürst geworden. Der besuchte eines Tages die Bibliothek und begann, die Stellen mit den roten Lesezeichen zu lesen, in der Annahme, da sei ein Heilsweg durch die Literatur markiert, fromme, die Seele erbauende Stellen, er fand sich aber plötzlich auf einem ganz anderen Pfad und befahl, schleunigst alle Zettel zu entfernen. 2436 zählte ein Unterbibliothekar.

Eine erstaunliche, skurrile Geschichte! Uwe Timm legt dem Erzähler der Anekdote zwar eine Quelle in den Mund, allerdings eine äußerst vage: Er habe diese Geschichte demnach „aus einem alten Literaturlexikon“.

Wusste es Uwe Timm nicht genauer? Wollte er keine präzise Quelle nennen? Welche Herausforderung für einen Bibliothekar! Das muss doch zu verifizieren sein!

 Wilhelm Heinse im Jahr 1779. Gemälde von Johann Friedrich Eich, Gleimhaus Halberstadt, Wikimedia Commons.

Heinses Lebenslauf lässt sich schnell nachlesen: in der Wikipedia, der ADB, der NDB, dem Goedeke und vielen anderen kürzeren und längeren Nachschlagewerken. Denn ein Unbekannter ist er nicht. Sein Hauptwerk, „Ardinghello und die glückseeligen Inseln“ (2 Bände, Lemgo 1787) wird häufig als erster deutschsprachiger Künstlerroman bezeichnet. Und seine von 1780 bis 1783 unternommene Italienreise gilt als Vorbild für Goethes sechs Jahre später begonnene Reise. Ein Heinse-Eintrag findet sich deshalb in jedem Literaturlexikon, jüngeren wie älteren.

Aber eine Bestätigung für die seltsame Geschichte habe ich in ihnen nicht finden können. Auch in der bibliothekarischen Fachliteratur scheint noch niemand darauf hingewiesen zu haben. Und ebenfalls kein Hinweis in der Sekundärliteratur zum Werk von Uwe Timm, soweit sie für mich greifbar war. Insbesondere im von Gernot Frankhäuser und anderen herausgegebenen Begleitband zur Aschaffenburger/Mainzer Ausstellung anlässlich des 200. Todestages von Heinse müsste doch etwas dazu stehen. Denn er enthält viele Texte über die Bibliotheken, die Heinse zur Verfügung standen, und über die in seinen Werken entworfenen imaginären Bibliotheken. Aber: nix. Oder – halt: etwa doch? Heinse veröffentlichte 1773 die Übersetzung der „Begebenheiten des Enkolp“ aus dem „Satyricon“ des Petronius, ein Roman in lateinischer Sprache aus der Zeit Neros. Frankhäuser schreibt dazu:

In der meisterlichen Vorrede, einer Anleitung zum Umgang mit verbotenen Büchern, gab Heinse eine kleine Bibliographie derjenigen Literatur von der Antike bis zur eigenen Zeit, die im Verdacht der Förderung der Sittenverderbnis stand;

Liest man diese Vorrede, zählt man vielleicht ein Dutzend von Heinse genannte Schriftsteller. Tatsächlich eine eher kleine Auflistung und keineswegs eine Bibliographie mit über 2.400 „Stellen“.

Könnte es also schlussendlich so sein, dass Timms Anekdote doch „nur“ gut erfunden ist? Das halte ich inzwischen für recht wahrscheinlich. Julia Schöll weist in einem Aufsatz über den Roman und dessen Protagonisten, den Versicherungsvertreter und Finanzberater Peter Walter, darauf hin, dass dieser in der Tradition „unzuverlässiger Erzähler“ stehe, und sieht den Grund in seiner wenig seriösen Profession:

Wenn Uwe Timm die Geschichte erfunden hat, dann wirklich gut und passend zur Person, der sie angedichtet wird. Denn Heinse war kein Kind von Traurigkeit. Noch einmal Gernot Frankhäuser:

… mit seiner erstmaligen Übertragung des bis dahin nur den lateinkundlichen Männern zugänglichen Textes ins Deutsche provozierte er einen Eklat unter den Kollegen.

Und auch die beiden nächsten Publikationen Heinses, eine weitere Übersetzung und ein erster eigener Roman, bezeichnet Frankhäuser als „skandalträchtig“.

Fazit: Großer Respekt vor Uwe Timm! Entweder hat er tatsächlich eine Geschichte ausgegraben, die in irgendeinem alten Literaturlexikon erwähnt wird, allen heutigen Fachleuten aber unbekannt ist. Oder er hat eine Anekdote so gut erfunden, dass die Falsifizierung schwierig ist. – Aber es gibt ja noch die lieben Kolleginnen und Kollegen.

Deshalb meine Frage in die Runde: Kann irgend jemand Informationen zu dieser bibliothekarischen Anekdote beisteuern?

 

Quellen:
Uwe Timm: Kopfjäger. Zitiert nach der bei dtv erschienenen Taschenbuchausgabe, 4. Auflage 2006, 3-423-12937-9, S. 254-255.

Julia Schöll: Zur Anwesenheit des Abwesenden. In: Marx, Friedhelm (Hrsg.): Erinnern, Vergessen, Erzählen : Beiträge zum Werk Uwe Timms. – Göttingen 2007, 978-3-8353-0117-7, S. 136.

Frankhäuser, Gernot u.a. (Hrsg.): Wilhelm Heinse und seine Bibliotheken. Mainz 2003. 978-3-8053-3233-0, S. 12

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