Verfasst von: haferklee | 8. September 2019

Die Bibliothek im Möbelhaus

Keine Geschichte des Lesens – auch nicht die von Alberto Manguel – nennt jenen Ort, an dem Bücher ihren Warencharakter längst verloren haben und einzig und allein das literarische Leben unserer Gesellschaft zu repräsentieren versuchen: das Möbelhaus!

So beginnt Dietger Pforte seine 2002 erschienene, kurze Betrachtung, der er den Titel „Die Bibliothek im Möbelhaus – eine Simulation“ gegeben hat. Sie scheint auch seither die einzige Veröffentlichung zu diesem Thema geblieben zu sein; ich zumindest habe keine andere auftreiben können. Pfortes Text kann also durchaus als einzigartig bezeichnet werden. Nur eine Publikation zu einem Gegenstand, den doch alle kennen, das ist höchst ungewöhnlich. Anlass genug, sich den leicht ironischen, aber wohl wenig bekannten Text noch einmal genauer anzuschauen und auf seine Aktualität zu prüfen.

Aber der Reihe nach. Mein erster Besuch eines Möbelhauses fand gegen Ende der 70er Jahre im damals recht neuen Ikea-Möbelhaus in Köln statt. Was ich, ohne auch nur einmal vorher darüber nachgedacht zu haben, erwartet hatte, trat auch ein: Die Billys, die man sich damals gerade eben leisten konnte, und auch die anderen, teureren Regale waren mit Büchern gefüllt. So war es seither auch in jedem anderen Möbelhaus. Für mich bedeutete das eine große, zeitraubende und für meine Begleitungen manchmal nervige Ablenkung vom eigentlichen Zweck des Besuchs. Ich hatte Mühe, meine Blicke von den Buchrücken abzuwenden, schaute, welche Titel ich wiedererkannte oder ob ich Anregungen für künftige Lektüre bekommen konnte.

… vom kleinen Glück in großen Möbelhäusern …

nennt Pforte dieses Gefühl, und beschreibt das, was auch ich immer wieder empfunden habe, so:

Klar, zumeist ist es Ramsch, der als geistige Ware präsentiert wird. Aber: zwischen dem Ramsch steht immer wieder ein Buch, das man schon lange gesucht und in keinem Antiquariat gefunden hat. … Und selbstverständlich findet man in Möbelhäusern auch Bücher, die man gar nicht sucht, weil man sie nicht gekannt hat, die man aber, sieht man sie, unbedingt besitzen möchte.

Wie enttäuscht war ich dagegen stets, wenn ich auf statt auf Bücher auf simple Buchattrappen stieß. Ich habe dieses Möbelhaus dann geradezu verachtet! Pforte schreibt dazu:

Ein gut geführtes Möbelhaus arbeitet nicht mit Buchattrappen. Es arbeitet – II. Klasse – mit Remittenden oder – I. Klasse – mit alten Büchern, die es zentnerweise von den Bücherhalden unserer Edelantiquare abgetragen hat.

„Ganze Bibliotheken sind in Möbelhäusern zu finden“, stellt Pforte fest:

In Möbelhäusern kennt man noch den Wert des Buches, hält man das Buch noch hoch! Weshalb läßt die Literatursoziologie dieses weite Feld der Forschung brach liegen? Weshalb hat die Bibliothekswissenschaft dieses Prolegomenon einer Bibliothek nie beachtet?

Wenn auch die Bücher in Möbelhäusern keinen unmittelbaren Warencharakter besitzen, denn zum Verkauf stehen sie ja nicht, so haben sie doch eine Funktion, eine außerliterarische, nämlich „für den Kauf von Bücherregalen und -schränken zu werben.“ Was aber, wenn man nun eines jener Bücher erwerben möchte? Pforte hat es offensichtlich mehrmals versucht und beschreibt amüsiert das zunächst hoffnungsvoll strahlende Gesicht des Geschäftsführers, der vom ratlosen Verkäufer wegen eines besonderen Kundenwunsches gerufen wurde und dessen Stimme dann ins Hoffnungslose absinkt: „Ach, dieses Buch?“ Die andere Möglichkeit: Laut Pforte scheint es nahezu unproblematisch zu sein, ein Buch einfach mitzunehmen: „Am Ausgang von Möbelhäusern achten Hausdetektive nicht auf Bücher in den Händen der Hinauseilenden.“

Es stellt sich nun die Frage, ob Pfortes vor 17 Jahren veröffentlichter Text noch aktuell und gültig ist. Denn unsere Gesellschaft wandelt sich. Ich kann mir, da jetzt alle Antiquare ihre Ware im Internet anbieten, nicht mehr vorstellen, in einem Möbelhaus auf ein Buch zu stoßen, das auf andere Art nicht aufzutreiben ist. Und dann die Entwicklung von Röhrenfernsehgeräten hin zu riesigen Flatscreens mit Dolby-Surround und Heimkinoanspruch. Sind also Wohnzimmer in Möbelhäusern heute immer noch so eingerichtet wie vor zwanzig oder vierzig Jahren, mit Bücherregalen, in denen Bücher stehen? Oder beherrschen Plasmabildschirme die Wände, und Bücher sind marginalisierte Objekte geworden? Zeit also mal wieder für einen Besuch im Möbelhaus! Genau die, nämlich die Zeit dafür, fehlt mir jedoch. Macht aber nichts, denn die großen Einrichtungshäuser präsentieren ihre Einrichtungsvorschläge natürlich heutzutage in Online-Shops.

Mein erster virtueller Besuch galt, wie damals in realiter, Ikea. Und zu meiner großen Verblüffung scheint bei Ikea, eigentlich doch der Vorreiter modernen Wohnens, die Welt noch in Ordnung zu sein. Alles sieht noch so aus, wie ich es aus der Zeit vor der Digitalisierung kenne:

Quelle: Ikea-Website, zuletzt aufgerufen am 08.09.2019

Ob wohl die Firma mit ihren Kunden gealtert ist?

Ganz anders dagegen bei zwei anderen, willkürlich ausgewählten Möbelhäusern. Beginnen wir mit „Porta! Möbel“. Der zuerst aufgeführte Einrichtungsvorschlag in der Rubrik „Wohnwände“ sieht so aus:

Wohnwände Quelle: Porta-Website, zuletzt aufgerufen am 08.09.2019

Passend dazu heißt es auf der Seite „Wohnzimmer“: „Dieser Raum dient als Rückzugsort und fungiert gleichzeitig als ein Spiegel Ihrer Persönlichkeit, in welchem Sie Besucher empfangen und sich den ganzen Tag über häufig aufhalten. … Neben einem gemütlichen Sofa und einer eventuellen Heimkino-Anlage entscheiden unter anderem Stauraum und Design über den Wohlfühlfaktor.“
Quelle: Porta-Website, zuletzt aufgerufen am 08.09.2019.

Eine Spur konventioneller, aber ebenfalls fast völlig ohne Bücher sieht es in den sechs Wohnzimmer-Einrichtungsvorschlägen bei „Möbel Hausmann“ aus:

Quelle: Website Möbel Hausmann, zuletzt aufgerufen am 08.09.2019

Also doch: Wenn sich Literatursoziologie und Bibliothekswissenschaft bisher nicht um das Phänomen von Büchern in Möbelhäusern gekümmert haben, wenn, um noch ein letztes Mal Dietger Pforte zu Wort kommen zu lassen, „… der Börsenverein für den Deutschen Buchhandel nicht [hat] erheben lassen, wie viele Bücher alljährlich ausschließlich zu dem Zweck gekauft werden, die frisch erworbene Schrankwand ansehnlicher zu gestalten“: Jetzt brauchen sie alle es auch nicht mehr tun!

Quelle: Pforte, Dietger: Die Bibliothek im Möbelhaus – eine Simulation.
In: Jammers, A.; Pforte, D. & Sühlo, W. (Hrsg.): Die besondere Bibliothek oder: Die Faszination von Büchersammlungen. – S. 255-257.
München: Saur, 2002. – ISBN 3-598-11625-X.
Der einzige mir bekannte, kurze Verweis auf Pfortes Text findet sich im Jahrbuch der Schiller-Gesellschaft 2014:
Barnert, Arno: Sammelbehälter der Moderne. Buchattrappen und Scheinbücher im Deutschen Literaturarchiv Marbach. S. 449-460.

 

 

Sehr empfehlenswert, wenn auch ohne die Erwähnung von Bibliotheken in Möbelhäusern:

 

 


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