Verfasst von: haferklee | 28. Oktober 2019

Neue Schädlinge in Bibliotheken und Archiven

I.
Bettwanzen, wissenschaftlich Cimex lectularius, sind ziemlich unangenehme Gesellen. Sie leben als typische Kulturfolger in menschlichen Wohnungen, vor allem Schlafstätten, und ernähren sich vom Blut der dort lebenden Menschen. Als Kosmopoliten sind sie im Prinzip nahezu weltweit vertreten, aber, schreibt das Deutsche Ärzteblatt, „Vor 30 Jahren waren Bettwanzen fast ausgestorben, derzeit verbreiten [sie] sich als Folge von Globalisierung und Resistenzen gegen Insektizide rasant“; siehe auch hier. Es gibt diverse Übertragungswege. Meist holt man sich die Viecher in bereits befallenen Hotelzimmern oder Ferienwohnungen. Fast alle Pilger des Jakobswegs haben Bekanntschaft mit den Blutsaugern gemacht. Und auch auf den Berghütten in den Alpen sind sie zu einem ernsten Problem geworden.

Einiges davon war mir bekannt. Ich war aber sehr überrascht, als ich auf die vor kurzem erschienene „Bettwanzen-Fibel“ von Oliver Zompro stieß und in dessen Inhaltsverzeichnis ein kurzes Kapitel zu Bibliotheken entdeckte. Der Verfasser weist darauf hin, dass Bücher gern im Bett, dem bevorzugten Aufenthaltsort dieser Insekten, gelesen werden und dann auch schon einmal beim Einschlafen darauf liegen bleiben.

In einem Haushalt mit Befall werden sie [die Bücher] dann leicht zur neuen und komfortablen Behausung. So kommt es, daß wir mittlerweile auch befallene Bücher in Stadtbibliotheken finden.

Zompro gibt dann Handlungsanleitungen für den Umgang mit aus Bibliotheken entliehenen Büchern:

– In sorgfältig verschlossenen Plastiktüten transportieren;
– Zu Haus in einer glatten Dose oder Schale aus Metall, Keramik oder glattem Kunststoff aufbewahren;
– Entlang des Buchdeckels mit einer Zahnbürste gründlich abbürsten;
– Keinesfalls über Nacht im Bett liegen lassen. Und schließlich:

Falls Sie in einem ausgeliehenen Buch Bettwanzen finden, so informieren Sie bitte umgehend die ausleihende Bibliothek. Schweigen führt nur zu einer noch schnelleren Ausbreitung der Wanzen.

Ich war nach der Lektüre so verblüfft wie erschüttert. Verblüfft, weil ich noch nie vom Auftreten von Bettwanzen in einer deutschen Bibliothek gehört habe. Erschüttert, dass diese Art der Ausbreitung überhaupt möglich ist. Aber nicht nur der Schädlingsbekämpfer Zompro behauptet das. Auch sein Kollege Mario Heising sagt es in dieser Sendung des „Deutschlandfunk Kultur“ klipp und klar:

Mit Büchern aus Bibliotheken ist das auch schnell eingeschleppt.

Übrigens kommen nicht nur aus Bibliotheken entliehene Bücher als Überträger von Bettwanzen infrage. Das gilt natürlich ebenso für im Internet bestellte, in Antiquariaten gekaufte oder aus offenen Bücherregalen entnommene Bücher. Da tröstet Zompros Bemerkung kaum, dass Bettwanzen kein akzeptabler Grund seien, Bücher zu meiden. (Alle Zitate auf Seite 97 seines Buchs.)

Bettwanze. CDC/ Donated by the World Health Organization, Geneva, Switzerland, gemeinfrei

II.
Im März 2017 wurde wohl erstmals in Deutschland – über den Kreis von Fachleuten hinaus – in der Presse über eine andere, ebenfalls als Schädling anzusehende Insektenart berichtet, die Papierfischchen (Ctenolepisma longicaudata). „Archivalia“ hat das Thema mehrfach aufgegríffen und auf weitere Berichte hingewiesen. Papierfischchen sollten, was sicher oft geschieht, nicht verwechselt werden mit den allseits bekannten Silberfischchen. Sie ernähren sich, wie ihr Name sagt, unter anderem von Papier, weshalb sie nennenswerte Fraßschäden in Archiven und Bibliotheken anrichten können. Mehrere Einrichtungen haben inzwischen von ihren Erfahrungen bezüglich Befall und Bekämpfung berichtet. Insbesondere die Ausgabe 4/2018 der Zeitschrift „Archivar“ beschäftigt sich in drei Beiträgen ausführlich mit diesen Tieren. Festzuhalten ist deren erstaunliche Karriere: Wohl erst 2007 erstmals in Deutschland nachgewiesen, sind sie zum einen inzwischen recht verbreitet, und werden zum anderen mittlerweile in der hiesigen Fachwelt argwöhnisch beobachtet.

Papierfischchen. Bj.schoemmakers, cc0

III.
Nein, meine Bibliothek ist noch nicht von Bettwanzen befallen. Ja, vor etwa zwei Jahren haben wir erstmals Papierfischchen gefunden. Da in unserem Haus Entomologen beschäftigt sind, hatten wir schnell Sicherheit bezüglich der Artbestimmung. Nachdem wir immer mal wieder Exemplare in der Bibliothek und in unseren Büros fanden (meist übrigens an den Wänden, hinter Bildern oder Kalendern versteckt), bald danach auch in anderen Bereichen unseres Hauses, unter anderem der Registratur, konnten wir die Verwaltung überzeugen, einen Kammerjäger zu beauftragen. Allerdings hatten wir keinen Einfluss auf dessen Auswahl. Der Kammerjäger war ein vollständiger Fehlschlag. Er hatte keine Ahnung von Papierfischchen und warf sie in einen Topf mit Silberfischchen. Er legte im Haus etwa 30 Fallen mit wohl auf letztere ausgerichteten Ködern aus, in die sich während der nächsten Wochen nicht ein einziges Tier verirrte. Geändert hat sich nichts: Gelegentlich finden wir einzelne Exemplare, zu einer massenhaften Vermehrung ist es noch nicht gekommen, und Schäden am Bestand oder überhaupt nur einen Fund im Bestand haben wir bisher nicht festgestellt.

IV.
Bettwanzen und Papierfischchen sind auf unterschiedliche Weise schädlich. Die Papierfischchen greifen den Bestand an, sind Menschen gegenüber aber harmlos. Bettwanzen dagegen haben kein Interesse an Papier. Sie halten sich dort höchstens zeitweilig auf, benötigen aber das Blut von Menschen, was zu gesundheitlichen Problemen führen kann.

Kein Wunder also, dass die archivische Welt auf die Ausbreitung von Papierfischchen nervös reagiert. Zumindest Stadtbibliotheken, die ihren (normalen) Bestand in absehbarer Zeit umschlagen, kann das, zumindest in dieser Hinsicht und etwas überspitzt gesagt, fast egal sein. Anders bei Bettwanzen. Sie greifen den Bestand nicht an, er ist lediglich ein Übertragungsweg. Da Archive ihre Bestände nicht außer Haus geben, dürften sie erheblich weniger durch einen Bettwanzenbefall gefährdet sein als Bibliotheken. Unmöglich ist das aber nicht. Bettwanzen werden in Bibliotheken nicht nur über Bücher aus befallenen Haushalten eingeschleppt, sondern auch über die Kleidung von Nutzern, und das ist auch in Archiven möglich. Ein Bettwanzenbefall in Bibliotheken ist übrigens nicht nur für die Nutzerinnen und Nutzer ein Problem, sondern genauso für die Beschäftigten. Denn wenn das Gebäude erst einmal befallen ist, ist die Gefahr auch für letztere groß, sich die Viecher in den Privathaushalt zu holen.

V.
Wie verbreitet sind Bettwanzen aber nun wirklich in Bibliotheken? Anscheinend ist für Deutschland noch kein Befall dokumentiert. Zumindest eine oberflächliche Internetrecherche (sprich Google-Suche; nebst ständiger Lektüre der Fachliteratur) liefert keine Hinweise. Oder handelt es sich hier (noch) um ein Tabu?

Denn geben Sie doch einfach mal die Worte „bed bug“ und „library“ in eine Suchmaschine ein und schauen Sie sich die Trefferliste an. Als einziges von vielen Beispielen daraus, sei auf diesen Artikel der „New York Times“ aus dem Dezember 2012 [!] hingewiesen, der ausführlich die Situation in amerikanischen Bibliotheken beschreibt und auch einen Bettwanzen-Spürhund zeigt. Hat man den Artikel gelesen, weiß man, dass da noch etwas auf deutsche Bibliotheken zukommen könnte.

VI.
Zwei persönliche Nachsätze.
Ich finde, dass auch für Laien Papierfischchen leicht von Silberfischchen zu unterscheiden sind, zumindest, wenn es sich um ausgewachsene Exemplare handelt. Denn es ist so: Immer wenn du denkst, was das da denn für ein riesiges Silberfischchen ist, wenn du dann überlegst, wie das Tier an seine irre langen Tentakel gekommen sein mag und du dich fragst, ob hier eventuell ein gentechnisches Experiment aus dem Ruder gelaufen sein könnte – dann ist es ein Papierfischchen.

Die Beschäftigung mit diesen kleinen Viechern, insbesondere mit Bettwanzen, kann leicht zu paranoiden Angstanfällen führen. 😉


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