Verfasst von: haferklee | 19. Juli 2020

Ein solider Beruf!

Pascal Mercier ist mit seinem 2004 erschienenen Roman „Nachtzug nach Lissabon“ ein veritabler Bestseller gelungen. Auch „Das Gewicht der Worte“, sein aktuelles Werk, tummelt sich schon eine ganze Weile in den Top 10 der Bestsellerlisten.

Darin tritt als Nebenfigur eine zu Beginn ihrer literarischen Karriere sehr erfolgreiche Schriftstellerin auf, der allerdings später überhaupt nichts mehr gelingt. Ihr Leben gerät dadurch aus den Fugen, sie droht in die Alkoholsucht abzugleiten. Leyland, der Protagonist von Merciers Roman, kannte sie früher und trifft die nun etwa Fünfzigjährige nach langer Zeit zufällig auf der Straße wieder.

Ob er auf einen Tee mitkommen wolle? Sie sah verändert aus: nüchterner und gesünder … Zugleich, fand Leyland, strahlte sie eine große Enttäuschung aus. Die Wohnung war aufgeräumter als früher, keine leeren Flaschen mehr … Sie goss Tee ein und zündete sich eine Zigarette an. „Ich habe mit einer Ausbildung als Bibliothekarin begonnen,“ sagte sie. „Etwas Einfaches, Solides, Übersichtliches.“

Ich finde diese kurze Szene deprimierend. Auf eine bestimmte Art hat Mercier mit den Worten, die er seiner Figur in den Mund legt, ja durchaus recht. Wir Bibliothekswesen, als überwiegend bei staatlichen Institutionen Beschäftigte, haben uns sehr glücklich schätzen können, in der Coronakrise unser Gehalt weiter erhalten zu haben, während nahezu allen in der Kultur freischaffenden Personen, und eben auch SchriftstellerInnen, wesentliche Teile ihres Einkommens, und oft sogar alles, von einem auf den anderen Tag weggebrochen sind. Im Vergleich zu einer Schriftstellerin, die mit jedem neuen Buch auch um ihre wirtschaftliche Existenz kämpft, hat das „Solide“ seine Berechtigung.

Aber Merciers Roman trägt seinen Titel nicht grundlos. Es geht auf fast 600 Seiten einzig und allein um die Bedeutung von Worten, um Ausdrucksnuancen, die einen ganzen Text völlig verändern können, weshalb eine außerordentliche Sorgfalt auf die Wahl der richtigen Worte zu legen ist. Und dann jubelt uns Mercier völlig gedankenlos dieses altbackene Klischee unter! In Zeiten, in denen der Berufsstand sich im Zuge der Digitalisierung, wie viele andere Berufe auch, völlig verändert, wo nichts mehr einfach ist (wenn es das zu analogen Zeiten denn je war), und übersichtlich schon gar nicht mehr. Wo gelegentlich bezweifelt wird, dass es den Beruf in zwanzig Jahren noch geben wird. Und wo zumindest sicher ist, dass so, wie wir ihn vor zwanzig Jahren kannten, er in zwanzig Jahren nicht mehr sein wird. Wann mag Mercier, der ehemalige Philosophieprofessor und seither Bestsellerautor, wohl zuletzt Kontakt zu einer Bibliothek gehabt haben?

 

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Pascal Mercier: Das Gewicht der Worte. 3. Auflage. München 2020. ISBN 978-3-446-26569-1. – Zitat auf der Seite 556.

 


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