„In jedem Buch gibt es irgendeinen Hinweis auf dein eigenes Leben“, sagte sie. „Auf diese Weise sind die Geschichten alle miteinander verbunden. Du erweckst sie zum Leben, wenn du sie liest …“

Die Protagonisten des im Februar dieses Jahres erschienenen Romans „Die Reise mit der gestohlenen Bibliothek“ erwecken viele Geschichten zum Leben und erhalten manche Hinweise auf ihr eigenes Leben, denn der Autor David Whitehouse schickt sie mit einem gestohlenen, aber gut gefüllten Bücherbus auf eine Reise quer durch England. Wessen Herz an dieser Form der Bibliotheksarbeit hängt, weil sie/er wie ich (wenn auch nur kurz) einmal in einem Bücherbus gearbeitet hat, freut sich auf das Buch. Diese Vorfreude ist mir aus Zeitmangel bisher erhalten geblieben. Deshalb verweise ich auf die bei Bücher.de zusammengestellten, positiven Rezensionen, aus denen allerdings, das sei nicht verschwiegen, ein Totalverriss in der „Süddeutschen Zeitung“ heraussticht.

Die Reise mit der gestohlenen Bibliothek - Whitehouse, David

 

 

Wenn ich etwas nicht wusste, ging ich immer sofort in die Stadtbücherei, um es herauszufinden. Schon von klein auf.

Bei diesen beiden Sätzen wird uns Bibliothekswesen natürlich sofort wunderbar warm ums Gemüt. Gesprochen werden sie von der Hauptfigur, einem namenlosen Jungen, zu Beginn von Haruki Murakamis Erzählung „Die unheimliche Bibliothek“. Sofort ist klar, dass die Handlung nicht in der Jetztzeit angesiedelt sein kann, denn so ist es, wie wir nur zu gut wissen, nicht mehr. Tatsächlich ist Murakamis erst vor zwei Jahren ins Deutsche übertragene Erzählung bereits 1982 entstanden.

Als der Junge ein weiteres Mal in die Bibliothek geht, um seinen Wissensdurst zu stillen, passiert etwas Unerwartetes. Er gerät in ein Verlies, das sich unter der Bibliothek befindet und von einem alten Bibliothekar bewacht wird. Der gibt dem Jungen zwar die Bücher, die er gesucht hatte, sperrt ihn aber gleichzeitig dauerhaft ein mit dem Befehl, den Inhalt der Bücher auswendig zu lernen. Vom Schafmann, einer geheimnisvollen Figur, die ihn in der Gefangenschaft versorgt, erfährt der Junge, dass der Alte ihm das Gehirn aussaugen wird, sobald er den Inhalt der Bücher kennt.

„Aber, Schafmann, warum will mir dieser alte Mann denn das Gehirn aussaugen?“
„Weil mit Wissen vollgestopfte Gehirne angeblich sehr delikat und reichhaltig sind. Und sämig oder so.“ …
„Das ist aber gemein“, sagte ich. „Vor allem, wenn man der ist, der ausgesaugt wird.“
„Ja, aber das machen doch alle Bibliotheken. Mehr oder weniger.“
Ich war wie vom Donner gerührt. „Alle Bibliotheken machen das?“
„Sie müssen das Wissen, das sie verleihen, wieder ergänzen.“

Jetzt wissen wir also, wovon Bibliotheken leben. Nicht ganz ohne Grusel, diese Geschichte. Sie erzeugt allerdings keinen vordergründigen Schrecken, sondern schwebt in einer traumhaften Stimmung, in der vieles möglich ist.

Murakamis kurze Erzählung würde eine Publikation als eigenständiges Buch kaum rechtfertigen, wären da nicht die großartigen Illustrationen von Kat Menschik, die es kongenial begleiten. Ihr Anteil an der Stimmung des Buches ist so groß, dass Ihr Name eigentlich in gleicher Gewichtung neben dem Murakamis stehen müsste. „Ihre verstörend magischen, zutiefst berührenden und dabei nie ins Pathetische abdriftenden Werke, die sich zudem durch eine grandiose Ästhetik auszeichnen, machen das mit Leseband versehene Buch zu einem bibliophilen Kleinod.“

Genau, die „Unheimliche Bibliothek“ ist ein wunderschön gestaltetes Buch und gehört also nicht nur wegen des Inhalts auf den Gabentisch von Bibliothekswesen. Rezensionen von Arno Widmann in der Frankfurter Rundschau, von Iris Radisch bei Zeit online und von Verena Paul im Portal Kunstgeschichte, der ich das bewertende Zitat entnommen habe.

Haruki Murakami (Autor: galoren.com, CC BY-SA 4.0); und hier ein Portrait von Kat Menschik.

Ähnlicher Beitrag:
Liebesgedicht für eine Bibliothekarin

 

David Benioff ist Drehbuchautor und einer von zwei Ideenlieferanten der Fantasyserie „Game of Thrones“. Als Schriftsteller hat er 2008 seinen Roman „Stadt der Diebe“ veröffentlicht, einen internationalen Bestseller. Der ist recht spannend und gar nicht so schlecht, es finden sich aber auch klischeehafte Formulierungen darin:

Als wir uns umdrehten, sahen wir zwei junge Mädchen … „Wen wünscht ihr hier zu sprechen?“, fragte eine von ihnen mit der steifen Korrektheit einer Bibliothekarin. (S. 122)

Die Realität scherte sich … nicht um meine Wünsche, sondern gab mir einen Körper, der bestenfalls geeignet war, in einer Bibliothek Bücher zu sortieren … (S. 149)

Heyne Taschenbuch, 13. Aufl., München 2013

 

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David Benioff 2013 (Foto von Gage Skidmore, cc BY-SA 2.0)

 

Verfasst von: haferklee | 2. November 2015

Erinnerung an Bona Peiser

Das Kalenderblatt vom November dieses Jahres aus der Kalenderserie „Wegbereiterinnen“ weist auf Bona Peiser hin, die „erste[n] Berufs-Bibliothekarin in Deutschland“, wie es darin heißt.

Der Text stammt von Frauke Mahrt-Thomsen, die vor zwei Jahren folgende ausführliche Arbeit über Bona Peiser veröffentlicht hat:  Frauke Mahrt-Thomsen: Bona Peiser : die erste deutsche Bibliothekarin; Wegbereiterin der Bücher- und Lesehallen-Bewegung und der Frauenarbeit in Bibliotheken, Berlin : BibSpider, 2013, 275 S., ISBN 978-3-936960-56-3. (Rezension hier.)

Der Wikipedia entnehme ich Informationen zum Foto von Bona Peiser:

Bis heute ist kein Einzel-Foto von Bona Peiser bekannt, aber es existiert eine Aufnahme aus der Lesehalle von 1914, auf der man neben vielen Lesern im Hintergrund eine weibliche Person erkennen kann, bei der es sich vermutlich um Bona Peiser handelt.

Das Kalenderbild verwendet einen Ausschnitt dieses Fotos.

Die Kalenderserie „Wegbereiterinnen“ wird von der Sozialwissenschaftlerin Gisela Notz herausgegeben. Seit 2003 erarbeitet sie zu jedem Jahr einen Kalender mit 12 Monatsblättern, auf denen Frauen vorgestellt werden, die für bestimmte gesellschaftliche Entwicklungen wichtige Beiträge geleistet haben.

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Verfasst von: haferklee | 21. November 2014

MacBeast, oder: Ein Haufen Schimpansen in der Bibliothek

Lee Varis ist ein hochprofessioneller amerikanischer Fotograf. Er hat im Jahr 1995 für das Oktoberheft der „National Geographic“ ein einigermaßen berühmtes Bild geschaffen, das in Wirklichkeit ein höchst gelungener Scherz  ist. Zu sehen ist ein großer Haufen Schimpansen, die über den Prunksaal einer altehrwürdigen Bibliothek hergefallen sind, die die Regale beklettern und sich anschauen, was auf den herumstehenden Macs zu sehen ist. Wer dieses wunderbare und ungemein lustige Bild noch nicht kennt, schaue es sich unbedingt an, zum Beispiel hier.

Auf seiner Website schildert Lee Varis die Entstehung des Bildes, den technischen Hintergrund und druckt die veränderten Shakespeare-Zitate ab, die auf den Computerbildschirmen zu sehen sind und über die die Schimpansen so staunen: „MacBeast“ eben, oder „A Midsummer Night’s Chimp“.

 

Nicht das Bild, um das es geht, aber auch nicht schlecht: Affenrelief über dem Eingang zur Bibliothek des Cardiff Castle, Wales (Foto von Wolfgang Sauber unter einer CC BY-SA 3.0-Lizenz)

File:Cardiff Castle - Bibliothek Eingang mit Affen 2.jpg

Verfasst von: haferklee | 5. September 2014

Wer leitet eigentlich die Volksbücherei Entenhausen?

Das verrät uns Daisy Duck. Im Comic „Wir, Donald und Daisy“ (Ehapa-Verlag 1985) findet sich das Kapitel „Aus Daisys Tagebuch“. Darin berichtet Daisy, dass sie sich entschlossen habe, eine Stelle in der Volksbücherei Entenhausen anzutreten:

Ich glaubte, dass das die richtige Beschäftigung für ein gebildetes junges Mädchen wie mich sei. Leider besteht meine Hauptbeschäftigung darin, die Besucher zur Ruhe zu ermahnen … Meine Chefin, Fräulein Tuschel, sieht streng darauf, dass in ihrer Bibliothek vollkommene Stille herrscht. Nicht die kleinste Störung lässt sie durchgehen.“

Verfasst von: haferklee | 18. August 2014

Ein offener Bücherschrank auf 2.000 Metern

Die Via Engiadina ist ein Weitwanderweg, auf dem man das Ober- und Unterengadin in seiner gesamten Länge durchqueren kann. In der Nähe von Maloja, dem südwestlichen Endpunkt des Weges, haben wir auf gut 2.000 Höhenmetern, neben einer Sitzbank, mitten in der Landschaft einen offene Bücherkiste entdeckt:
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So sehr ich mich über jedes literarische Angebot freue, und so gut die Kiste auch gepflegt war, zweifle ich doch ein wenig am Sinn des gewählten Standorts. Niemand aus meiner kleinen Gruppe hatte ein Interesse, den eigenen Rucksack auf der Wanderung mit einem gebrauchten Buch zu beschweren. Und natürlich hatte auch niemand ein Buch dabei, um die Kiste aufzufüllen.

Da hat mir der Standort der kleinen öffentlichen Bibliothek in Maria-Sils erheblich besser gefallen. Ich glaube, dort würde ich ein Stellenangebot nicht ausschlagen.

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Verfasst von: haferklee | 14. Juli 2014

Heiraten in der SLUB

 Wir sagen JA! Heiraten in der SLUB

„Nun ist es fast ein Jahr her, dass wir uns im Vortragssaal der SLUB Dresden als erstes Paar überhaupt das Jawort geben durften. Als wir am 1. Juni 2013 wieder durch die Bücherregale gingen – in einem Outfit, das man in der  SLUB wohl nicht jeden Tag sieht – sahen uns einige Besucher erfreut, andere eher irritiert an. Mancher fragte sich bestimmt, wie wir wohl auf die Idee kamen, an diesem Ort zu heiraten. Diese Frage haben sich unsere Gäste nicht gestellt: zwar wussten auch sie zunächst nichts von unserem Plan, doch als sich der Bus, der sie zum bislang geheimen Ort der Trauung bringen sollte, dem Unicampus näherte, war das Rätsel schnell gelöst.

Wie sicher sehr viele Paare haben wir uns in der SLUB kennengelernt. Im Januar 2007 steckten wir beiden gerade mitten in den Vorbereitungen unserer Abschlussprüfungen und verbrachten entsprechend viel Zeit in der Bibliothek. Nachdem wir einige Wochen lang schüchtern lächelnd aneinander vorbeigegangen waren, brachte uns das Ultimatum unserer Trauzeugin dazu, den ersten Schritt zu tun. Aus einem ersten Kaffee in der Cafeteria wurden mindestens 365 weitere, denn das nächste Jahr verbrachten wir gemeinsam in der Bibliothek.

Fast sieben Jahre später wurde am 1. Juni 2013 aus der spontanen Idee, an dem Ort zu heiraten, an dem alles anfing, Dank der SLUB Dresden Wirklichkeit. An dieser Stelle möchten wir uns noch einmal herzlich bei allen bedanken, die dieses für uns wunderbare Ereignis ermöglicht haben.“

Juliane und Mirko Kröhnert sind Alumni der TU Dresden. Sie studierte Französisch und Geschichte für das Lehramt. Er ist Magister für Soziologie, Kommunikationswissenschaft und Geschichte. Im Juni 2013 haben sie sich bei einer Freien Trauung im Vortragssaal das Ja-Wort gebenen. Gibt es einen größeren Liebesbeweis für eine Bibliothek ?

Aus dem frisch erschienenen Geschäftsbericht 2013 der SLUB, Seite 8.
http://www.qucosa.de/fileadmin/data/qucosa/documents/14573/SLUB-Gesch%C3%A4ftsbericht-2013.pdf

 

Übrigens hat sich auch dieses berühmte Paar in einer Bibliothek kennen gelernt!

                                File:44 Bill Clinton 3x4.jpg

Verfasst von: haferklee | 11. Juli 2014

Zum Endspiel: Fußballbibliotheken in Deutschland

Gibt es eigentlich Fußballbibliotheken in Deutschland? Also Bibliotheken, die ausschließlich Medien zum Thema Fußball sammeln?

Eigentlich nicht. Allerdings existieren an den sportwissenschaftlichen Fachbereichen der Universitäten etwa 35 Bibliotheken, die Literatur zu allen Sportarten sammeln. Die mit Abstand größte von ihnen ist die Zentralbibliothek der Deutschen Sporthochschule in Köln. Als die international größte Spezialbibliothek für Sport und Sportwissenschaften beherbergt sie mit derzeit 6.131 Büchern den umfangreichsten Bestand an Literatur zum Thema „Fußball“. Den dürfte sie aber auch in allen anderen Sportarten haben.
[Nebenbei: Das älteste Fußballbuch in ihrem Bestand stammt aus dem Jahr 1895 und trägt den Titel „Merkbüchlein der Spielregeln für Barlauf, Schlagball, Fußball, Schleuderball und Faustball“.]

Zwei reine Fußballbibliotheken gibt es aber doch, in mehr oder weniger seriöser Ausprägung. Bei der einen handelt es sich um eine Mediensammlung, die 2012 im Rahmen des „Fanprojekts Leipzig“ gegründet wurde. Das in der Südvorstadt angesiedelte Projekt arbeitet als Begegnungsstätte zur Gewaltprävention. Bundesweit einmalig ist dabei die Einrichtung einer Fußballbibliothek. Vier Regale sind mit Büchern gefüllt. Hier gibt es einen zweiminütigen Radiobeitrag zur Eröffnung der Bibliothek.

Die einzige andere Fußballbibliothek hat eine etwas weniger ernsthafte Zielsetzung. Sie befindet sich in der Berliner Fußballkneipe „Tante Käthe“ und wird dort als „Tresenbibliothek“ bezeichnet. Auf der Website heißt es:

„Der Buchbestand unserer Tresenbibliothek wird ständig erweitert. Wer einen alten Fußballschinken loswerden will, kann ihn bei uns gegen Naturalien eintauschen.“

Wenn das kein Angebot ist! Und nebenbei haben sie auch noch einen eigenen Bibliothekstyp entwickelt: die Tresenbibliothek.

 

Foto: gruenenrw, cc-by-sa-2.0

 

 

Der „Spiegel“ lässt seinen Mitarbeiter Christoph Scheuermann im Zuge der Titelgeschichte vom 7. April 2014 aufschreiben, wie er und sein Bekanntenkreis es mit dem Anschauen von Internetpornos halten. In dem Beitrag, eher flachgründelnd als tiefgründig, gesteht Scheuermann, dass für ihn und seine Kumpel vielleicht „ein selbstauferlegtes Pornoverbot die Erlösung [ist], die wir dringend brauchen.“ Leider, leider, so schließt er seinen Beitrag, ließe sich das aber nicht umsetzen, denn: „Das Problem ist, es gibt auf RedTube einige überraschend hübsche Bibliothekarinnen.“ – Gähn.

Vielleicht sollte man statt eines Porno-Verbots über ein Scheuermann-Verbot nachdenken.

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