Verfasst von: haferklee | 2. März 2010

Herta Müller und das Bibliotheksklischee

Auch die Literaturnobelpreisträgerin setzt an einer Stelle ihres Romans „Atemschaukel“ das Bibliotheksklischee ein. Der in der Ich-Form sprechende, in Russland internierte und aus Rumänien stammende deutsche Zwangsarbeiter Leopold Auberg sinniert hier über seine möglichen Berufsaussichten in der „Nach-Lager-Zeit“:

Meine Mutter wird sagen, dass ich Bibliothekar werden soll, da ist man nie draußen in der Kälte. Und lesen wolltest du schon immer, wird sie sagen.

Aber ist die Meinung, dass Bibliothekswesen während ihrer Arbeit viel lesen können (manche nicht so lesefreudige Mitmenschen denken ja auch bedauernd: müssen), wirklich ein Klischee, das jeglicher Grundlage entbehrt? Ich selbst kann während meiner Arbeitszeit genau so viel und wenig lesen wie eine Polizistin oder ein Physiotherapeut. Aber da gab es doch mal in den Öffentlichen Bibliotheken die sogenannten „Lesestunden“. Den dort tätigen Kolleginnen und Kollegen wurden von ihren 40 Wochenstunden 3-4 Stunden zugestanden, die sie zu Haus verbringen durften; in dieser Stellenanzeige in der „Zeit“ aus dem Jahr 1974 werden sogar 6 häusliche Lesestunden genannt! Deren Zweck es war, sich über die aktuelle Literatur auf dem Laufenden zu halten, und in denen wurde dann natürlich eben auch  – gelesen! Mir deucht, diese Einrichtung hat es in einzelnen ÖBs noch bis in die 90er Jahre gegeben, vielleicht sogar noch länger. Aber was finde ich denn jetzt da, in diesem Info von Ver.di zur Ablösung des BAT und zur Einführung des TV-L bzw. TVöD mit Datum 19.11.2006:

Die sog. „Lesestunden“ (für ÖB-Bibliothekare, „zu deren Aufgaben auch die Erarbeitung von Bücherkenntnissen und die Besprechung von Neuerscheinungen gehören“; Sonderregelung 2m BAT) bei VKA- und Länder-Arbeitgebern bleiben zwar (wenn sie schon eingeführt waren) gem. TVÜ „unberührt“ – d.h. aber auch, dass seit Inkrafttreten von TVöD/TV-L keine neuen mehr vereinbart werden können (weder für „vorhandene“ noch für neue Beschäftigte).

Tja. Da geht scheint’s eine schöne Zeit in den ÖBs zu Ende …

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Responses

  1. […] per Zufall Weblogs zum Thema Bibliothek entdeckt werden. Mich hat es beispielsweise auf das Blog Haferklees Ausblicke verschlagen. Dort hat ein Arbeitskollege aus einem Bundesamt ein typisches Bibliotheksklischee in […]


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