Die US-amerikanische Musikerin Amanda Palmer, bekannt geworden als Mitglied der Dresden Dolls, wird in wenigen Tagen 40 Jahre alt. Höchste Zeit also für eine Autobiographie. Die hat sie tatsächlich unter dem Titel „The Art of Asking“ veröffentlicht, vor zwei Jahren erschien die englische Originalausgabe, vor einem die deutsche. Palmer hat viele ihrer künstlerischen Projekte via Crowdfunding von ihren Fans vorfinanzieren lassen. Ein zentrales Thema ihres Buches ist deshalb ihre vormalige eigene Angst und die vieler anderer Menschen, um Hilfe zu bitten und Geschenke anzunehmen. Unter bibliothekarischem Blickwinkel ist auf den 440 Seiten nur ein einziger Satz von Interesse. Sie listet darin einige Berufsgruppen auf, die für sie positiv besetzt sind, weil sie Leistungen für Menschen bzw. die Gesellschaft erbringen, ohne immer ordentlich dafür bezahlt zu werden:

An die Künstler, Schöpfer, Wissenschaftler, Benefizläufer, Bibliothekare, Querdenker, Start-up-Leute und Erfinder, an alle Menschen überall auf der Welt, die sich davor scheuen, Hilfe anzunehmen, egal in welcher Form sie auftaucht:
Bitte nehmt die Hilfe an.

Das ist eine feine Aufzählung. Stellen wir uns einfach einmal vor, Farin Urlaub hätte ähnliches in einem auf Deutschland bezogenen Umfeld formuliert. Ob ihm wohl unser Berufsstand in den Sinn gekommen wäre? Hmh …

File:AmandaPalmer live.jpg

Laquena at English Wikipedia, AmandaPalmer live, CC BY-SA 3.0

PS. Das Zitat entstammt der deutschen Ausgabe, 978-3-8479-0597-4, S. 242; Palmer verwendet statt des von mir eingesetzten „Hilfe an“ eine Chiffre, die in der Kürze des Zitats nicht verständlich wäre.

Verfasst von: haferklee | 13. März 2016

Stirbt der Zettelkatalog?

Sehr gut erinnere ich mich an eine völlig überlaufene Veranstaltung auf dem Bibliothekskongress 2010 in Leipzig unter dem reißerischen Titel „Stirbt der OPAC?“ Es ging um die Zukunft der online-Kataloge, und vorgestellt wurden mehrere damals neue Ansätze, die die konventionellen OPACs mit Suchmaschinentechnik aufpeppten. Alles lief noch unter dem Schlagwort „Katalog 2.0“, der Begriff „Discovery System“ tauchte, beispielsweise in Anne Christensens Ankündigung zur Veranstaltung, nicht auf.

Dass es auch einmal einen Übergang vom Zettelkatalog zum OPAC gab, gerät allmählich in Vergessenheit; die meisten jungen Kolleginnen und Kollegen kennen Zettelkataloge bereits nur noch aus der Vorlesung zur Bibliotheksgeschichte. Donna Leon, die in ihren Kriminalromanen um den als Bücherfreund bekannten Commissario Brunetti  immer mal wieder Szenen in Bibliotheken einstreut, hat diesem Erschließungsinstrument ein kleines literarisches Denkmal gesetzt:

„Und wie komme ich an die Bücher, die ich brauche?“ fragte sie und sah sich nach Computern um.
Mit breitem Lächeln führte Ezio sie zu einem schulterhohen Karteischrank. „Kennst du die noch?“, fragte er und tätschelte ihn. „Den habe ich gerettet“, erklärte er stolz.
Oddio„, rief sie, ein Zettelkasten!“ Wann hatte sie so etwas das letzte Mal gesehen? Und wo? Wie eine Gläubige angesichts einer Reliquie trat sie näher und berührte das glatte Holz, zog ein Fach ein paar Zentimeter heraus und schob es vorsichtig wieder zu. „Zehn Jahre ist das her. Mehr.“ Dann in verschwörerischem Ton: „Ich liebe solche Schränke. Was man da alles entdecken kann“. Und noch leiser: „Erzähl. Wie hast du es angestellt?“
Sich in die Brust werfend, … sagte Ezio: „Die Karteikarten sollten alle vernichtet werden. Auf Befehl meines Vorgesetzten.“ Er holte melodramatisch zweimal tief Luft. „Erst habe ich ihm mit Kündigung gedroht.“
„Du bist noch hier, also ist es nicht so weit gekommen. Was ist dann geschehen?“
„Ich habe ihm angedroht, seiner Frau von seiner Affäre mit einer Kollegin zu erzählen.“
Statt lauthals loszulachen, fragte Caterina atemlos: „Das hättest Du wirklich getan?“
Ezio wiegte den Kopf hin und her. „Ich weiß nicht. Vielleicht.“
„Aber er hat eingelenkt?“
„Ja. Er sagte, wir könnten sie behalten, vorausgesetzt, dass niemand sie benutzt. Der Katalog sei vollständig zu digitalisieren, danach dürfe nur noch per Computer auf die Sammlung zugegriffen werden.“ Ezio verzog den Mund, als wolle er jeden Moment vor sich auf den Boden spucken. „Erst kam diese Anweisung, dann hat er die Mittel zusammengestrichen. Uns fehlte das nötige Geld.“
„Und der Computerkatalog?“
Er schwieg einen Moment, lächelte und spielte dann den Diplomaten, dem eine direkte Frage gestellt wird. „Er ist auf gutem Wege.“
„Und dein Vorgesetzter?“, fragte sie. Wieder schien er gleich ausspucken zu wollen: „Wurde in eine Provinzbücherei strafversetzt.“ Und ehe sie fragen konnte: „Offenbar entpuppten sich die drei letzten Kandidaten, die er hier angestellt hat, als Verwandte seiner Frau.“
„Wo arbeitet er jetzt?“
„Quarto d’Altino.“ Er grinste. „Ziemlich kleine Bücherei.“

Und genau so sind sie auch, die Brunetti-Romane: die Zettelkataloge des Krimi-Genres. Veränderung ist nicht gewünscht.

PS. Dass übrigens nicht nur digitale Dateien nicht fälschungssicher sind, sondern es auch Zettelkataloge wie zum Beispiel jener der französischen Nationalbibliothek nicht waren, kann hier nachgelesen werden.

Foto: Der veraltete Zettelkatalog der Sterling Memorial Library, Yale University. Public Domain.

Zitat aus: Donna Leon: Himmlische Juwelen. Zürich: Diogenes Taschenbuch, 2014. Seiten 99-100.

Verfasst von: haferklee | 11. Februar 2016

Quälgeister in Bibliotheken (1930)

Bibliotheken sind einfach toll, wirklich störend sind nur die Nutzer!

Diese Erkenntnis ist mir natürlich bereits zu Anfang meines Studiums begegnet. Dass sie schon damals nicht neu war, beweist der unten stehende Artikel aus einer Ausgabe des „Vorwärts“ von 1930. Ein anonymer Bibliothekar der Berliner städtischen Bibliothek beschwert sich über seltsame Anfragen von nervigen Nutzern.

Jürgen Plieninger hat die dort beschriebenen Einzelfälle 1994 zu einer Typologie von Benutzern verdichtet. Der Versuch einer Systematisierung der merkwürdigen Personen am Nebentisch war später auch eine lohnende Herausforderung für JournalistInnen der Zeit und von jetzt.de

quaelgeister-in-bibliotheken-vorwaerts-1930-08-03-359_a181-005

PS. Nett übrigens die zu Beginn des Artikels genannte Forderung eines Nutzers: „Nachts müßten Sie aufhaben, mindestens bis zwölf.“ Gute 80 Jahre später ist festzuhalten: Der Fortschritt ist eine Schnecke, aber es gibt ihn.

PPS-Update: Den Hinweis auf diesen „Vorwärts“-Beitrag verdanke ich Olaf Guercke aus der Bibliothek der Friedrich-Ebert-Stiftung. Guercke ist verantwortlich für die Durchführung eines umfangreichen Digitalisierungsprojekts, durch das der „Vorwärts“, eine enorm wertvolle historische Quelle, mit allen Ausgaben des Erscheinungszeitraums von 1876 bis 1933 digitalisiert und frei zugänglich zur Verfügung gestellt werden soll. Hier weitere Informationen zum Projekt.

Verfasst von: haferklee | 18. Januar 2016

Käptn Peng und die falsche Bibliothekarin (mit Dutt!)

Als „Käptn Peng“ macht er gemeinsam mit den „Tentakeln von Delphi“ interessante Musik und produziert dazu originelle Videos. Als Schriftsteller veröffentlichte er vorletztes Jahr seinen Debütroman „Der unsichtbare Apfel“ unter seinem bürgerlichen Namen Robert Gwisdek.
Unter bibliothekarischem Blickwinkel wird dieser Roman auf Seite 286 interessant:

Immer wieder dachte er an die gigantischen Ansammlungen von Büchern, die er gesehen hatte, und überlegte, dass es aufschlussreich sein müsste, ein paar von ihnen zu lesen. Aber wo sollte er anfangen? Die Regale waren unzähmbare Monster aus Informationen und jeder Versuch, sie sich auf eigene Faust zu erschließen, wäre absurd gewesen.
Eines Morgens stand er auf und sagte lächelnd: „Ich denke, es ist an der Zeit, dass wir uns mit einer Bibliothekarin anfreunden.“

Wann haben wir nur zuletzt einen solch entzückenden Satz gelesen! Sofort freuen wir uns darauf, diese Kollegin kennen zu lernen, sie muss ein wundervolles, außergewöhnliches Wesen sein. Aber die kalte Dusche folgt umgehend:

An einem der vielen länglichen Tische saß eine Bibliothekarin und war vertieft in die Abschrift eines Buches … Sie war unauffällig gekleidet, hatte einen Dutt und einen zarten Hals und schien von einer hohen Fähigkeit zur Konzentration. Still und versunken las sie …

Weia! Der Sprachmeister Gwisdek greift tief in die Mottenkiste und präsentiert uns als Bibliothekarin eine stille, unauffällig gekleidete Person mit Dutt. Enttäuscht lese ich weiter, als sich kurz darauf herausstellt, dass diese Bibliothekarin gar nicht echt ist! Der Zugang zu Büchern wird nämlich rigide kontrolliert und erfordert einen zu einer Leseberechtigung führenden Antrag mit genauer Bezeichnung der gewünschten Werke. Die vorgebliche Bibliothekarin benötigt aber indizierte Literatur, weshalb sie auf den Trick verfallen ist, sich als eine in der Bibliothek arbeitende Person auszugeben, was ihr den Zugang zu allen Werken ermöglicht. Und welche Verkleidung wäre besser geeignet dafür als eben genau das klischeehafte Äußere samt entsprechendem Verhalten!

Teufel auch! Das ist ja geradezu genial! Kennt Gwisdek etwa unser altes berufliches Klischee und nutzt es, um eine Bibliothekarin möglichst gut unter anderen Bibliothekarinnen zu „verstecken“? Wenn das so ist, dann Hut ab. Mir ist Vergleichbares aus unserem beruflichen Umfeld nicht bekannt.

Aber ist der Gwisdek wirklich so clever? Leider fällt es mir schwer, an ein bewusstes Spiel mit dem Klischee zu glauben, denn er verliert zu rasch das Interesse an dieser Figur, die sich doch jetzt erst entwickeln könnte. Ob er es mir irgendwann einmal sagt? Ich wüsste es nur zu gern …

 

Vintage female photograph 4.jpg

Foto: „Vintage female photograph 4“ von Unbekannt. Gemeinfrei über Wikimedia Commons.

PS. Rezensionen zum Roman hier, hier und hier.
Mit Dank an Marvis.

 

 

Verfasst von: haferklee | 18. Dezember 2015

Weihnachtsgeschenk für kleine Bibliothekswesen (4): Zippert zaubert

Hach, was möchte ich diesmal gern das Urheberrecht verletzen! Wie reizt es mich, hier das wunderbare Bild zu zeigen, wie der kleine, völlig aus der Art geschlagene Löwe Heribert ehrenamtlich in der afrikanischen Savanne als Schülerlotse am Wasserloch arbeitet! Oder wie Fräulein Mwumbana, die Bibliothekarin, entsetzt das Weite sucht (es aber leider nicht mehr findet), als Heriberts Vater, der zu seinem Schrecken festgestellt hat, dass sein verweichlichter Sohn einen Bibliotheksausweis besitzt, mit seinem Rudel in die Bibliothek eindringt, um Heribert zu demonstrieren, wie ein richtiger Löwe an ein Buch kommt:

„Ein richtiger Löwe bettelt nämlich nicht darum, ein Buch ausleihen zu dürfen, er holt es sich einfach. Er jagt und hetzt es, bis es nicht mehr kann und ihm gehört. Und wenn zufällig eine Bibliothekarin dranhängt, umso besser.“

Die Bilder (eigentlich sind es Gemälde) dieses wundervollen Buches stammen von Rudi Hurzlmeier, der Text ist von Hans Zippert, dem Kolumnisten der „Welt“, beide sind auch als „Titanic“-Mitarbeiter tätig. Das Buch ist unglaublich komisch und …

Da fällt mir gerade ein, das habe ich doch schon einmal geschrieben! Ich brauche das Urheberrecht hier gar nicht verletzen, das habe ich doch schon einmal getan, zumindest ein kleines bisschen … Hier steht doch schon alles über das Buch! Ihr braucht es jetzt nur noch jagen und hetzen, bis es nicht mehr kann … und verschenken! Und wenn zufällig eine Bibliothekarin dranhängt – umso besser! Lasst Euch die saftigsten Stücke schmecken!!

„Der Papagei, das Telefon und die Bibliothekarin“ ist ein bescheuerter Titel für ein Buch, das im Original „The Loop“ heißt. Mehr gibt es aber auch schon nicht zu kritisieren. Der hierzulande recht unbekannte Autor Joe Coomer (kein deutschsprachiger Wikipedia-Eintrag!) erzählt in einem höchst originellen und vielschichtigen Plot von der Annäherung zweier Menschen, die feste Bindungen eigentlich scheuen. Eine davon ist die resolute Bibliothekarin und Buchrestauratorin Fiona, die so gar nicht dem allseits bekannten Klischee entspricht:

Als er sich gerade die Signaturen einiger Titel notierte, spürte er, daß sie auf ihn zukam. Dann drückten vier Fingerspitzen sich sacht in sein Kreuz, und er fuhr hoch. … Soviel Unverschämtheit hatte er noch nicht erlebt. Er benutzte die Bibliothek seit über zehn Jahren, und Anfang des letzten Semesters hatte er sie zum erstenmal gesehen, als sie mit einer roten Plastikanstecknadel an der Bluse hinter der Ausleihtheke stand: „Fiona – Bibliotheksassistentin“. Darunter eine zweite Anstecknadel: „Bona fide Bücherwurm“ und unter dieser eine dritte: „Kann ich Ihnen helfen?“ Bei Fiona war das eher ein Befehl als eine Frage.

Aber auch wenn Fiona stets sehr präsent ist, gezeichnet wird sie wie ihr männliches Pendant in leisen Tönen. Coomers Buch wurde von der New York Times 1993 als eines der „Notable Books of the Year“ ausgezeichnet, und der Rezensent des „New Yorker“ konnte ihm nicht widerstehen. Lesen, bitte, wenn Ihr mit Bibliotheken zu tun habt; nicht nur, aber auch wegen der ungewöhnlichen weiblichen Protagonistin.

Rezensionen in seriösen deutschen Medien sind meines Wissens nicht erschienen. Macht aber nix, bei Amazon findet sich eine passable Besprechung. Das Buch ist derzeit nur antiquarisch erhältlich.

„In jedem Buch gibt es irgendeinen Hinweis auf dein eigenes Leben“, sagte sie. „Auf diese Weise sind die Geschichten alle miteinander verbunden. Du erweckst sie zum Leben, wenn du sie liest …“

Die Protagonisten des im Februar dieses Jahres erschienenen Romans „Die Reise mit der gestohlenen Bibliothek“ erwecken viele Geschichten zum Leben und erhalten manche Hinweise auf ihr eigenes Leben, denn der Autor David Whitehouse schickt sie mit einem gestohlenen, aber gut gefüllten Bücherbus auf eine Reise quer durch England. Wessen Herz an dieser Form der Bibliotheksarbeit hängt, weil sie/er wie ich (wenn auch nur kurz) einmal in einem Bücherbus gearbeitet hat, freut sich auf das Buch. Diese Vorfreude ist mir aus Zeitmangel bisher erhalten geblieben. Deshalb verweise ich auf die bei Bücher.de zusammengestellten, positiven Rezensionen, aus denen allerdings, das sei nicht verschwiegen, ein Totalverriss in der „Süddeutschen Zeitung“ heraussticht.

Die Reise mit der gestohlenen Bibliothek - Whitehouse, David

 

 

Wenn ich etwas nicht wusste, ging ich immer sofort in die Stadtbücherei, um es herauszufinden. Schon von klein auf.

Bei diesen beiden Sätzen wird uns Bibliothekswesen natürlich sofort wunderbar warm ums Gemüt. Gesprochen werden sie von der Hauptfigur, einem namenlosen Jungen, zu Beginn von Haruki Murakamis Erzählung „Die unheimliche Bibliothek“. Sofort ist klar, dass die Handlung nicht in der Jetztzeit angesiedelt sein kann, denn so ist es, wie wir nur zu gut wissen, nicht mehr. Tatsächlich ist Murakamis erst vor zwei Jahren ins Deutsche übertragene Erzählung bereits 1982 entstanden.

Als der Junge ein weiteres Mal in die Bibliothek geht, um seinen Wissensdurst zu stillen, passiert etwas Unerwartetes. Er gerät in ein Verlies, das sich unter der Bibliothek befindet und von einem alten Bibliothekar bewacht wird. Der gibt dem Jungen zwar die Bücher, die er gesucht hatte, sperrt ihn aber gleichzeitig dauerhaft ein mit dem Befehl, den Inhalt der Bücher auswendig zu lernen. Vom Schafmann, einer geheimnisvollen Figur, die ihn in der Gefangenschaft versorgt, erfährt der Junge, dass der Alte ihm das Gehirn aussaugen wird, sobald er den Inhalt der Bücher kennt.

„Aber, Schafmann, warum will mir dieser alte Mann denn das Gehirn aussaugen?“
„Weil mit Wissen vollgestopfte Gehirne angeblich sehr delikat und reichhaltig sind. Und sämig oder so.“ …
„Das ist aber gemein“, sagte ich. „Vor allem, wenn man der ist, der ausgesaugt wird.“
„Ja, aber das machen doch alle Bibliotheken. Mehr oder weniger.“
Ich war wie vom Donner gerührt. „Alle Bibliotheken machen das?“
„Sie müssen das Wissen, das sie verleihen, wieder ergänzen.“

Jetzt wissen wir also, wovon Bibliotheken leben. Nicht ganz ohne Grusel, diese Geschichte. Sie erzeugt allerdings keinen vordergründigen Schrecken, sondern schwebt in einer traumhaften Stimmung, in der vieles möglich ist.

Murakamis kurze Erzählung würde eine Publikation als eigenständiges Buch kaum rechtfertigen, wären da nicht die großartigen Illustrationen von Kat Menschik, die es kongenial begleiten. Ihr Anteil an der Stimmung des Buches ist so groß, dass Ihr Name eigentlich in gleicher Gewichtung neben dem Murakamis stehen müsste. „Ihre verstörend magischen, zutiefst berührenden und dabei nie ins Pathetische abdriftenden Werke, die sich zudem durch eine grandiose Ästhetik auszeichnen, machen das mit Leseband versehene Buch zu einem bibliophilen Kleinod.“

Genau, die „Unheimliche Bibliothek“ ist ein wunderschön gestaltetes Buch und gehört also nicht nur wegen des Inhalts auf den Gabentisch von Bibliothekswesen. Rezensionen von Arno Widmann in der Frankfurter Rundschau, von Iris Radisch bei Zeit online und von Verena Paul im Portal Kunstgeschichte, der ich das bewertende Zitat entnommen habe.

Haruki Murakami (Autor: galoren.com, CC BY-SA 4.0); und hier ein Portrait von Kat Menschik.

Ähnlicher Beitrag:
Liebesgedicht für eine Bibliothekarin

 

David Benioff ist Drehbuchautor und einer von zwei Ideenlieferanten der Fantasyserie „Game of Thrones“. Als Schriftsteller hat er 2008 seinen Roman „Stadt der Diebe“ veröffentlicht, einen internationalen Bestseller. Der ist recht spannend und gar nicht so schlecht, es finden sich aber auch klischeehafte Formulierungen darin:

Als wir uns umdrehten, sahen wir zwei junge Mädchen … „Wen wünscht ihr hier zu sprechen?“, fragte eine von ihnen mit der steifen Korrektheit einer Bibliothekarin. (S. 122)

Die Realität scherte sich … nicht um meine Wünsche, sondern gab mir einen Körper, der bestenfalls geeignet war, in einer Bibliothek Bücher zu sortieren … (S. 149)

Heyne Taschenbuch, 13. Aufl., München 2013

 

File:David Benioff 2013.jpg

David Benioff 2013 (Foto von Gage Skidmore, cc BY-SA 2.0)

 

Verfasst von: haferklee | 2. November 2015

Erinnerung an Bona Peiser

Das Kalenderblatt vom November dieses Jahres aus der Kalenderserie „Wegbereiterinnen“ weist auf Bona Peiser hin, die „erste[n] Berufs-Bibliothekarin in Deutschland“, wie es darin heißt.

Der Text stammt von Frauke Mahrt-Thomsen, die vor zwei Jahren folgende ausführliche Arbeit über Bona Peiser veröffentlicht hat:  Frauke Mahrt-Thomsen: Bona Peiser : die erste deutsche Bibliothekarin; Wegbereiterin der Bücher- und Lesehallen-Bewegung und der Frauenarbeit in Bibliotheken, Berlin : BibSpider, 2013, 275 S., ISBN 978-3-936960-56-3. (Rezension hier.)

Der Wikipedia entnehme ich Informationen zum Foto von Bona Peiser:

Bis heute ist kein Einzel-Foto von Bona Peiser bekannt, aber es existiert eine Aufnahme aus der Lesehalle von 1914, auf der man neben vielen Lesern im Hintergrund eine weibliche Person erkennen kann, bei der es sich vermutlich um Bona Peiser handelt.

Das Kalenderbild verwendet einen Ausschnitt dieses Fotos.

Die Kalenderserie „Wegbereiterinnen“ wird von der Sozialwissenschaftlerin Gisela Notz herausgegeben. Seit 2003 erarbeitet sie zu jedem Jahr einen Kalender mit 12 Monatsblättern, auf denen Frauen vorgestellt werden, die für bestimmte gesellschaftliche Entwicklungen wichtige Beiträge geleistet haben.

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