Verfasst von: haferklee | 7. Februar 2019

Ein kleiner Blick in die Zukunft von Internet und Bibliotheken

Existiert das Internet in 100 Jahren noch? Und wird es dann noch Bibliotheken geben? Der Science-Fiction-Autor Dennis E. Taylor hat dazu eine Meinung.

In seinem Roman „Ich bin Viele“ lässt sich Bob, der Protagonist, einfrieren und wacht ein Jahrhundert später, im Jahr 2133, wieder auf. Sein früheres Heimatland, die USA, wird inzwischen von einer Gruppe klerikaler Fanatiker regiert, die ihren Staat als „Free American Independent Theocratic Hegemony“ bezeichnen, abgekürzt als FAITH. Nachdem Bob zu sich gekommen ist, möchte er ziemlich bald wissen, was aus dem Internet geworden ist. „Ach, wissen Sie,“ bekommt er zur Antwort, „das Internet gibt es nicht mehr. Jedenfalls nicht hierzulande. Es ist viel zu anarchistisch und zu schwer zu kontrollieren. Und es bietet zu viele Gelegenheiten für die Sünde, falsche Lehren und sonstige Versuchungen. … Innerhalb der FAITH sind Informationen generell nicht frei zugänglich.“

Aber woher bekommt man dann notwendige Informationen? Ganz einfach, wird Bob erklärt: „Dafür haben wir Onlinebibliotheken.“ Und deren Inhalte sind in diesem Zukunftsentwurf strikt staatlich reglementiert und kontrolliert.

 

 

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Verfasst von: haferklee | 10. Januar 2019

Google vs. Heimatbücherei

Was Donna Tartt kann, nämlich BibliothekarInnen ohne schein-berufstypische Klischees beschreiben, bekommt die Satirezeitschrift „Titanic“ leider nicht hin. Im aktuellen Heft hat die Redakteurin Ella Carina Werner unter dem Titel „Lob der Jetztzeit“ diesen kurzen Text veröffentlicht:

Eigentlich ist unsere Gegenwart gar nicht so schlecht. Ich kann als Frau studieren, Blumenkohleis mit Schokostückchen drin kaufen oder nachts betrunken bei Google eintippen: „Buhc übr Femnismu“, und Google versteht, was ich meine, gibt mir die schönsten Tips. Die Bibliothekarin in meiner Heimatbücherei hätte das nicht gekonnt. Frau Hader mit der runden Brille und dem silbergrauen Dutt. Sie hätte die Stirn in Falten gelegt und die vaselineglänzenden Lippen gespitzt: „Buhc übr Femnismu?!“ Dann hätte sie die Nase kraus gezogen und gefragt, warum ich mitten in der Nacht kommen muss und warum ich so verdammt nach Alkohol rieche.

Mal wieder ist alles versammelt, was wir kennen und uns so langweilt: runde Brille, silbergrauer Dutt, die Abneigung gegen Alkohol (sprich: ein langweiliges Leben). Immerhin, die vaselineglänzenden Lippen passen sehr gut in diese Aufzählung, und zumindest die sind mir bisher nicht untergekommen. Herzlichen Glückwunsch zu dieser schöpferischen Leistung, Frau Werner!

Mich schmerzt dieser kleine Text, hat doch dieses Blog dem Titel der Rubrik, in der er erschienen ist („Vom Fachmann für Kenner„) seinen davon abgeleiteten Untertitel zu verdanken.
Außerdem kommen Bibliotheken in der „Titanic“ geschätzt nur alle zehn Jahre vor, sie sind SatirikerInnen wohl zu unbedeutend. Wenn es dann doch einmal geschieht, müssen anscheinend alle Klischees aufgefahren werden; vielleicht, weil die LeserInnen sonst nicht wissen, was eine Bibliothek eigentlich ist? Zur (halben) Ehrenrettung des Blattes sei darauf hingewiesen, dass einer der besten Cartoons zum Thema Bibliotheken dort erschienen ist – allerdings ebenfalls klischeebehaftet.




 

 

 

In Donna Tartts 1993 auf deutsch erschienenem Erstlingswerk „Die geheime Geschichte“ spielt eine kleine Szene in einer Bibliothek, und die aufsichtführende Bibliothekarin ist nicht gerade eine Zierde ihres Berufsstandes:

Ich schloss meine Tür ab und ging hinüber zur Bibliothek … Die Bibliothek glich einem Grab; aus dem Innern fiel das kalte Licht der Leuchtstofffröhren … Bücherregale, leere Kabinen, keine Menschenseele.
Die Bibliothekarin – eine verachtungswürdige Kuh namens Peggy – saß hinter ihrem Schreibtisch und las in einer Nummer von Women’s Day. Sie blickte nicht auf. … Ich lief die Treppe hinauf in den ersten Stock …

Selten habe ich mich über die drastische Negativbeschreibung eines Bibliothekswesens so gefreut wie diesmal. Warum? Ganz einfach: Die Bibliothekarin trägt keines der üblichen berufstypischen Klischees, ohne die es fast nie zu gehen scheint. Sie wird als Person gesehen und muss nicht (durch Brille, Dutt, Sneakers, Verklemmtheit etc) weiter mit schein-berufstypischen Standards pseudobeschrieben werden. Sie ist ganz einfach eine verachtungswürdige Kuh. So etwas gibt es. Tartt liefert ja auch einen nachvollziehbaren Grund für die Einschätzung der Erzählerin: Diese Bibliothekarin  interessiert sich nicht für ihre NutzerInnen.

In Donna Tartts letztem Roman „Der Distelfink“ kommen Bibliotheken übrigens mehrfach ganz selbstverständlich vor und, ebenfalls klischeefrei, insgesamt auch noch gut weg.


Romane von Donna Tartt.

Von Drucker03 – Eigenes Werk (Originaltext: Eigene Aufnahme), CC BY-SA 3.0 de, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=32729152

In Sissinghurst Castle haben die Schriftstellerin und Gärtnerin Vita Sackville-West und ihr Mann, der Diplomat und Schriftsteller Harold Nicolson, von den 30ern bis in die 60er Jahre des letzten Jahrhunderts gelebt und gearbeitet. Beide waren Teil der intellektuellen Londoner Bloomsbury Group. Ihr Garten, insbesondere der „White Garden“, ist berühmt. Das Anwesen gehört heute dem National Trust, dem damit auch die Pflege der bedeutenden Privatbibliothek der beiden obliegt, die viele Erstausgaben beinhaltet. Sie umfasst etwa 11.000 Titel, und zur dauerhaften Konservierung der Bücher hat der National Trust ein nicht unbedeutendes Sümmchen Geld ausgegeben, wie in den Besucherinformationen zu lesen ist:

 

In den vergangenen vier Jahren hat man alle Bücher der Bibliothek in einem aufwändigen Prozess in die Hand genommen und restauriert. Zur dauerhaften Erhaltung des originalen Einbands der Werke hat man eine ungewöhnliche Vorgehensweise gewählt. Denn der Einband der Werke sei langfristig gesehen am stärksten durch die Schwerkraft gefährdet, wie mir die Aufsichtsperson in Sissinghurst Castle sagte. Denn durch die Schwerkraft werde der Buchblock, der bei einem senkrecht im Regal stehenden Buch keinen Bodenkontakt hat, nach unten gezogen, wodurch er Gefahr laufe, vom Einbanddeckel abgerissen zu werden. Um diese langfristige Gefährdung zu vermeiden, hat man für jedes Buch der Bibliothek einen eigenen, „persönlichen“ Schuber gebastelt, der genau der Größe des Buchs entspricht. Darin werden die Bücher jetzt aufbewahrt. Im Regal sieht man die Schuber so gut wie nicht, denn die Buchrücken sind weiterhin zu sehen, sodass die Privatbibliothek beim Betrachter weiterhin ihren ursprünglichen Eindruck hinterlässt.

Der besondere Clou dabei: In jeden Schuber wurde eine Unterstützung für den Buchblock eingearbeitet, der die Höhendifferenz zur Einbanddecke ausgleicht und dafür sorgt, dass der Buchblock Bodenkontakt hat:

In den Besucherinformationen ist noch einmal zu lesen, wie man vorgegangen ist:

Mir ist ein vergleichbares Vorgehen (This „adds centuries onto the life of a binding“) bei der Restaurierung von Büchern nicht bekannt, aber ich bin mit diesem Thema auch nicht vertraut. Kennt jemand etwas Vergleichbares?

 

Verfasst von: haferklee | 27. August 2018

Die südlichste Bibliothek Irlands

Im äußersten Süden von Irland,
ein Kölner ’ne Bibliothek fand.
Sie hält den Rekord
der südlichsten dort,
weshalb sie schon bald hier im Blog stand.

 

Für Neugierige:
„Äußerster Süden Irlands“ = Cape Clear Island, etwa 120 Bewohner.
„Ein Kölner“ = Marvis.
„’ne Bibliothek“ = Cork County Library Branch Services , dort „Oileán Chléire“ (= gälisch für „Cape Clear Island“) aufklappen.
„weshalb …“ = Dieses Blog beschäftigt sich nun mal mit den Nebensächlichkeiten des Bibliothekswesens.

Außenansicht …

 

Und jetzt mal richtig hoppelig:

Die Bücherei von Cape Clear Island
als südlichste Irlands man kaum kennt,
[Containererrichtet
man sie jetzt mal sichtet]
weshalb der Verfasser sie hier nennt.

… und innen drin.

 

 

 

Tausend Dank an Marvis! Ihm gehören die Fotos.

 

Verfasst von: haferklee | 17. Juli 2018

Bücher zum Lesen

Erfreulich, wenn in dieser Berghütte auf den hauptsächlichen Sinn der Bücher hingewiesen wird:

20180618_130534

Denn es waren einige Tische ziemlich wackelig.

 

Verfasst von: haferklee | 14. Mai 2018

Ein Bibliothekar kartiert die erotische Weltliteratur

Uwe Timms 1991 erschienener, großartiger Roman „Kopfjäger“ steckt voller merkwürdiger und manchmal unglaublicher Geschichten. Eine handelt von dem Schriftsteller, Gelehrten und Bibliothekar Wilhelm Heinse (1746-1803), der ab 1786 zunächst als Vorleser, bald auch als Bibliothekar, im Dienst des Mainzer Erzbischofs, Kurfürst Friedrich Karl Joseph von Erthal, und dessen Nachfolger stand. Peter Walter, der Protagonist des Romans von Uwe Timm, erzählt,

Heinse, der als Bibliothekar des Kurfürsten zu Mainz arbeitete, habe in monatelanger Arbeit einen Lehrpfad durch die Bücher angelegt, indem er zwischen all die Seiten der Weltliteratur, auf denen erotische oder sogar sexuelle Szenen beschrieben wurden, kleine rote Papierstreifen gelegt habe, als Lockspeise sozusagen für diesen Lehrpfad der Lüste. Eine enorme, kenntnisreiche, liebevolle Arbeit, die Heinse zum Vergnügen des lebenslustigen Fürstbischofs da geleistet habe, denn es sei ein literarischer Lehrpfad durch die Sittengeschichte der letzten zwei Jahrtausende gewesen. Nach dem Tod des Kurfürsten – auch Heinse sei recht jung gestorben – sei ein recht enggläubiger Bischof Kurfürst geworden. Der besuchte eines Tages die Bibliothek und begann, die Stellen mit den roten Lesezeichen zu lesen, in der Annahme, da sei ein Heilsweg durch die Literatur markiert, fromme, die Seele erbauende Stellen, er fand sich aber plötzlich auf einem ganz anderen Pfad und befahl, schleunigst alle Zettel zu entfernen. 2436 zählte ein Unterbibliothekar.

Eine erstaunliche, skurrile Geschichte! Uwe Timm legt dem Erzähler der Anekdote zwar eine Quelle in den Mund, allerdings eine äußerst vage: Er habe diese Geschichte demnach „aus einem alten Literaturlexikon“.

Wusste es Uwe Timm nicht genauer? Wollte er keine präzise Quelle nennen? Welche Herausforderung für einen Bibliothekar! Das muss doch zu verifizieren sein!

 Wilhelm Heinse im Jahr 1779. Gemälde von Johann Friedrich Eich, Gleimhaus Halberstadt, Wikimedia Commons.

Heinses Lebenslauf lässt sich schnell nachlesen: in der Wikipedia, der ADB, der NDB, dem Goedeke und vielen anderen kürzeren und längeren Nachschlagewerken. Denn ein Unbekannter ist er nicht. Sein Hauptwerk, „Ardinghello und die glückseeligen Inseln“ (2 Bände, Lemgo 1787) wird häufig als erster deutschsprachiger Künstlerroman bezeichnet. Und seine von 1780 bis 1783 unternommene Italienreise gilt als Vorbild für Goethes sechs Jahre später begonnene Reise. Ein Heinse-Eintrag findet sich deshalb in jedem Literaturlexikon, jüngeren wie älteren.

Aber eine Bestätigung für die seltsame Geschichte habe ich in ihnen nicht finden können. Auch in der bibliothekarischen Fachliteratur scheint noch niemand darauf hingewiesen zu haben. Und ebenfalls kein Hinweis in der Sekundärliteratur zum Werk von Uwe Timm, soweit sie für mich greifbar war. Insbesondere im von Gernot Frankhäuser und anderen herausgegebenen Begleitband zur Aschaffenburger/Mainzer Ausstellung anlässlich des 200. Todestages von Heinse müsste doch etwas dazu stehen. Denn er enthält viele Texte über die Bibliotheken, die Heinse zur Verfügung standen, und über die in seinen Werken entworfenen imaginären Bibliotheken. Aber: nix. Oder – halt: etwa doch? Heinse veröffentlichte 1773 die Übersetzung der „Begebenheiten des Enkolp“ aus dem „Satyricon“ des Petronius, ein Roman in lateinischer Sprache aus der Zeit Neros. Frankhäuser schreibt dazu:

In der meisterlichen Vorrede, einer Anleitung zum Umgang mit verbotenen Büchern, gab Heinse eine kleine Bibliographie derjenigen Literatur von der Antike bis zur eigenen Zeit, die im Verdacht der Förderung der Sittenverderbnis stand;

Liest man diese Vorrede, zählt man vielleicht ein Dutzend von Heinse genannte Schriftsteller. Tatsächlich eine eher kleine Auflistung und keineswegs eine Bibliographie mit über 2.400 „Stellen“.

Könnte es also schlussendlich so sein, dass Timms Anekdote doch „nur“ gut erfunden ist? Das halte ich inzwischen für recht wahrscheinlich. Julia Schöll weist in einem Aufsatz über den Roman und dessen Protagonisten, den Versicherungsvertreter und Finanzberater Peter Walter, darauf hin, dass dieser in der Tradition „unzuverlässiger Erzähler“ stehe, und sieht den Grund in seiner wenig seriösen Profession:

Wenn Uwe Timm die Geschichte erfunden hat, dann wirklich gut und passend zur Person, der sie angedichtet wird. Denn Heinse war kein Kind von Traurigkeit. Noch einmal Gernot Frankhäuser:

… mit seiner erstmaligen Übertragung des bis dahin nur den lateinkundlichen Männern zugänglichen Textes ins Deutsche provozierte er einen Eklat unter den Kollegen.

Und auch die beiden nächsten Publikationen Heinses, eine weitere Übersetzung und ein erster eigener Roman, bezeichnet Frankhäuser als „skandalträchtig“.

Fazit: Großer Respekt vor Uwe Timm! Entweder hat er tatsächlich eine Geschichte ausgegraben, die in irgendeinem alten Literaturlexikon erwähnt wird, allen heutigen Fachleuten aber unbekannt ist. Oder er hat eine Anekdote so gut erfunden, dass die Falsifizierung schwierig ist. – Aber es gibt ja noch die lieben Kolleginnen und Kollegen.

Deshalb meine Frage in die Runde: Kann irgend jemand Informationen zu dieser bibliothekarischen Anekdote beisteuern?

 

Quellen:
Uwe Timm: Kopfjäger. Zitiert nach der bei dtv erschienenen Taschenbuchausgabe, 4. Auflage 2006, 3-423-12937-9, S. 254-255.

Julia Schöll: Zur Anwesenheit des Abwesenden. In: Marx, Friedhelm (Hrsg.): Erinnern, Vergessen, Erzählen : Beiträge zum Werk Uwe Timms. – Göttingen 2007, 978-3-8353-0117-7, S. 136.

Frankhäuser, Gernot u.a. (Hrsg.): Wilhelm Heinse und seine Bibliotheken. Mainz 2003. 978-3-8053-3233-0, S. 12

Verfasst von: haferklee | 10. April 2018

Die scheinbar tagesscharfe Suche des DNB-Katalogs

Die „Erweiterte Suche“ des DNB-Katalogs gibt einem die Möglichkeit, unter Nutzung des angebotenen Kalenders tagesscharf (zum Beispiel vom Mittwoch einer Woche bis zum Dienstag der Folgewoche) die Neuanzeigen ausgewählter Reihen zu suchen, zusätzlich beispielsweise auch in Kombination mit bestimmten Sachgruppen.

Diese Möglichkeit existiert aber nur scheinbar. Denn die  Suche nach einer Teilwoche wird systemseitig umgesetzt zu einer Suche nach den Neuanzeigen einer ganzen Kalenderwoche. Bei der oben beschriebenen Suche erhält man also als Ergebnis nicht die Neuanzeigen der genannten sieben Wochentage, sondern diejenigen aller 14 Tage beider Wochen. Möchte man als Ergebnis die Neuanzeigen eines einzigen Tages erhalten und formuliert das so im Kalender, erhält man die Treffer der gesamten Woche.

Die Kalenderfunktion des DNB-Katalogs täuscht bezüglich der Treffermenge eine Genauigkeit (precision) vor, die sie nicht hat. Die meisten Kalendersuchen führen zu mehr Treffern als es der formulierten Eingabe entspricht, ohne dass man das sofort merkt. Und bei einer wöchentlichen Standardsuche, die nicht einer Kalenderwoche entspricht, erhält man ständig Dubletten.

 

Das mag für die eine oder den anderen ein alter Hut sein, mir ist es erst vor kurzem bewusst geworden. Zwar nutze ich die Kalenderfunktion seit langem, bisher aber zufällig nur in einer regelmäßigen Suche von Montag bis Sonntag einer Woche, was der Suche einer  Kalenderwoche entspricht. Als ich vor kurzem meine wöchentliche Standardsuche auf Freitag bis Donnerstag umstellen wollte, fiel mir das beschriebene Verhalten des DNB-Katalogs auf.

Und ich fühle mich von der DNB ein wenig hinters Licht geführt. Da hilft es auch nicht, dass die Umsetzung von der scheinbar tagesscharfen auf die unschärfere wöchentliche Suche für Eingeweihte zu erkennen ist. Denn wer, außer Personen mit genauen Kenntnissen der deutschen Nationalbibliographie, weiß schon, was das oberhalb der Treffer angezeigte „(wvn=18,A13* or wvn=18,B13*)“ bedeutet?

 

Ich bin es gewöhnt, mich auf Suchanfragen zu verlassen, die ich im Katalog einer Bibliothek stelle, erst recht einer Nationalbibliothek. Ein Tageskalender bedeutet dabei für mich – und suggeriert meines Erachtens im beschriebenen Fall – die Möglichkeit einer tagesscharfen Suche. Die ist aber nicht möglich, wie mir die DNB auf Anfrage bestätigt hat.

 

Weil ich kein RDA-Spezialist bin, schaue ich bei den Titelaufnahmen meiner Bibliothek (keine Verbundteilnahme) in Zweifelsfällen gern nach, wie es die großen anderen machen, sprich DNB und Verbünde. Mir fällt viel häufiger als zu RAK-Zeiten auf, dass sich deren Katalogisate jetzt oft deutlich voneinander unterscheiden. Ein sehr schönes Beispiel möchte ich hier präsentieren.

Ganz frisch erschienen ist die Manifestation mit der ISBN 978-3-423-05529-1. Ich habe sie im KVK am 04. April 2018 in einer kombinierten Suche von ISBN und Erscheinungsjahr (2018) gesucht.

Vier Verbünde liefern an diesem Tag Ergebnisse: der SWB, der GBV, der BVB, der KOBV; andere, auch die DNB, weisen den Titel noch nicht nach. [Nebenbei: HEBIS-Retro liefert außerdem ein falsches Ergebnis.]

Zum Vergleich die wesentlichen Teile der vier Katalogisate, beginnend mit dem SWB:

Es folgt der GBV:

Jetzt schauen wir uns das Katalogisat des KOBV an:

Und zum Schluss noch dasjenige des BVB:

 

Wie sieht es nun mit einheitlicher Katalogisierung bei Haupttitel und Titelzusatz aus? Gar nicht gut. Der aus einem Wort bestehende Haupttitel ist zwar noch einheitlich wiedergegeben, aber in Verbindung mit dem Titelzusatz schaffen es die vier Verbünde, ihren NutzerInnen vier verschiedene Varianten anzubieten. Vermutlich alle streng nach dem nationalen Regelwerk erfasst.

Die Titelangaben beim BVB:
Beamtenrecht ; [BundesbeamtenG, BeamtenstatusG, BundesdisziplinarG, BundesbesoldungsG, BeamtenversorgungsG, BundeslaufbahnVO, BundesbeihilfeVO] : Textausgabe mit Sachregister und einer Einführung ; BeamtR

Die Titelangaben beim KOBV:
Beamtenrecht : Textausgabe mit Sachregister und einer Einführung

Die Titelangaben beim SWB:
Beamtenrecht : Textausgabe mit Sachregister

Die Titelangaben beim GBV:
Beamtenrecht : Textausgabe

Fazit zu Haupttitel und Titelzusatz: Vier Verbünde liefern vier verschiedene Ergebnisse!

Das wird nicht besser, wenn die Verantwortlichkeitsangabe hinzukommt und damit am Buch möglicherweise beteiligte Personen. Hat das Ding eigentlich eine wichtige beteiligte Person?

Ja, sagt der BVB: Es hat einen Herausgeber. Wir nennen ihn in einer eigenen, mit „Autor/Person“ bezeichneten Kategorie, auf eine Verantwortlichkeitsangabe verzichten wir aber.
Ja, sagen GBV und SWB: Es hat zwar keinen Herausgeber, aber einen Verfasser einer Einleitung. Wir nennen ihn in einer eigenen Kategorie und in der Verantwortlichkeitsangabe, allerdings benennen wir die Kategorie unterschiedlich: GBV „Person/en“, SWB „Beteiligt“.
Nein, sagt der KOBV: Keine Person ist in so wichtiger Funktion beteiligt, dass man sie irgendwo nennen müsste.

Fazit zur beteiligten Person: Ein ziemliches Durcheinander und wieder weit voneinander abweichende Katalogisate!

Gibt es auch beteiligte Körperschaften?

Nein, sagen KOBV und GBV. Uns nicht bekannt.
Ja, sagt der BVB: Beteiligt ist „Deutschland“, wir führen es in der Kategorie „Körperschaft“; aber uns ist nicht bekannt, in welcher Funktion sie an dem Buch beteiligt ist.
Ja, sagt der SWB: Beteiligt ist „Deutschland [Normerlassende Gebietskörperschaft]“, Deutschland ist Verfasser und deshalb führen wir es in der Kategorie „Verfasser“.

Fazit zur beteiligten Körperschaft: Dasselbe Durcheinander wie bei der beteiligten Person.

Wir können kaum noch, schauen uns aber doch noch schnell die Serienansetzung an:

GBV: Eindeutig eine Serie, nämlich „dtv“.
KOBV: Yep, eindeutig eine Serie: „Beck-Texte im dtv“.
SWB: Da sind doch ganz klar zwei Serien: „dtv“ und „Beck-Texte“.
BVB: Zwei Serien natürlich, und zwar „dtv“ und „Beck-Texte im dtv“. Wir führen aber keine eigene Kategorie für die Serie wie die anderen Verbünde, sondern verstecken die Serienangabe am Ende der Ausgabebezeichnung, dann findet man sie nicht so schnell.

Fazit zur Serienansetzung: erneut vier Verbünde und vier Varianten. Fast schon erstaunlich, dass es nicht deren fünf sind!

Kommt es da wirklich noch darauf an, dass drei verschiedene Angaben zum Stand der Manifestation gemacht werden? KOBV „15. Februar 2017“, GBV und SWB „1. Januar 2018“, BVB „15. Februar 2018“. Dass als Verlag mal „dtv“, mal der „Dt. Taschenbuch-Verl.“ und auch mal gar kein Verlag genannt ist? Verwundert es bei dieser, ähem, Uneinheitlichkeit (oder eben doch eher diesem Versagen?) der Katalogisierung nach einem nationalen Standard noch, dass nicht einmal die Seitenzählung einheitlich angegeben wird? Dreimal „XXIII, 656 Seiten“, beim BVB dagegen „688 Seiten“.

Handelte es sich hierbei um eine große Ausnahme, wäre das nicht sonderlich schlimm. Nach meinem Eindruck, den ich natürlich nicht mit Zahlen untermauern kann, ist das aber keine Seltenheit mehr, seit nach RDA-Standard katalogisiert wird.

Deshalb drei Fragen zum Schluss:
Wie erkläre ich das meinen FaMIs, die in RDA geprüft werden?
Was war noch mal das Ziel bei den zahlreichen, geld- und zeitfressenden RDA-Schulungen der letzten Jahre?
Und was, liebe katalogisierende Kolleginnen und Kollegen, hat sich nur bei euch verändert, seit Will Manley sein grundlegendes Psychogramm eures zuverlässigen Wirkens geschrieben hat?

PS.
Die hier behandelte 32. Auflage unterscheidet sich von der ein Jahr zuvor erschienenen 31. Auflage in fast nichts, selbst die Seitenzahl ist gleich geblieben. Die DNB hat die 31. Auflage katalogisiert, mit diesem Ergebnis:
Vergleicht man das Katalogisat mit denen der 32. Auflage der vier Verbünde, stellt man entsetzt fest, dass bei vielen wichtigen Titeldaten (Haupttitel/Titelzusatz, beteiligte Person, beteiligte Körperschaft, Serientitel) eine weitere, fünfte Variante hinzukommt! Ich habe dies nicht mit in die obige Auflistung genommen, weil es ja eine andere Auflage ist und es sein kann, dass die DNB demnächst die 32. Auflage anders katalogisiert als die 31. Auflage. Aber soll man das wirklich hoffen? Denn beide Manifestationen wären ja nach RDA bearbeitet …

 

 

 

 

 

 

Verfasst von: haferklee | 21. Februar 2018

Meine Herren Bibliothekare, Ihr habt einfach den falschen Beruf!

Das scheint zumindest die Meinung des amerikanischen Krimiautors Ross Macdonald (1915-1983) gewesen zu sein, einem der wichtigsten Vertreter des klassischen hard-boiled-Detektivromans. Er beschreibt nämlich eine seiner Figuren wie folgt:

Es war diese ihre Leidenschaft für das gedruckte Wort gewesen, die sie ursprünglich auf die Idee gebracht hatte, eine Leihbibliothek zu eröffnen. Es hatte etwas mit Literatur zu tun und war zudem als Beschäftigung ladylike.

„Der Mörder im Spiegel“, ursprünglich 1948 erschienen und 1985 in einer Neuübersetzung in Deutschland wiederveröffentlicht, kam mir nicht nur deswegen etwas angestaubt vor. Es finden sich darin noch andere Preziosen wie zum Beispiel diese:

Er hatte sie immer für ehrlich gehalten, fast ehrlicher, als es für eine Frau natürlich war.

Vorschlag: Diesen Satz am in zwei Wochen stattfindenden nächsten Internationalen Frauentag an geeigneter Stelle anbringen.

Zitate aus „Der Mörder im Spiegel“, Diogenes Verlag, 3-257-21303-4, S. 185 bzw. S. 180.

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