Verfasst von: haferklee | 19. November 2019

Stadtbibliotheken, aufgemerkt!

Ist Euch das eigentlich klar? In den Büchern, die Ihr arglos verleiht, geschehen ständig Dinge, die bei Euch verboten sind! Die Protagonisten der Bücher machen, was sie wollen und kümmern sich keinen Deut um Eure Benutzungsordnungen. Hier drei Beispiele.

Walter Moers lässt Hildegunst von Mythenmetz, den Ich-Erzähler seines Buchs „Ensel und Krete – ein Märchen aus Zamonien“, gestehen:

Mir gegenüber, auf der langen Fensterbank aneinandergereiht, steht meine Referenzbibliothek … Dort befindet sich auch das Zamonische  Namensregister. Zwei Bekenntnisse: Ja, ich entlehne ihm gelegentlich die Namen meiner Romangestalten, und ja, ich habe es aus der öffentlichen Bibliothek entwendet, denn es ist nicht im Buchhandel erhältlich.

Gibt es etwas schlimmeres, als Bücher aus der Bibliothek zu klauen? Gibt es, nämlich das, was Maxwell anstellt, der Protagonist in Matt Ruffs Roman „G.A.S. – Die Trilogie der Stadtwerke“:

Irgendwie schlug er sich durch. … Maxwell [hatte] mittlerweile sogar eine Art Beruf für sich gefunden – unbezahlt zwar, aber befriedigend, ja geradezu faszinierend.
Er verstellte Bücher in öffentlichen Bibliotheken.

Und zwar vor allem Bücher, in denen erotische Bilder enthalten sind.

Während Walter Moers‘ Erzähler möglicherweise noch leise Skrupel ob seines Diebstahls empfindet, kennt Markus Cheng, der Held in Heinrich Steinfests Roman „Ein sturer Hund“, so etwas nicht:

Cheng hatte [das Buch] vor einiger Zeit aus der Stadtbücherei entliehen und später vorgegeben, es verloren zu haben. Einfach aus dem Grund, da er keinen Band auf dem freien Markt hatte auftreiben können. Daß sein Vorgehen unkorrekt war, nahm er gelassen hin. Reuelos.

Liebe Stadtbibliotheken, wäre es nicht vielleicht besser, solche Stellen in Euren Beständen zu schwärzen? Bevor sie als Handlungsanleitung aufgefasst werden?

[Und wer zum echten Tatort Bibliothek alles wissen möchte, liest hier weiter.]

Verfasst von: haferklee | 28. Oktober 2019

Neue Schädlinge in Bibliotheken und Archiven

I.
Bettwanzen, wissenschaftlich Cimex lectularius, sind ziemlich unangenehme Gesellen. Sie leben als typische Kulturfolger in menschlichen Wohnungen, vor allem Schlafstätten, und ernähren sich vom Blut der dort lebenden Menschen. Als Kosmopoliten sind sie im Prinzip nahezu weltweit vertreten, aber, schreibt das Deutsche Ärzteblatt, „Vor 30 Jahren waren Bettwanzen fast ausgestorben, derzeit verbreiten [sie] sich als Folge von Globalisierung und Resistenzen gegen Insektizide rasant“; siehe auch hier. Es gibt diverse Übertragungswege. Meist holt man sich die Viecher in bereits befallenen Hotelzimmern oder Ferienwohnungen. Fast alle Pilger des Jakobswegs haben Bekanntschaft mit den Blutsaugern gemacht. Und auch auf den Berghütten in den Alpen sind sie zu einem ernsten Problem geworden.

Einiges davon war mir bekannt. Ich war aber sehr überrascht, als ich auf die vor kurzem erschienene „Bettwanzen-Fibel“ von Oliver Zompro stieß und in dessen Inhaltsverzeichnis ein kurzes Kapitel zu Bibliotheken entdeckte. Der Verfasser weist darauf hin, dass Bücher gern im Bett, dem bevorzugten Aufenthaltsort dieser Insekten, gelesen werden und dann auch schon einmal beim Einschlafen darauf liegen bleiben.

In einem Haushalt mit Befall werden sie [die Bücher] dann leicht zur neuen und komfortablen Behausung. So kommt es, daß wir mittlerweile auch befallene Bücher in Stadtbibliotheken finden.

Zompro gibt dann Handlungsanleitungen für den Umgang mit aus Bibliotheken entliehenen Büchern:

– In sorgfältig verschlossenen Plastiktüten transportieren;
– Zu Haus in einer glatten Dose oder Schale aus Metall, Keramik oder glattem Kunststoff aufbewahren;
– Entlang des Buchdeckels mit einer Zahnbürste gründlich abbürsten;
– Keinesfalls über Nacht im Bett liegen lassen. Und schließlich:

Falls Sie in einem ausgeliehenen Buch Bettwanzen finden, so informieren Sie bitte umgehend die ausleihende Bibliothek. Schweigen führt nur zu einer noch schnelleren Ausbreitung der Wanzen.

Ich war nach der Lektüre so verblüfft wie erschüttert. Verblüfft, weil ich noch nie vom Auftreten von Bettwanzen in einer deutschen Bibliothek gehört habe. Erschüttert, dass diese Art der Ausbreitung überhaupt möglich ist. Aber nicht nur der Schädlingsbekämpfer Zompro behauptet das. Auch sein Kollege Mario Heising sagt es in dieser Sendung des „Deutschlandfunk Kultur“ klipp und klar:

Mit Büchern aus Bibliotheken ist das auch schnell eingeschleppt.

Übrigens kommen nicht nur aus Bibliotheken entliehene Bücher als Überträger von Bettwanzen infrage. Das gilt natürlich ebenso für im Internet bestellte, in Antiquariaten gekaufte oder aus offenen Bücherregalen entnommene Bücher. Da tröstet Zompros Bemerkung kaum, dass Bettwanzen kein akzeptabler Grund seien, Bücher zu meiden. (Alle Zitate auf Seite 97 seines Buchs.)

Bettwanze. CDC/ Donated by the World Health Organization, Geneva, Switzerland, gemeinfrei

II.
Im März 2017 wurde wohl erstmals in Deutschland – über den Kreis von Fachleuten hinaus – in der Presse über eine andere, ebenfalls als Schädling anzusehende Insektenart berichtet, die Papierfischchen (Ctenolepisma longicaudata). „Archivalia“ hat das Thema mehrfach aufgegríffen und auf weitere Berichte hingewiesen. Papierfischchen sollten, was sicher oft geschieht, nicht verwechselt werden mit den allseits bekannten Silberfischchen. Sie ernähren sich, wie ihr Name sagt, unter anderem von Papier, weshalb sie nennenswerte Fraßschäden in Archiven und Bibliotheken anrichten können. Mehrere Einrichtungen haben inzwischen von ihren Erfahrungen bezüglich Befall und Bekämpfung berichtet. Insbesondere die Ausgabe 4/2018 der Zeitschrift „Archivar“ beschäftigt sich in drei Beiträgen ausführlich mit diesen Tieren. Festzuhalten ist deren erstaunliche Karriere: Wohl erst 2007 erstmals in Deutschland nachgewiesen, sind sie zum einen inzwischen recht verbreitet, und werden zum anderen mittlerweile in der hiesigen Fachwelt argwöhnisch beobachtet.

Papierfischchen. Bj.schoemmakers, cc0

III.
Nein, meine Bibliothek ist noch nicht von Bettwanzen befallen. Ja, vor etwa zwei Jahren haben wir erstmals Papierfischchen gefunden. Da in unserem Haus Entomologen beschäftigt sind, hatten wir schnell Sicherheit bezüglich der Artbestimmung. Nachdem wir immer mal wieder Exemplare in der Bibliothek und in unseren Büros fanden (meist übrigens an den Wänden, hinter Bildern oder Kalendern versteckt), bald danach auch in anderen Bereichen unseres Hauses, unter anderem der Registratur, konnten wir die Verwaltung überzeugen, einen Kammerjäger zu beauftragen. Allerdings hatten wir keinen Einfluss auf dessen Auswahl. Der Kammerjäger war ein vollständiger Fehlschlag. Er hatte keine Ahnung von Papierfischchen und warf sie in einen Topf mit Silberfischchen. Er legte im Haus etwa 30 Fallen mit wohl auf letztere ausgerichteten Ködern aus, in die sich während der nächsten Wochen nicht ein einziges Tier verirrte. Geändert hat sich nichts: Gelegentlich finden wir einzelne Exemplare, zu einer massenhaften Vermehrung ist es noch nicht gekommen, und Schäden am Bestand oder überhaupt nur einen Fund im Bestand haben wir bisher nicht festgestellt.

IV.
Bettwanzen und Papierfischchen sind auf unterschiedliche Weise schädlich. Die Papierfischchen greifen den Bestand an, sind Menschen gegenüber aber harmlos. Bettwanzen dagegen haben kein Interesse an Papier. Sie halten sich dort höchstens zeitweilig auf, benötigen aber das Blut von Menschen, was zu gesundheitlichen Problemen führen kann.

Kein Wunder also, dass die archivische Welt auf die Ausbreitung von Papierfischchen nervös reagiert. Zumindest Stadtbibliotheken, die ihren (normalen) Bestand in absehbarer Zeit umschlagen, kann das, zumindest in dieser Hinsicht und etwas überspitzt gesagt, fast egal sein. Anders bei Bettwanzen. Sie greifen den Bestand nicht an, er ist lediglich ein Übertragungsweg. Da Archive ihre Bestände nicht außer Haus geben, dürften sie erheblich weniger durch einen Bettwanzenbefall gefährdet sein als Bibliotheken. Unmöglich ist das aber nicht. Bettwanzen werden in Bibliotheken nicht nur über Bücher aus befallenen Haushalten eingeschleppt, sondern auch über die Kleidung von Nutzern, und das ist auch in Archiven möglich. Ein Bettwanzenbefall in Bibliotheken ist übrigens nicht nur für die Nutzerinnen und Nutzer ein Problem, sondern genauso für die Beschäftigten. Denn wenn das Gebäude erst einmal befallen ist, ist die Gefahr auch für letztere groß, sich die Viecher in den Privathaushalt zu holen.

V.
Wie verbreitet sind Bettwanzen aber nun wirklich in Bibliotheken? Anscheinend ist für Deutschland noch kein Befall dokumentiert. Zumindest eine oberflächliche Internetrecherche (sprich Google-Suche; nebst ständiger Lektüre der Fachliteratur) liefert keine Hinweise. Oder handelt es sich hier (noch) um ein Tabu?

Denn geben Sie doch einfach mal die Worte „bed bug“ und „library“ in eine Suchmaschine ein und schauen Sie sich die Trefferliste an. Als einziges von vielen Beispielen daraus, sei auf diesen Artikel der „New York Times“ aus dem Dezember 2012 [!] hingewiesen, der ausführlich die Situation in amerikanischen Bibliotheken beschreibt und auch einen Bettwanzen-Spürhund zeigt. Hat man den Artikel gelesen, weiß man, dass da noch etwas auf deutsche Bibliotheken zukommen könnte.

VI.
Zwei persönliche Nachsätze.
Ich finde, dass auch für Laien Papierfischchen leicht von Silberfischchen zu unterscheiden sind, zumindest, wenn es sich um ausgewachsene Exemplare handelt. Denn es ist so: Immer wenn du denkst, was das da denn für ein riesiges Silberfischchen ist, wenn du dann überlegst, wie das Tier an seine irre langen Tentakel gekommen sein mag und du dich fragst, ob hier eventuell ein gentechnisches Experiment aus dem Ruder gelaufen sein könnte – dann ist es ein Papierfischchen.

Die Beschäftigung mit diesen kleinen Viechern, insbesondere mit Bettwanzen, kann leicht zu paranoiden Angstanfällen führen. 😉

Verfasst von: haferklee | 8. September 2019

Die Bibliothek im Möbelhaus

Keine Geschichte des Lesens – auch nicht die von Alberto Manguel – nennt jenen Ort, an dem Bücher ihren Warencharakter längst verloren haben und einzig und allein das literarische Leben unserer Gesellschaft zu repräsentieren versuchen: das Möbelhaus!

So beginnt Dietger Pforte seine 2002 erschienene, kurze Betrachtung, der er den Titel „Die Bibliothek im Möbelhaus – eine Simulation“ gegeben hat. Sie scheint auch seither die einzige Veröffentlichung zu diesem Thema geblieben zu sein; ich zumindest habe keine andere auftreiben können. Pfortes Text kann also durchaus als einzigartig bezeichnet werden. Nur eine Publikation zu einem Gegenstand, den doch alle kennen, das ist höchst ungewöhnlich. Anlass genug, sich den leicht ironischen, aber wohl wenig bekannten Text noch einmal genauer anzuschauen und auf seine Aktualität zu prüfen.

Aber der Reihe nach. Mein erster Besuch eines Möbelhauses fand gegen Ende der 70er Jahre im damals recht neuen Ikea-Möbelhaus in Köln statt. Was ich, ohne auch nur einmal vorher darüber nachgedacht zu haben, erwartet hatte, trat auch ein: Die Billys, die man sich damals gerade eben leisten konnte, und auch die anderen, teureren Regale waren mit Büchern gefüllt. So war es seither auch in jedem anderen Möbelhaus. Für mich bedeutete das eine große, zeitraubende und für meine Begleitungen manchmal nervige Ablenkung vom eigentlichen Zweck des Besuchs. Ich hatte Mühe, meine Blicke von den Buchrücken abzuwenden, schaute, welche Titel ich wiedererkannte oder ob ich Anregungen für künftige Lektüre bekommen konnte.

… vom kleinen Glück in großen Möbelhäusern …

nennt Pforte dieses Gefühl, und beschreibt das, was auch ich immer wieder empfunden habe, so:

Klar, zumeist ist es Ramsch, der als geistige Ware präsentiert wird. Aber: zwischen dem Ramsch steht immer wieder ein Buch, das man schon lange gesucht und in keinem Antiquariat gefunden hat. … Und selbstverständlich findet man in Möbelhäusern auch Bücher, die man gar nicht sucht, weil man sie nicht gekannt hat, die man aber, sieht man sie, unbedingt besitzen möchte.

Wie enttäuscht war ich dagegen stets, wenn ich auf statt auf Bücher auf simple Buchattrappen stieß. Ich habe dieses Möbelhaus dann geradezu verachtet! Pforte schreibt dazu:

Ein gut geführtes Möbelhaus arbeitet nicht mit Buchattrappen. Es arbeitet – II. Klasse – mit Remittenden oder – I. Klasse – mit alten Büchern, die es zentnerweise von den Bücherhalden unserer Edelantiquare abgetragen hat.

„Ganze Bibliotheken sind in Möbelhäusern zu finden“, stellt Pforte fest:

In Möbelhäusern kennt man noch den Wert des Buches, hält man das Buch noch hoch! Weshalb läßt die Literatursoziologie dieses weite Feld der Forschung brach liegen? Weshalb hat die Bibliothekswissenschaft dieses Prolegomenon einer Bibliothek nie beachtet?

Wenn auch die Bücher in Möbelhäusern keinen unmittelbaren Warencharakter besitzen, denn zum Verkauf stehen sie ja nicht, so haben sie doch eine Funktion, eine außerliterarische, nämlich „für den Kauf von Bücherregalen und -schränken zu werben.“ Was aber, wenn man nun eines jener Bücher erwerben möchte? Pforte hat es offensichtlich mehrmals versucht und beschreibt amüsiert das zunächst hoffnungsvoll strahlende Gesicht des Geschäftsführers, der vom ratlosen Verkäufer wegen eines besonderen Kundenwunsches gerufen wurde und dessen Stimme dann ins Hoffnungslose absinkt: „Ach, dieses Buch?“ Die andere Möglichkeit: Laut Pforte scheint es nahezu unproblematisch zu sein, ein Buch einfach mitzunehmen: „Am Ausgang von Möbelhäusern achten Hausdetektive nicht auf Bücher in den Händen der Hinauseilenden.“

Es stellt sich nun die Frage, ob Pfortes vor 17 Jahren veröffentlichter Text noch aktuell und gültig ist. Denn unsere Gesellschaft wandelt sich. Ich kann mir, da jetzt alle Antiquare ihre Ware im Internet anbieten, nicht mehr vorstellen, in einem Möbelhaus auf ein Buch zu stoßen, das auf andere Art nicht aufzutreiben ist. Und dann die Entwicklung von Röhrenfernsehgeräten hin zu riesigen Flatscreens mit Dolby-Surround und Heimkinoanspruch. Sind also Wohnzimmer in Möbelhäusern heute immer noch so eingerichtet wie vor zwanzig oder vierzig Jahren, mit Bücherregalen, in denen Bücher stehen? Oder beherrschen Plasmabildschirme die Wände, und Bücher sind marginalisierte Objekte geworden? Zeit also mal wieder für einen Besuch im Möbelhaus! Genau die, nämlich die Zeit dafür, fehlt mir jedoch. Macht aber nichts, denn die großen Einrichtungshäuser präsentieren ihre Einrichtungsvorschläge natürlich heutzutage in Online-Shops.

Mein erster virtueller Besuch galt, wie damals in realiter, Ikea. Und zu meiner großen Verblüffung scheint bei Ikea, eigentlich doch der Vorreiter modernen Wohnens, die Welt noch in Ordnung zu sein. Alles sieht noch so aus, wie ich es aus der Zeit vor der Digitalisierung kenne:

Quelle: Ikea-Website, zuletzt aufgerufen am 08.09.2019

Ob wohl die Firma mit ihren Kunden gealtert ist?

Ganz anders dagegen bei zwei anderen, willkürlich ausgewählten Möbelhäusern. Beginnen wir mit „Porta! Möbel“. Der zuerst aufgeführte Einrichtungsvorschlag in der Rubrik „Wohnwände“ sieht so aus:

Wohnwände Quelle: Porta-Website, zuletzt aufgerufen am 08.09.2019

Passend dazu heißt es auf der Seite „Wohnzimmer“: „Dieser Raum dient als Rückzugsort und fungiert gleichzeitig als ein Spiegel Ihrer Persönlichkeit, in welchem Sie Besucher empfangen und sich den ganzen Tag über häufig aufhalten. … Neben einem gemütlichen Sofa und einer eventuellen Heimkino-Anlage entscheiden unter anderem Stauraum und Design über den Wohlfühlfaktor.“
Quelle: Porta-Website, zuletzt aufgerufen am 08.09.2019.

Eine Spur konventioneller, aber ebenfalls fast völlig ohne Bücher sieht es in den sechs Wohnzimmer-Einrichtungsvorschlägen bei „Möbel Hausmann“ aus:

Quelle: Website Möbel Hausmann, zuletzt aufgerufen am 08.09.2019

Also doch: Wenn sich Literatursoziologie und Bibliothekswissenschaft bisher nicht um das Phänomen von Büchern in Möbelhäusern gekümmert haben, wenn, um noch ein letztes Mal Dietger Pforte zu Wort kommen zu lassen, „… der Börsenverein für den Deutschen Buchhandel nicht [hat] erheben lassen, wie viele Bücher alljährlich ausschließlich zu dem Zweck gekauft werden, die frisch erworbene Schrankwand ansehnlicher zu gestalten“: Jetzt brauchen sie alle es auch nicht mehr tun!

Quelle: Pforte, Dietger: Die Bibliothek im Möbelhaus – eine Simulation.
In: Jammers, A.; Pforte, D. & Sühlo, W. (Hrsg.): Die besondere Bibliothek oder: Die Faszination von Büchersammlungen. – S. 255-257.
München: Saur, 2002. – ISBN 3-598-11625-X.
Der einzige mir bekannte, kurze Verweis auf Pfortes Text findet sich im Jahrbuch der Schiller-Gesellschaft 2014:
Barnert, Arno: Sammelbehälter der Moderne. Buchattrappen und Scheinbücher im Deutschen Literaturarchiv Marbach. S. 449-460.

 

 

Sehr empfehlenswert, wenn auch ohne die Erwähnung von Bibliotheken in Möbelhäusern:

 

 

Verfasst von: haferklee | 12. Juni 2019

Anne Frank in der Bibliothek

Mir ist nicht bekannt, ob Anne Frank, die heute vor 90 Jahren geboren wurde, jemals in einer öffentlichen Bibliothek war. Denn sie musste ja bereits als Vierjährige mit ihren Eltern nach Amsterdam flüchten. Das ist auch nicht wichtig und spielt keine Rolle. Aber in ihrem Tagebuch, das sie während der Zeit des Verstecks in der Prinsengracht führte, nennt sie an einer Stelle Bibliotheken auf eine sehr bemerkenswerte Weise. Im Eintrag vom Donnerstag, den 06. April 1944, spricht sie über ihre Interessen und notiert:

Mein drittes Hobby ist dann auch Geschichte. Vater hat schon viele Bücher für mich gekauft. Ich kann den Tag fast nicht erwarten, an dem ich in den öffentlichen Bibliotheken alles nachschlagen kann.*

Wie viel Hoffnung in diesem Satz steckt, obwohl Anne Frank da schon fast zwei Jahre im Versteck lebte! Und wie tief deprimierend er angesichts ihres weiteren  Schicksals wirkt.
Die Sentenz, im bibliothekarischen Umfeld wohl kaum beachtet,  ist meines Erachtens gut geeignet als Aufhänger für eine Diskussion über die Rolle und den Stellenwert von öffentlichen Bibliotheken in demokratischen Gesellschaften.

Rekonstruktion der Bücherregal-Tür zum Versteck der Familie Frank im Hinterhaus der Prinsengracht 263 in Amsterdam.
Bildautor: Bunglehttps://creativecommons.org/licenses/by-sa/3.0/deed.en

*Zitiert nach der von Otto Frank und Mirjam Pressler herausgegebenen, sogenannten Zweiten Fassung, auf deutsch erstmals 1988 bei S. Fischer erschienen, hier vorliegend in der 1998 als Fischer Taschenbuch erschienenen Ausgabe, Seite 240.

Verfasst von: haferklee | 11. Juni 2019

Und das Internet vergisst doch!

Der amerikanische Schriftsteller und Journalist Allen Kurzweil trägt, zumindest in deutscher Sprache, einen für einen Menschen der schreibenden Zunft sehr hübschen Nachnamen, gemäß dem Schema Zahnarzt Dr. Bohrer oder Bibliothekar Konrad Umlauf. Von ihm stammt der Roman „Die Leidenschaften eines Bibliothekars“, im Original im Jahr 2001 erschienen unter dem Titel „The grand complication“. Viel mehr als der etwas verschrobene Roman selbst (Inhaltsangabe) ist mir eine – bestimmt arglos geschriebene – Amazon-Kundenrezension zu diesem Buch im Gedächtnis geblieben, die ich höchst amüsant finde:

Das Buch … ist insofern etwas Besonderes, weil es dem Autor gelingt, der Figur eines Bibliothekars Spannung und Originalität abzugewinnen.“

Kann also was, der Autor! Wird hier die Regel wieder einmal durch die Ausnahme bestätigt, liebe Kollegen?

Mein Problem dabei: Ich kann diese aparte Feststellung nicht belegen, da ich mir vor vielen Jahren, als ich sie gelesen habe, die URL nicht notiert habe. Und gemeinsam mit der bei Luchterhand erschienenen Originalausgabe, die nicht mehr angeboten wird, scheint auch diese Kundenrezension aus dem Internet verschwunden zu sein. Aber die Formulierung ist doch einfach zu schön, um sie gänzlich in Vergessenheit geraten zu lassen!

Allen Kurzweil

Allen Kurzweil – an image provided by Allen Kurzweil, CC BY-SA 3.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=17462458

Verfasst von: haferklee | 26. Mai 2019

Bibliotheken und Gärten

Haben Bibliotheken und Gärten etwas gemein? Ich kenne zwei Bonmots, in denen sie in Beziehung gesetzt werden.

Das erste Zitat stammt von dem berühmten römischen Philosophen und Konsul Marcus Tullius Cicero und ist recht bekannt. Cicero wusste, was Menschen glücklich macht. In einem Brief schrieb er:

Si hortum in bibliotheca habes, deerit nihil.*

Der Satz bedeutet in wörtlicher Übersetzung: “Wenn du in deiner Bibliothek einen Garten hast, wird dir nichts fehlen.” Die Sentenz wird aber meistens leicht abgewandelt zitiert: „Wenn du einen Garten und eine Bibliothek hast, wird dir nichts fehlen.“

Hier stehen Bibliotheken und Gärten also ergänzend nebeneinander.

https://digi.ub.uni-heidelberg.de/diglit/cicero1477/0181
*(Cicero: Epistulae ad familiares IX, Brief 4 ad Varr.; letzter Satz vor dem neuen Kapitel.)

Anders bei Johannes Roth. Er hat Gartenkolumnen für die FAZ verfasst und einige Gartenbücher veröffentlicht. Roth meint:

Der Garten ist immer in Bewegung, wie die Bibliothek, die nicht nur wächst, sondern das Hinfällige wieder abstößt.*

Ob der direkte Vergleich wirklich passt? Ich bin nicht sicher. Und welchen Typ Bibliothek hat Johannes Roth dabei vor Augen? Davon einmal abgesehen, erleben Bibliotheken auch keine Jahreszeiten. Wenn ich meinen eigenen Garten im Sommer und im Winter anschaue und vergleiche, hoffe ich, dass keine Bibliothek einen solchen Wandel erleben muss.

*Zuerst erschienen in „Die neue Gartenlust : dreiunddreißig Blumenstücke und Anleitungen zur gärtnerischen Kurzweil“, mehrere Ausgaben im Insel Verlag. Von mir zitiert nach der Zweitverwertung „Gartenlust im Frühling“, Berlin 2012, ISBN 978-3-458-19353-3, Seite 32.

Lustiges PS.: „Die neue Gartenlust“ hat bei Amazon die folgende, unfreiwillig komische Rezension: „Das Buch ist lustvoll geschrieben um sich viele Ideen beim Garteln zu holen. Herr Roth ist mit seiner Frau sehr kreativ.

Verfasst von: haferklee | 8. Mai 2019

Können Büchereiangestellte Mörder sein?

Wer könnte die Frage besser beantworten als eine Bibliothekarin, die gleichzeitig Kriminalromane schreibt. Kriemhild Buhl ist Diplom-Bibliothekarin, und unter dem, nunja, Pseudonym „Krimi Buhl“ hat sie Krimis geschrieben.

Ihr Roman „Eiskalte Bescherung“ spielt in einer fiktiven Großstadtbibliothek. Die neugierige und vorwitzige Bonni Wassermann ist dort seit Jahren als Reinigungskraft angestellt. Als nach einer Weihnachtsfeier eine der Bibliothekarinnen ermordet wird, geht sie gemeinsam mit ihrem Ehemann Wulf, Kriminalinspektor der Stadt, auf Verbrecherjagd. Wie weit ist jetzt der Kreis der Verdächtigen zu ziehen? Kann, so fragt sich Bonni, überhaupt eine/r der Beschäftigten als Täter/in in Frage kommen? Denn es ist doch so:

Büchereiangestellte sind brave Leute, keine Mörder … Sagen Sie doch selbst: Was sind das für Leute, die sich im Zenit ihrer Sturm- und Drangzeit dafür entscheiden, ein Leben lang Zettel zu sortieren, Bücher von A nach Z zu tragen und das Spatium hinter dem Punkt sehr sehr ernst zu nehmen? Kann jemand Chaos verbreiten – und Mord ist Chaos … -, den Ordnung, den die Sicherheit eines städtischen Pöstchens … befriedigt?

In der Folge wird ein Panoptikum skurriler Bibliotheksangestellter ausgebreitet. Das beginnt bereits bei Bonnis Vorstellungsgespräch, in dessen Verlauf sie vom Bibliotheksleiter gefragt wird:

Und welches Gebrechen führt Sie zu mir? Standesdünkel? Weltflucht? Oder Missioniereifer?

Schließlich zeigt sich, dass mehr als eine der in der Bibliothek beschäftigten Personen einen guten Grund für den Mord gehabt hätte. Und ja, Büchereiangestellte können zu Mördern werden.

Der Roman ist erstmals 1995 erschienen. Es hat sich seither einiges verändert. In den Bibliotheken sowieso, soweit es die Technik angeht. An einer Stelle überlegen Bonni und Wulf, ob ein spitz zugefeilter Stab zum Nadeln der Lochkartei als Tatwaffe geeignet ist.
Aber es haben sich seither auch deutliche gesellschaftliche Veränderungen vollzogen. Denn Bonni ist als Reinigungskraft selbstverständlich noch fest und direkt bei der Bibliothek angestellt, also der Stadt. Das war zu Beginn meiner Berufstätigkeit vergleichbar auch in meiner Bibliothek der Fall. Leider genauso selbstverständlich sind heute überall die Reinigungskräfte an Fremdfirmen outgesourct.

Verfasst von: haferklee | 7. Februar 2019

Ein kleiner Blick in die Zukunft von Internet und Bibliotheken

Existiert das Internet in 100 Jahren noch? Und wird es dann noch Bibliotheken geben? Der Science-Fiction-Autor Dennis E. Taylor hat dazu eine Meinung.

In seinem Roman „Ich bin Viele“ lässt sich Bob, der Protagonist, einfrieren und wacht ein Jahrhundert später, im Jahr 2133, wieder auf. Sein früheres Heimatland, die USA, wird inzwischen von einer Gruppe klerikaler Fanatiker regiert, die ihren Staat als „Free American Independent Theocratic Hegemony“ bezeichnen, abgekürzt als FAITH. Nachdem Bob zu sich gekommen ist, möchte er ziemlich bald wissen, was aus dem Internet geworden ist. „Ach, wissen Sie,“ bekommt er zur Antwort, „das Internet gibt es nicht mehr. Jedenfalls nicht hierzulande. Es ist viel zu anarchistisch und zu schwer zu kontrollieren. Und es bietet zu viele Gelegenheiten für die Sünde, falsche Lehren und sonstige Versuchungen. … Innerhalb der FAITH sind Informationen generell nicht frei zugänglich.“

Aber woher bekommt man dann notwendige Informationen? Ganz einfach, wird Bob erklärt: „Dafür haben wir Onlinebibliotheken.“ Und deren Inhalte sind in diesem Zukunftsentwurf strikt staatlich reglementiert und kontrolliert.

 

 

Verfasst von: haferklee | 10. Januar 2019

Google vs. Heimatbücherei

Was Donna Tartt kann, nämlich BibliothekarInnen ohne schein-berufstypische Klischees beschreiben, bekommt die Satirezeitschrift „Titanic“ leider nicht hin. Im aktuellen Heft hat die Redakteurin Ella Carina Werner unter dem Titel „Lob der Jetztzeit“ diesen kurzen Text veröffentlicht:

Eigentlich ist unsere Gegenwart gar nicht so schlecht. Ich kann als Frau studieren, Blumenkohleis mit Schokostückchen drin kaufen oder nachts betrunken bei Google eintippen: „Buhc übr Femnismu“, und Google versteht, was ich meine, gibt mir die schönsten Tips. Die Bibliothekarin in meiner Heimatbücherei hätte das nicht gekonnt. Frau Hader mit der runden Brille und dem silbergrauen Dutt. Sie hätte die Stirn in Falten gelegt und die vaselineglänzenden Lippen gespitzt: „Buhc übr Femnismu?!“ Dann hätte sie die Nase kraus gezogen und gefragt, warum ich mitten in der Nacht kommen muss und warum ich so verdammt nach Alkohol rieche.

Mal wieder ist alles versammelt, was wir kennen und uns so langweilt: runde Brille, silbergrauer Dutt, die Abneigung gegen Alkohol (sprich: ein langweiliges Leben). Immerhin, die vaselineglänzenden Lippen passen sehr gut in diese Aufzählung, und zumindest die sind mir bisher nicht untergekommen. Herzlichen Glückwunsch zu dieser schöpferischen Leistung, Frau Werner!

Mich schmerzt dieser kleine Text, hat doch dieses Blog dem Titel der Rubrik, in der er erschienen ist („Vom Fachmann für Kenner„) seinen davon abgeleiteten Untertitel zu verdanken.
Außerdem kommen Bibliotheken in der „Titanic“ geschätzt nur alle zehn Jahre vor, sie sind SatirikerInnen wohl zu unbedeutend. Wenn es dann doch einmal geschieht, müssen anscheinend alle Klischees aufgefahren werden; vielleicht, weil die LeserInnen sonst nicht wissen, was eine Bibliothek eigentlich ist? Zur (halben) Ehrenrettung des Blattes sei darauf hingewiesen, dass einer der besten Cartoons zum Thema Bibliotheken dort erschienen ist – allerdings ebenfalls klischeebehaftet.




 

 

 

In Donna Tartts 1993 auf deutsch erschienenem Erstlingswerk „Die geheime Geschichte“ spielt eine kleine Szene in einer Bibliothek, und die aufsichtführende Bibliothekarin ist nicht gerade eine Zierde ihres Berufsstandes:

Ich schloss meine Tür ab und ging hinüber zur Bibliothek … Die Bibliothek glich einem Grab; aus dem Innern fiel das kalte Licht der Leuchtstofffröhren … Bücherregale, leere Kabinen, keine Menschenseele.
Die Bibliothekarin – eine verachtungswürdige Kuh namens Peggy – saß hinter ihrem Schreibtisch und las in einer Nummer von Women’s Day. Sie blickte nicht auf. … Ich lief die Treppe hinauf in den ersten Stock …

Selten habe ich mich über die drastische Negativbeschreibung eines Bibliothekswesens so gefreut wie diesmal. Warum? Ganz einfach: Die Bibliothekarin trägt keines der üblichen berufstypischen Klischees, ohne die es fast nie zu gehen scheint. Sie wird als Person gesehen und muss nicht (durch Brille, Dutt, Sneakers, Verklemmtheit etc) weiter mit schein-berufstypischen Standards pseudobeschrieben werden. Sie ist ganz einfach eine verachtungswürdige Kuh. So etwas gibt es. Tartt liefert ja auch einen nachvollziehbaren Grund für die Einschätzung der Erzählerin: Diese Bibliothekarin  interessiert sich nicht für ihre NutzerInnen.

In Donna Tartts letztem Roman „Der Distelfink“ kommen Bibliotheken übrigens mehrfach ganz selbstverständlich vor und, ebenfalls klischeefrei, insgesamt auch noch gut weg.


Romane von Donna Tartt.

Von Drucker03 – Eigenes Werk (Originaltext: Eigene Aufnahme), CC BY-SA 3.0 de, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=32729152

Older Posts »

Kategorien