Bis 2016 ging man davon aus, dass das Wort und der Begriff „Ökologie“ von dem Zoologen Ernst Haeckel geprägt, also in die deutsche Sprache (und in der Folge auch in den internationalen Wissenschaftsdiskurs) eingeführt wurde. In seinem 1866 erschienenen, zweibändigen Werk „Generelle Morphologie der Organismen“ lieferte er eine immer wieder zitierte und bis heute wirksame Definition.

Das Bundesamt für Naturschutz veröffentlichte vor einigen Monaten ein umfangreiches Schwerpunktheft der hauseigenen Zeitschrift „Natur und Landschaft“ zum Thema „150 Jahre Ökologie“. Der Biologe und Philosoph Georg Toepfer gibt in seinem darin befindlichen Beitrag „Von der Naturgeschichte zur Ökologie (1750-1900)“ einen historischen Abriss dieser Disziplin, und er liefert für das Jahr 1859 einen ersten Nachweis zur Verwendung des Wortes vor Haeckel in französischer Sprache (l’oecologie). Mein Kollege Rainer Koch und ich haben nun drei weitere Belege aus den Jahren 1838 bis 1850 gefunden, die darauf hinweisen, dass das Wort bereits Jahrzehnte vor der vermeintlichen Prägung durch Ernst Haeckel mit einer anderen Bedeutung in deutscher Sprache  gebräuchlich war.

Auch für das Wort und den Begriff „Artenschutz“ haben wir eine wesentlich frühere Verwendung als bislang bekannt nachweisen können. Während bisherige Belege auf eine Erstverwendung um das Jahr 1935 hindeuteten, zeigen unsere Funde den Gebrauch des Wortes und Begriffs bereits ab dem Jahr 1912.

Wir haben unsere Erkenntnisse im Heft 12/2016 der bereits genannten Zeitschrift „Natur und Landschaft“ auf den Seiten 587-589 closed access veröffentlicht. Im folgenden findet sich ein Postprint unseres Beitrags.


 

150 Jahre Ökologie – eine Naturwissenschaft prägt den Naturschutz : Anmerkungen zur Geschichte und Verwendung der Begriffe „Ökologie“ und „Artenschutz“

1 Ökologie

Toepfer (2016) gibt in seinem Beitrag „Von der Naturgeschichte zur Ökologie (1750-1900)“ in Heft 9/10 Bd. 91 von „Natur und Landschaft“ einen historischen Abriss zur Entstehung und zu den Anfängen der modernen Ökologie. Unter anderem berichtet er über die Wortschöpfung „Ökologie“ und die Prägung dieses Begriffs durch Ernst Haeckel im Jahr 1866. Toepfer vermutet aber auch, dass der Terminus zu dieser Zeit „offenbar in der Luft“ gelegen habe. Er belegt dies mit einer Verwendung des Wortes bereits im Jahr 1859 durch den französischen Philosophen und Archäologen Antoine Charma (1801-1869), der darunter allerdings etwas anderes als Haeckel verstand, nämlich „den Teil der Sozialanthropologie, der die menschliche Familie erforscht“ (Toepfer 2016: 401; vgl. Toepfers einschlägige Datenbank unter http://www.biological-concepts.com). Toepfers Vermutung können die Verfasser mit gleich drei weiteren Belegen für die Verwendung des Wortes „Ökologie“ vor Haeckel und noch vor Charma stützen, die zudem – im Gegensatz zum französischen Original von Charma – in deutscher Sprache verfasst sind.

Die älteste Quelle stammt bereits aus dem Jahr 1838 und findet sich in einem vielbändigen Werk mit dem Titel „Encyclopaedisches Wörterbuch der medizinischen Wissenschaften“, das von dem Medizinprofessor an der Berliner Universität Dietrich Wilhelm Heinrich Busch (1788-1858) und anderen medizinischen Kapazitäten herausgegeben wurde. Im 17. Band ist der Artikel zu „Hygieine“ [sic!] mit „V-r“ unterzeichnet; das Kürzel lässt sich im Verzeichnis der Mitarbeiter zu Beginn des Bandes als „Vetter, pract. Arzt zu Berlin“ auflösen. Vetter listet unter anderem die „Apparate der Hygieine“ auf und nennt als deren dritten Teil auf Seite 415:

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Bildunterschrift: Textausschnitt aus Vetter 1838: 415.

Die Verfasser können das Wort in einer zweiten, neun Jahre später erschienenen Quelle nachweisen, diesmal in dem von dem Historiker Wilhelm Binder (1810-1876) herausgegebenen Werk „Allgemeine Realencyclopädie oder Conversationslexicon für das katholische Deutschland“, also wiederum in einem größeren Lexikon. Darin stammt der mit „Gesundheitspflege“ überschriebene Artikel von Ernst Buchner (1812-1872); Buchner wird im Mitarbeiterverzeichnis als „k. Hofstabshebarzt und Privatdocent a. d. Universität München“ geführt. Sein Beitrag zählt die Mittel der Gesundheitspflege auf, darunter fällt als Abschnitt 3) die „Lehre von der gesundheitsgemäßen Anlage der Wohnungen (Oekologie)“ (Buchner 1847: 781).

Auch in Meyers „Großes Conversations-Lexicon für die gebildeten Stände“ findet sich das Wort. Bei dieser ersten Ausgabe des bekannten Meyerschen Lexikons handelt es sich um das umfangreichste Konversationslexikon des 19. Jahrhunderts. Innerhalb eines als „Hygieine“ benannten, nicht namentlich gekennzeichneten Artikels im 16. Band ist zu lesen: „III. Oecologie, die Lehre von der Anlage von Wohnungen“ (Anonym 1850: 269).

Das Wort „Ökologie“ ist also mehrfach in einem Zeitraum von knapp 30 Jahren vor Haeckels vermeintlicher Erstverwendung nachweisbar. Der damit verbundene Begriff zeigt aber eine deutlich andere Bedeutung: Er steht in einem humanmedizinisch-kulturellen Zusammenhang und lehnt sich an die eigentliche Bedeutung des ursprünglich altgriechischen Wortes für Haus (οἶκος) an. Dabei verblüfft die vollständige Übereinstimmung der drei Autoren. Alle zählen in exakt derselben Reihenfolge sieben „Apparate der Hygieine“ bzw. „Mittel der Gesundheitspflege“ auf, darunter eben die „Ökologie“, und erläutern sie mehr oder weniger ausführlich.

Die Aufnahme des Wortes in drei umfangreiche und bedeutende Allgemein- und Fachlexika legt weitere und zeitlich parallele oder sogar frühere Verwendungen in anderen wissenschaftlichen Publikationen sehr nahe. Begriffe werden für gewöhnlich erst dann in Lexika aufgenommen, wenn sie eine gewisse Gebräuchlichkeit erfahren haben. Den Verfassern ist ein solcher Nachweis bisher jedoch nicht gelungen.

Trotz dieser Einschränkung kann nicht nur Toepfers Vermutung, der Terminus „Ökologie“ habe 1866 möglicherweise bereits „in der Luft“ gelegen, durch die Verfasser bestätigt werden. Die hier angeführten Zitate legen sogar die Annahme nahe, es habe sich in den dreißiger bis fünfziger Jahren des 19. Jahrhunderts um einen zumindest in Fachkreisen eingeführten, in seiner Bedeutung klar umrissenen und nicht strittigen Begriff gehandelt. Nicht nachweisbar ist allerdings derzeit, ob Haeckel das Wort und dessen damalige Bedeutung gekannt hat, als er es für seine Zwecke verwendete und es dabei entweder – aus seiner Sicht – vollkommen neu formulierte oder dem ihm bereits vertrauten Wort eine neue Bedeutung verlieh.

Georg Toepfer selbst hat bereits 2011 darauf hingewiesen, dass sich „inzwischen für praktisch jedes Wort der Wissenschaftssprachen selbst die zuverlässigsten Wörterbücher, an denen Generationen von Wortkundlern gearbeitet haben, …, im Hinblick auf die Erstverwendung von Wörtern in ein paar Sekunden widerlegen“ ließen. Wer Wortgeschichtsforschung betreibe, „wird in wohl nicht wenigen Fällen … schnell von zukünftigen Wortforschern eines Besseren belehrt werden“ (Toepfer 2011: IX). Das hat seine Ursache in den bis vor wenigen Jahren noch nicht vorhandenen Zugriffsmöglichkeiten auf digitalisierte und im Internet frei verfügbare, umfangreiche historische Bibliotheksbestände mit oft durchsuchbaren Volltexten. Auch die Verfasser haben diese Quellen genutzt (Näheres hierzu bei Koch und Hachmann 2015: 11 und 13, und ausführlicher bei Toepfer 2011: XLIV-XLV). Durch das stetige Fortschreiten der Digitalisierungsarbeiten vergrößert sich die Datenbasis durchsuchbarer Literatur kontinuierlich. Insofern wird es Toepfer, so hoffen die Verfasser, mit Humor nehmen, wenn seine eben zitierte Aussage bestätigt wird dadurch, dass sein eigener Fund der Verwendung des Terminus „Ökologie“ vor Haeckel bereits ein knappes Jahr nach seiner Manuskripteinreichung und schon kurz nach Veröffentlichung wesentlich ergänzt werden kann.

2 Artenschutz

Krüß et al. (2016) legen sich in ihrem Beitrag „Die Ökologisierung des Arten- und Biotopschutzes“ in Heft 9/10 Bd. 91 von „Natur und Landschaft“ bezüglich des Begriffs „Artenschutz“ dergestalt fest, dass er im Gegensatz zu Österreich und der Schweiz „in Deutschland erst sehr viel später, erstmals vermutlich im Jahr 1942 bei der Zuweisung von Zuständigkeiten innerhalb der Naturschutzbehörden des Deutschen Reichs“ erschienen sei: „Die Abteilung für Naturschutz und Landschaftspflege des Reichsforstamtes besaß seit 1942 ein Sachgebiet für Artenschutz“ (Krüß et al. 2016: 437). Dabei beziehen sie sich auf eine Veröffentlichung von Sukopp u. Sukopp (2006: 11-12), in der es ergänzend, bezogen auf das 1935 erlassene Reichsnaturschutzgesetz, heißt, der Artenschutz sei „als staatliche Aufgabe im Gesetz bereits enthalten, allerdings wird dieser Begriff nicht verwendet“. Es liegt dann allerdings nahe, dass der Begriff, auch wenn er keinen unmittelbaren Eingang in den Gesetzestext gefunden hat, im Zusammenhang mit dem Reichsnaturschutzgesetz in den Naturschutz eingeführt worden sein könnte. Nils M. Franke stellt in seiner 2014 eingereichten Habilitationsschrift genau diese These auf. Als Beleg führt er ein Zitat von Hans Klose (Leiter der Reichsstelle für Naturschutz von 1938 bis 1945 und ihrer Nachfolgeinstitution in der BRD) an, der 1936 schrieb: „Über den Schutz von Pflanzen und Tieren (Artenschutz usw.) bringt die DVO [Durchführungsverordnung zum Gesetz, A. d. Autors] keine Einzelbestimmung; sie wäre ja auch durch deren Hereinnahmen ungemein umfangreich geworden“ (Franke 2016: 22). Frankes Fund ist zwar bereits zwei Jahre alt, die Veröffentlichung seiner Habilitationsschrift erfolgte aber erst vor wenigen Wochen, und Krüß et al. konnte sie zum Zeitpunkt ihrer Manuskripteinreichung noch nicht vorgelegen haben. Aber auch Frankes Beleg ist bereits jetzt kein Einzelfund mehr und soll hier mit fünf weiteren, teils deutlich älteren Literaturstellen ergänzt werden.

Drei stammen wie Frankes Quelle aus den dreißiger Jahren. 1937 ist in der „Allgemeinen Forst- und Jagdzeitung“ zu lesen: „Und dies alles geschieht im Dienste unserer heimatlichen Vogelwelt … Über die zum Schutze der übrigen Tiere erlassenen Vorschriften werde ich mich verhältnismäßig kurz fassen können. Sie sind ganz auf den Artenschutz abgestellt“ (Heidenreich 1937: 19). 1938 schreibt Wilhelm Kock in der „Fischerei-Zeitung“ bezüglich des Schnäpels, einer Renkenart: „Dieser Fisch ist unter Artenschutz gestellt, d. h. Schnäpel dürfen nur von Berufsfischern und von der Fischereigenossenschaft zur Laichgewinnung gefangen werden“ (Kock 1938: 62). Und im „Forstarchiv“ von 1939 bezeichnet H. Hering den Inhalt der §§ 1a und 2 des Reichsnaturschutzgesetzes als „abstrakten Artenschutz“ (Hering 1939: 68).

Eine weitere Fundstelle ist noch ein gutes Jahrzehnt älter. Im Jahr 1926 schreibt der bereits genannte Hans Klose bei einer Auflistung der naturschutzrechtlichen Regelungen in der Mark Brandenburg nach einer Betrachtung des Schutzes einzelner Bäume: „Ist hier das Individuum zu schützen, so muß den seltenen und mit Ausrottung bedrohten sonstigen Pflanzen Artenschutz zuteil werden.“ Und noch auf derselben Seite, diesmal bezogen auf die Fauna und jetzt ohne Anführungsstriche: „Für die heimische Tierwelt kommt im wesentlichen nur der Artenschutz in Betracht, der hier auf verschiedenen Gesetzen und Verordnungen beruht“ (Klose 1926: 50).

Der Begriff lässt sich aber noch einmal wesentlich früher nachweisen, nämlich bereits im Jahr 1912. In einem Bericht des „Gerichtsassessors Rudorff“ zur vierten Konferenz für Naturdenkmalpflege in Preußen, die am 9. Dezember 1911 in Berlin stattfand, ist zu lesen:

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Bildunterschrift: Zusammengesetzte Textausschnitte aus Rudorff 1912: 215-216.

Bei dem Gerichtsassessor Rudorff handelt es sich um Otto Rudorff (1871-~1922), Neffe zweiten Grades von Ernst Rudorff, einem der Begründer des Heimat- und Naturschutzes in Deutschland.

Otto Rudorff stellte als juristisch versierter Konferenzgast den Anwesenden nicht nur gesetzliche Regelungen in Deutschland vor, sondern berichtete auch über neueste Bestimmungen in anderen Ländern. An der Tagung nahmen zahlreiche Personen teil, die in prominenten amtlichen oder nebenamtlichen Funktionen mit der damals so bezeichneten Naturdenkmalpflege befasst waren, einschließlich eines Vertreters des zuständigen preußischen Ministeriums. Auch wenn der Artenschutz also in Deutschland wohl tatsächlich erst 1942 eine konkrete behördliche Manifestation erfahren hat, lässt sich mit den hier angeführten Literaturstellen nachweisen, dass der Begriff und die Sache schon Jahrzehnte vorher den Entscheidungsträgern des frühen Naturschutzes in Deutschland geläufig waren.

Die Verfasser sind sich, dies sei abschließend gesagt, bewusst, dass angesichts der stetig weiter voranschreitenden Digitalisierung alter Bibliotheksbestände, in Verbindung mit weiter verbesserten Recherchemöglichkeiten, auch ihre Funde nur einen wahrscheinlich kurzlebigen Zwischenstand in der Wortgeschichtsforschung darstellen.

3 Literatur

Anonym (1850): Hygieine. In: Meyer, J. (Hrsg.): Das grosse Conversations-Lexicon für die gebildeten Stände. Abth. 1, Bd. 16. Bibliographisches Institut. Hildburghausen: 1332 S. http://hdl.handle.net/2027/hvd.hn5mye?urlappend=%3Bseq=277 (aufgerufen am 27.09.2016).

Buchner, E. (1847): Gesundheitspflege. In: Binder, W. (Hrsg.): Allgemeine Realencyclopädie oder Conversationslexicon für das katholische Deutschland. Bd 4. Manz. Regensburg: 781.

http://opacplus.bsb-muenchen.de/title/BV004748504/ft/bsb10400846?page=791 (aufgerufen am 27.09.2016).Nachweis „Buchner“ in Bd. 1, Vorwort, S. VIII: https://opacplus.bsb-muenchen.de/Vta2/bsb10400831/bsb:BV004748501?page=14 (aufgerufen am 27.09.2016).

Franke, N. M. (2016): Naturschutz – Landschaft – Heimat. Romantik als eine Grundlage des Naturschutzes in Deutschland. Springer VS. Wiesbaden: XII, 307 S.

Heidenreich, … (1937): Ziele und Wege des Naturschutzes im Dritten Reich. Allgemeine Forst- und Jagd-Zeitung 113 (1): 15-22. https://books.google.de/books?id=LtlMAAAAMAAJ&q=artenschutz&dq=artenschutz&hl=de&sa=X&redir_esc=y (aufgerufen am 27.09.2016).

Hering, H. (1939): Naturschutz. Kritischer Sammelbericht über die wichtigsten Veröffentlichungen der Jahre 1936 bis 1938. Forstarchiv 15 (4): 65-75. https://books.google.de/books?id=CblMAAAAMAAJ&q=artenschutz&dq=artenschutz&hl=de&sa=X&redir_esc=y (aufgerufen am 27.09.2016).

Klose, H. (1926): Naturdenkmalpflege in der Mark Brandenburg. Brandenburgisches Jahrbuch 1: 46-53. https://books.google.de/books?id=Y3orAQAAIAAJ&q=Artenschutz&dq=Artenschutz&hl=de&sa=X&redir_esc=y (aufgerufen am 27.09.2016).

Koch, R. u. Hachmann, G. (2015): „Die absolute Nothwendigkeit eines derartigen Naturschutzes …“ Philipp Leopold Martin (1815-1885): vom Vogelschützer zum Vordenker des nationalen und internationalen Naturschutzes. In: Hachmann, G. u. Koch, R. (Hrsg.): Wider die rationelle Bewirthschaftung! Texte und Quellen zur Entstehung des deutschen Naturschutzes. BfN-Skripten 417: 13-26; sowie Einleitung: 11. https://www.bfn.de/fileadmin/BfN/service/Dokumente/skripten/skript417.pdf (aufgerufen am 27.09.2016).

Kock, W. (1938): Edelfischzucht in der Loiterau. Fischerei-Zeitung 41 (6): 62-63.

Krüß, A.; Riecken, U. & Sukopp, U. (2016): Die Ökologisierung des Arten- und Biotopschutzes. Erfolge und Grenzen einer wechselseitigen Befruchtung. Natur und Landschaft 91 (9/10): 436-444.

Rudorff, O. (1912): Über gesetzliche Maßnahmen zum Schutz der einheimischen Tier- und Pflanzenwelt. In: Bericht über die vierte Konferenz für Naturdenkmalpflege in Preußen, Berlin, am 9. Dezember 1911. Abgedruckt in: Beiträge zur Naturdenkmalpflege Bd. 2. Borntraeger. Berlin: 187-221.

https://books.google.de/books?id=PPZEAAAAYAAJ&q=Artenschutz&dq=Artenschutz&hl=de&sa=X&redir_esc=y (aufgerufen am 27.09.2016).

Sukopp, H. u. Sukopp, U. (2006): Florenschutz. In: Berg, C. et al. (Bearb.:) Ein Netzwerk für botanischen Naturschutz. BfN-Skripten 178: 9-19.

Toepfer, G. (2011): Historisches Wörterbuch der Biologie. Geschichte und Theorie der biologischen Grundbegriffe. Bd. 1. Metzler/Poeschel. Stuttgart: C, 728 S.

Toepfer, G. (2016): Von der Naturgeschichte zur Ökologie (1750-1900). Entstehung und Geschichte der Ökologie bis zum Beginn des 20. Jahrhunderts. Natur und Landschaft 91 (9/10): 398-404.

Vetter, … (1838): Hygieine. In: Busch, D. W. H. et al. (Hrsg.): Encyclopaedisches Wörterbuch der medizinischen Wissenschaften. Bd. 17. Veit. Berlin: 713 S. https://opacplus.bsb-muenchen.de/Vta2/bsb10086763/bsb:BV009366188?page=423 (aufgerufen am 27.09.2016). Nachweis „Vetter“: https://opacplus.bsb-muenchen.de/Vta2/bsb10086763/bsb:BV009366188?page=8 (aufgerufen am 27.09.2016).

Hinweis: Den Verfassern haben die aus urheberrechtlichen Gründen nur als Snippet darstellbaren Internetquellen im Volltext vorgelegen.

Gerhard Hachmann und Rainer Koch
c/o Bundesamt für Naturschutz
Fachgebiet Z 2.3 „Literaturdokumentation, -information, Bibliotheken, Schriftleitung“
Konstantinstraße 110
53179 Bonn
Korrespondierender Autor: gerhard.hachmann@bfn.de

 

Auch in diesem Beitrag geht es um die Forschungen zur Entstehung des Naturschutzes in Deutschland, deren Ergebnisse mein Kollege Rainer Koch und ich 2015 in der Reihe der „BfN-Skripten“ des Bundesamtes für Naturschutz veröffentlicht haben.

Die Publikation besteht aus einem Textteil und einem Quellenteil. Über den Textteil habe ich im vorigen Post (Naturschutzgeschichte, Teil 1) berichtet.

Den quantitativen Schwerpunkt des anschließenden Quellenteils bilden Faksimiledrucke aller naturschutzbezogenen Schriften Philipp Leopold Martins (1815-1885). Damit werden diese bis dahin teils nur noch schwer greifbaren Publikationen erstmals seit ihrem Erscheinen im 19. Jahrhundert wieder abgedruckt und sind an einer Stelle versammelt. Zusätzlich zur Printversion haben wir auch eine online-Version Open Access publiziert (Achtung Dateigröße: 86 MB). Damit stehen die von uns digitalisierten Schriften Martins der interessierten Öffentlichkeit wie auch der naturschutzhistorischen Forschung uneingeschränkt zur Verfügung.

Ergänzend zu den Publikationen von Philipp Leopold Martin finden sich zwei Texte von Ernst Rudorff (1840-1916), der lange Zeit als frühester Vertreter des Naturschutzes in Deutschland galt. Seine programmatische Schrift „Ueber das Verhältniß des modernen Lebens zur Natur“ aus dem Jahr 1880 war bekannt und leicht erhältlich. Anders verhielt es sich mit dessen anderem Text. Bereits 1878 hatte Rudorff in einem ausführlichen Leserbrief an eine Zeitung seine Gedanken zur Zerstörung der Natur skizziert. Dieser Text aber galt seit etwa hundert Jahren als verschollen. Auch bei den Arbeiten zur 2006 erschienenen historisch-kritischen Neuausgabe seiner Autobiografie gelang es nicht, das Original zu identifizieren. Das haben wir 2015 geschafft. Wir berichten in einem Kapitel unseres Buchs darüber, und wir haben den Originaltext abgedruckt und damit wieder verfügbar gemacht.

Signatur Ernst Rudorffs. Gemeinfrei, Quelle: https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=13030020

Somit bietet dieser Band einen Open-Access-Zugriff auf die derzeit bekannten naturschutzbezogenen Werke von Philipp Leopold Martin und die frühen Texte Ernst Rudorffs aus demselben Zeitraum. Sie erlauben einen unmittelbaren Einblick in das Denken dieser beiden Männer, die sich bereits frühzeitig und als erste in Deutschland intensiv für den Naturschutz eingesetzt haben.

Viele unserer Entdeckungen gelangen aufgrund der in den letzten Jahren enorm verbesserten bibliographischen Recherchemöglichkeiten und der bis vor wenigen Jahren noch nicht vorhandenen Zugriffsmöglichkeiten auf digitalisierte und im Internet frei verfügbare Volltexte umfangreicher Bibliotheksbestände. Hier ist insbesondere die Zusammenarbeit der Firma Google mit bedeutenden Bibliotheken aus der ganzen Welt zu nennen. Auch andere Programme wie zum Beispiel die „Hathi Trust Digital Library“, das „Internet Archive“ und die „Biodiversity Heritage Library“ stellen in großem Umfang wissenschaftliche Literatur im Internet bereit, häufig im Textkorpus durchsuchbar und, abhängig vom Urheberrecht, teilweise ohne Zugangsbeschränkungen. Durch das Fortschreiten der Arbeiten und das Hinzukommen weiterer Programme wie der „Deutschen Digitalen Bibliothek“ und der „Europeana“ wird sich die Datenbasis durchsuchbarer Literatur weiter vergrößern, wovon die historische Forschung grundsätzlich in erheblichem Maß profitieren wird. Die Massendigitalisierung alter wissenschaftlicher Literatur ersetzt in keiner Weise die mühsame Forschungstätigkeit in Archiven. Hinsichtlich publizierter Texte kann man aber, auch in Bezug auf die deutsche Naturschutzgeschichte, gespannt sein, welche künftigen Erkenntnisse sich noch einstellen werden.

Philipp Leopold Martin (1815-1885) hat 1871 das uns heute geläufige Wort „Naturschutz“ geprägt, also „erfunden“, und er hat in derselben Veröffentlichung, einer siebenteiligen Aufsatzserie, als erster ein umfassendes Naturschutzkonzept formuliert. Trotzdem war er für mehr als ein Jahrhundert in Vergessenheit geraten, niemand unter den deutschen Naturschutzhistorikern kannte ihn. Stattdessen wurden diese Leistungen von der Historikerzunft fälschlicherweise dem Berliner Musikprofessor Ernst Rudorff (1840-1916) zugeschrieben: 1880 die erste Konzeptformulierung, 1888 die Wortschöpfung (in einem erst 1939 veröffentlichten Tagebucheintrag). Im Jahr 2011 hat mein Kollege Rainer Koch P.L. Martin, diesen bedeutenden Naturforscher, als Vordenker des Naturschutzes in Deutschland wiederentdeckt, gemeinsam haben wir in den nächsten Monaten am Thema gearbeitet. Über die Entdeckung und über unser Vorgehen habe ich vor fünf Jahren in diesem Blog in zwei ausführlichen Posts berichtet: Einmal zur naturschutzhistorischen Bedeutung des Funds, und im zweiten Post zu unserem Vorgehen, insbesondere bezüglich der Nutzung von digitalisierten Publikationen.

Wir haben unsere Forschungen in den Folgejahren fortgesetzt und einige weitere Erkenntnisse zutage gefördert. Unsere daraus resultierenden Publikationen haben wir 2015 in teils aktualisierter und erweiterter Form zusammengefasst, mit neuen Texten ergänzt und in der Reihe der „BfN-Skripten“ des Bundesamtes für Naturschutz veröffentlicht. Der Band steht zusätzlich zur Printversion online im Volltext hier zur Verfügung (Achtung Dateigröße: 86 MB).

Das Buch besteht aus einem Textteil, der unsere eigenen Texte enthält, und einem Quellenteil, in dem wir die bis dahin nur schwer zugänglichen naturschutzbezogenen Schriften von P.L. Martin und die beiden ersten Publikationen von Ernst Rudorff zusammengestellt haben.

Unsere im Textteil dargelegten neuen Erkenntnisse zur Frühzeit des deutschen Naturschutzes werden an dieser Stelle in chronologischer Folge aufgeführt:

19. Jahrhundert: Das Wort „Naturschutz“ ist in der deutschen Sprache sporadisch schon vor seiner Erstverwendung durch Philipp Leopold Martin nachweisbar. Das war bisher nicht bekannt. Es hat aber stets eine andere als die heute gebräuchliche Bedeutung: Die Natur wird hier als ein die Menschen in verschiedener Weise schützendes Subjekt aufgefasst. Es muss also (noch) nicht die Natur vor den Menschen geschützt werden, sondern die Natur gibt den Menschen in verschiedener Weise einen Schutz. In den Alltagsgebrauch hat das Wort in dieser Bedeutung keinen Eingang gefunden.

1852–1858: Philipp Leopold Martin und Ernst Rudorff sind sich mit großer Wahrscheinlichkeit persönlich begegnet. Beide werden von dem bedeutenden Arzt, Zoologen und Gründer des Berliner Zoologischen Gartens Martin Hinrich Lichtenstein entscheidend gefördert. Beider Lebenswege erhalten durch den Kontakt zu Lichtenstein wichtige Wendungen. Diese biographische Episode war unbekannt.

Philipp Leopold Martin (1815-1885). Gemeinfrei, Quelle: https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Philipp_Leopold_Martin_Portrait.jpg

1871/72: Das Zentrum der neuen Erkenntnisse: Martin veröffentlicht eine umfangreiche Aufsatzserie zu verschiedenen Naturschutzaspekten, verwendet darin das Wort „Naturschutz“ und prägt als Erster den Begriff in seiner heutigen Bedeutung: Die Natur ist jetzt das vor den Menschen zu schützende Objekt. In den Folgejahren erscheinen weitere naturschutzbezogene Schriften von ihm.

April 1878: In der „Leitmeritzer Zeitung“ erscheint ein Bericht über die beabsichtigte Gründung eines „Vereins der Naturfreunde“. Er soll gleichzeitig als „Naturschutz- und Singvogelschutzverein“ fungieren. Im März 1879 berichtet dieselbe Zeitung über die nun anstehende konstituierende Generalversammlung. Als eines der Mittel zur Erreichung des Vereinszwecks wird genannt die „Einflußnahme auf Erhaltung von Naturschönheiten, überhaupt Naturschutz“. Die Funde sind ein weiterer Beleg für eine frühere Verbreitung des Begriffs in der deutschen Sprache, als sie bislang bekannt war.

Oktober 1878: Rudorff wendet sich erstmals an die Öffentlichkeit und veröffentlicht einen Leserbrief, in dem er auf Bedrohungen von kulturellen und natürlichen Objekten hinweist und zur Gründung eines Heimatschutzvereins aufruft. Diese erste Veröffentlichung Rudorffs war verschollen, wir haben sie wiederentdeckt. Mehr dazu im nächsten Post (Naturschutzgeschichte, Teil 2).

1882: Martin stellt zum ersten Mal das Wort „Naturschutz“ in den Sachtitel eines Buches. Mindestens zwei bedeutende Zeitschriften drucken Rezensionen. Erst 21 Jahre später wird das nächste Buch mit diesem Wort im Titel erscheinen (siehe unten).

1883: Der „Naturschutzverein Plauen“ wird gegründet, als erster Verein, der das Wort „Naturschutz“ im Namen trägt. Auch dies war den Naturschutzhistorikern nicht bekannt.

1886: Der Zoologe und Vererbungsforscher Wilhelm Haacke benutzt den Begriff „Naturschutz“ wie selbstverständlich in einer seiner Veröffentlichungen.

1892: Ludwig Dimitz berichtet in der „Österreichischen Zeitung“ über Zerstörungen der österreichischen Wälder. Er konstatiert bezüglich der öffentlichen Meinung zu diesem Problem: „Das inhaltsschwere Wort „Naturschutz“ wurde immer öfter vernommen“. Dimitz wiederholt seine Formulierung 1895 in einem Aufsatz der „Österreichisch-Ungarischen Revue“. Er ist auch derjenige, der 1903 als Zweiter ein Buch mit dem Wort „Naturschutz“ im Titel veröffentlicht: „Über Naturschutz und Pflege des Waldschönen“.

Soweit die Zusammenfassung der neuen Erkenntnisse. Zu den im Quellenteil abgedruckten Faksimiles und unserem Vorgehen siehe der folgende Post (Naturschutzgeschichte, Teil 2).

Verfasst von: haferklee | 23. Juni 2016

Variante des Bibliotheksruhe-Klischees

Weltläufiger Städter zum Landei:

Da, wo Du herkommst, gilt es ja schon als aufregendes Ereignis, wenn in der Bibliothek ein neues „Bitte-Ruhe“-Schild angebracht wird.

So (oder sehr ähnlich) eine Szene in dem neuen Film „Ein ganzes halbes Jahr“. Aus dem Gedächtnis zitiert, weil die Radiokritik, die ich gehört habe, nicht im Netz verfügbar ist.

 

Piktogramm für Ruhebereiche. Autor: Matthias M. Public Domain.

Die US-amerikanische Musikerin Amanda Palmer, bekannt geworden als Mitglied der Dresden Dolls, wird in wenigen Tagen 40 Jahre alt. Höchste Zeit also für eine Autobiographie. Die hat sie tatsächlich unter dem Titel „The Art of Asking“ veröffentlicht, vor zwei Jahren erschien die englische Originalausgabe, vor einem die deutsche. Palmer hat viele ihrer künstlerischen Projekte via Crowdfunding von ihren Fans vorfinanzieren lassen. Ein zentrales Thema ihres Buches ist deshalb ihre vormalige eigene Angst und die vieler anderer Menschen, um Hilfe zu bitten und Geschenke anzunehmen. Unter bibliothekarischem Blickwinkel ist auf den 440 Seiten nur ein einziger Satz von Interesse. Sie listet darin einige Berufsgruppen auf, die für sie positiv besetzt sind, weil sie Leistungen für Menschen bzw. die Gesellschaft erbringen, ohne immer ordentlich dafür bezahlt zu werden:

An die Künstler, Schöpfer, Wissenschaftler, Benefizläufer, Bibliothekare, Querdenker, Start-up-Leute und Erfinder, an alle Menschen überall auf der Welt, die sich davor scheuen, Hilfe anzunehmen, egal in welcher Form sie auftaucht:
Bitte nehmt die Hilfe an.

Das ist eine feine Aufzählung. Stellen wir uns einfach einmal vor, Farin Urlaub hätte ähnliches in einem auf Deutschland bezogenen Umfeld formuliert. Ob ihm wohl unser Berufsstand in den Sinn gekommen wäre? Hmh …

File:AmandaPalmer live.jpg

Laquena at English Wikipedia, AmandaPalmer live, CC BY-SA 3.0

PS. Das Zitat entstammt der deutschen Ausgabe, 978-3-8479-0597-4, S. 242; Palmer verwendet statt des von mir eingesetzten „Hilfe an“ eine Chiffre, die in der Kürze des Zitats nicht verständlich wäre.

Verfasst von: haferklee | 13. März 2016

Stirbt der Zettelkatalog?

Sehr gut erinnere ich mich an eine völlig überlaufene Veranstaltung auf dem Bibliothekskongress 2010 in Leipzig unter dem reißerischen Titel „Stirbt der OPAC?“ Es ging um die Zukunft der online-Kataloge, und vorgestellt wurden mehrere damals neue Ansätze, die die konventionellen OPACs mit Suchmaschinentechnik aufpeppten. Alles lief noch unter dem Schlagwort „Katalog 2.0“, der Begriff „Discovery System“ tauchte, beispielsweise in Anne Christensens Ankündigung zur Veranstaltung, nicht auf.

Dass es auch einmal einen Übergang vom Zettelkatalog zum OPAC gab, gerät allmählich in Vergessenheit; die meisten jungen Kolleginnen und Kollegen kennen Zettelkataloge bereits nur noch aus der Vorlesung zur Bibliotheksgeschichte. Donna Leon, die in ihren Kriminalromanen um den als Bücherfreund bekannten Commissario Brunetti  immer mal wieder Szenen in Bibliotheken einstreut, hat diesem Erschließungsinstrument ein kleines literarisches Denkmal gesetzt:

„Und wie komme ich an die Bücher, die ich brauche?“ fragte sie und sah sich nach Computern um.
Mit breitem Lächeln führte Ezio sie zu einem schulterhohen Karteischrank. „Kennst du die noch?“, fragte er und tätschelte ihn. „Den habe ich gerettet“, erklärte er stolz.
Oddio„, rief sie, ein Zettelkasten!“ Wann hatte sie so etwas das letzte Mal gesehen? Und wo? Wie eine Gläubige angesichts einer Reliquie trat sie näher und berührte das glatte Holz, zog ein Fach ein paar Zentimeter heraus und schob es vorsichtig wieder zu. „Zehn Jahre ist das her. Mehr.“ Dann in verschwörerischem Ton: „Ich liebe solche Schränke. Was man da alles entdecken kann“. Und noch leiser: „Erzähl. Wie hast du es angestellt?“
Sich in die Brust werfend, … sagte Ezio: „Die Karteikarten sollten alle vernichtet werden. Auf Befehl meines Vorgesetzten.“ Er holte melodramatisch zweimal tief Luft. „Erst habe ich ihm mit Kündigung gedroht.“
„Du bist noch hier, also ist es nicht so weit gekommen. Was ist dann geschehen?“
„Ich habe ihm angedroht, seiner Frau von seiner Affäre mit einer Kollegin zu erzählen.“
Statt lauthals loszulachen, fragte Caterina atemlos: „Das hättest Du wirklich getan?“
Ezio wiegte den Kopf hin und her. „Ich weiß nicht. Vielleicht.“
„Aber er hat eingelenkt?“
„Ja. Er sagte, wir könnten sie behalten, vorausgesetzt, dass niemand sie benutzt. Der Katalog sei vollständig zu digitalisieren, danach dürfe nur noch per Computer auf die Sammlung zugegriffen werden.“ Ezio verzog den Mund, als wolle er jeden Moment vor sich auf den Boden spucken. „Erst kam diese Anweisung, dann hat er die Mittel zusammengestrichen. Uns fehlte das nötige Geld.“
„Und der Computerkatalog?“
Er schwieg einen Moment, lächelte und spielte dann den Diplomaten, dem eine direkte Frage gestellt wird. „Er ist auf gutem Wege.“
„Und dein Vorgesetzter?“, fragte sie. Wieder schien er gleich ausspucken zu wollen: „Wurde in eine Provinzbücherei strafversetzt.“ Und ehe sie fragen konnte: „Offenbar entpuppten sich die drei letzten Kandidaten, die er hier angestellt hat, als Verwandte seiner Frau.“
„Wo arbeitet er jetzt?“
„Quarto d’Altino.“ Er grinste. „Ziemlich kleine Bücherei.“

Und genau so sind sie auch, die Brunetti-Romane: die Zettelkataloge des Krimi-Genres. Veränderung ist nicht gewünscht.

PS. Dass übrigens nicht nur digitale Dateien nicht fälschungssicher sind, sondern es auch Zettelkataloge wie zum Beispiel jener der französischen Nationalbibliothek nicht waren, kann hier nachgelesen werden.

Foto: Der veraltete Zettelkatalog der Sterling Memorial Library, Yale University. Public Domain.

Zitat aus: Donna Leon: Himmlische Juwelen. Zürich: Diogenes Taschenbuch, 2014. Seiten 99-100.

Verfasst von: haferklee | 11. Februar 2016

Quälgeister in Bibliotheken (1930)

Bibliotheken sind einfach toll, wirklich störend sind nur die Nutzer!

Diese Erkenntnis ist mir natürlich bereits zu Anfang meines Studiums begegnet. Dass sie schon damals nicht neu war, beweist der unten stehende Artikel aus einer Ausgabe des „Vorwärts“ von 1930. Ein anonymer Bibliothekar der Berliner städtischen Bibliothek beschwert sich über seltsame Anfragen von nervigen Nutzern.

Jürgen Plieninger hat die dort beschriebenen Einzelfälle 1994 zu einer Typologie von Benutzern verdichtet. Der Versuch einer Systematisierung der merkwürdigen Personen am Nebentisch war später auch eine lohnende Herausforderung für JournalistInnen der Zeit und von jetzt.de

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PS. Nett übrigens die zu Beginn des Artikels genannte Forderung eines Nutzers: „Nachts müßten Sie aufhaben, mindestens bis zwölf.“ Gute 80 Jahre später ist festzuhalten: Der Fortschritt ist eine Schnecke, aber es gibt ihn.

PPS-Update: Den Hinweis auf diesen „Vorwärts“-Beitrag verdanke ich Olaf Guercke aus der Bibliothek der Friedrich-Ebert-Stiftung. Guercke ist verantwortlich für die Durchführung eines umfangreichen Digitalisierungsprojekts, durch das der „Vorwärts“, eine enorm wertvolle historische Quelle, mit allen Ausgaben des Erscheinungszeitraums von 1876 bis 1933 digitalisiert und frei zugänglich zur Verfügung gestellt werden soll. Hier weitere Informationen zum Projekt.

Verfasst von: haferklee | 18. Januar 2016

Käptn Peng und die falsche Bibliothekarin (mit Dutt!)

Als „Käptn Peng“ macht er gemeinsam mit den „Tentakeln von Delphi“ interessante Musik und produziert dazu originelle Videos. Als Schriftsteller veröffentlichte er vorletztes Jahr seinen Debütroman „Der unsichtbare Apfel“ unter seinem bürgerlichen Namen Robert Gwisdek.
Unter bibliothekarischem Blickwinkel wird dieser Roman auf Seite 286 interessant:

Immer wieder dachte er an die gigantischen Ansammlungen von Büchern, die er gesehen hatte, und überlegte, dass es aufschlussreich sein müsste, ein paar von ihnen zu lesen. Aber wo sollte er anfangen? Die Regale waren unzähmbare Monster aus Informationen und jeder Versuch, sie sich auf eigene Faust zu erschließen, wäre absurd gewesen.
Eines Morgens stand er auf und sagte lächelnd: „Ich denke, es ist an der Zeit, dass wir uns mit einer Bibliothekarin anfreunden.“

Wann haben wir nur zuletzt einen solch entzückenden Satz gelesen! Sofort freuen wir uns darauf, diese Kollegin kennen zu lernen, sie muss ein wundervolles, außergewöhnliches Wesen sein. Aber die kalte Dusche folgt umgehend:

An einem der vielen länglichen Tische saß eine Bibliothekarin und war vertieft in die Abschrift eines Buches … Sie war unauffällig gekleidet, hatte einen Dutt und einen zarten Hals und schien von einer hohen Fähigkeit zur Konzentration. Still und versunken las sie …

Weia! Der Sprachmeister Gwisdek greift tief in die Mottenkiste und präsentiert uns als Bibliothekarin eine stille, unauffällig gekleidete Person mit Dutt. Enttäuscht lese ich weiter, als sich kurz darauf herausstellt, dass diese Bibliothekarin gar nicht echt ist! Der Zugang zu Büchern wird nämlich rigide kontrolliert und erfordert einen zu einer Leseberechtigung führenden Antrag mit genauer Bezeichnung der gewünschten Werke. Die vorgebliche Bibliothekarin benötigt aber indizierte Literatur, weshalb sie auf den Trick verfallen ist, sich als eine in der Bibliothek arbeitende Person auszugeben, was ihr den Zugang zu allen Werken ermöglicht. Und welche Verkleidung wäre besser geeignet dafür als eben genau das klischeehafte Äußere samt entsprechendem Verhalten!

Teufel auch! Das ist ja geradezu genial! Kennt Gwisdek etwa unser altes berufliches Klischee und nutzt es, um eine Bibliothekarin möglichst gut unter anderen Bibliothekarinnen zu „verstecken“? Wenn das so ist, dann Hut ab. Mir ist Vergleichbares aus unserem beruflichen Umfeld nicht bekannt.

Aber ist der Gwisdek wirklich so clever? Leider fällt es mir schwer, an ein bewusstes Spiel mit dem Klischee zu glauben, denn er verliert zu rasch das Interesse an dieser Figur, die sich doch jetzt erst entwickeln könnte. Ob er es mir irgendwann einmal sagt? Ich wüsste es nur zu gern …

 

Vintage female photograph 4.jpg

Foto: „Vintage female photograph 4“ von Unbekannt. Gemeinfrei über Wikimedia Commons.

PS. Rezensionen zum Roman hier, hier und hier.
Mit Dank an Marvis.

 

 

Verfasst von: haferklee | 18. Dezember 2015

Weihnachtsgeschenk für kleine Bibliothekswesen (4): Zippert zaubert

Hach, was möchte ich diesmal gern das Urheberrecht verletzen! Wie reizt es mich, hier das wunderbare Bild zu zeigen, wie der kleine, völlig aus der Art geschlagene Löwe Heribert ehrenamtlich in der afrikanischen Savanne als Schülerlotse am Wasserloch arbeitet! Oder wie Fräulein Mwumbana, die Bibliothekarin, entsetzt das Weite sucht (es aber leider nicht mehr findet), als Heriberts Vater, der zu seinem Schrecken festgestellt hat, dass sein verweichlichter Sohn einen Bibliotheksausweis besitzt, mit seinem Rudel in die Bibliothek eindringt, um Heribert zu demonstrieren, wie ein richtiger Löwe an ein Buch kommt:

„Ein richtiger Löwe bettelt nämlich nicht darum, ein Buch ausleihen zu dürfen, er holt es sich einfach. Er jagt und hetzt es, bis es nicht mehr kann und ihm gehört. Und wenn zufällig eine Bibliothekarin dranhängt, umso besser.“

Die Bilder (eigentlich sind es Gemälde) dieses wundervollen Buches stammen von Rudi Hurzlmeier, der Text ist von Hans Zippert, dem Kolumnisten der „Welt“, beide sind auch als „Titanic“-Mitarbeiter tätig. Das Buch ist unglaublich komisch und …

Da fällt mir gerade ein, das habe ich doch schon einmal geschrieben! Ich brauche das Urheberrecht hier gar nicht verletzen, das habe ich doch schon einmal getan, zumindest ein kleines bisschen … Hier steht doch schon alles über das Buch! Ihr braucht es jetzt nur noch jagen und hetzen, bis es nicht mehr kann … und verschenken! Und wenn zufällig eine Bibliothekarin dranhängt – umso besser! Lasst Euch die saftigsten Stücke schmecken!!

„Der Papagei, das Telefon und die Bibliothekarin“ ist ein bescheuerter Titel für ein Buch, das im Original „The Loop“ heißt. Mehr gibt es aber auch schon nicht zu kritisieren. Der hierzulande recht unbekannte Autor Joe Coomer (kein deutschsprachiger Wikipedia-Eintrag!) erzählt in einem höchst originellen und vielschichtigen Plot von der Annäherung zweier Menschen, die feste Bindungen eigentlich scheuen. Eine davon ist die resolute Bibliothekarin und Buchrestauratorin Fiona, die so gar nicht dem allseits bekannten Klischee entspricht:

Als er sich gerade die Signaturen einiger Titel notierte, spürte er, daß sie auf ihn zukam. Dann drückten vier Fingerspitzen sich sacht in sein Kreuz, und er fuhr hoch. … Soviel Unverschämtheit hatte er noch nicht erlebt. Er benutzte die Bibliothek seit über zehn Jahren, und Anfang des letzten Semesters hatte er sie zum erstenmal gesehen, als sie mit einer roten Plastikanstecknadel an der Bluse hinter der Ausleihtheke stand: „Fiona – Bibliotheksassistentin“. Darunter eine zweite Anstecknadel: „Bona fide Bücherwurm“ und unter dieser eine dritte: „Kann ich Ihnen helfen?“ Bei Fiona war das eher ein Befehl als eine Frage.

Aber auch wenn Fiona stets sehr präsent ist, gezeichnet wird sie wie ihr männliches Pendant in leisen Tönen. Coomers Buch wurde von der New York Times 1993 als eines der „Notable Books of the Year“ ausgezeichnet, und der Rezensent des „New Yorker“ konnte ihm nicht widerstehen. Lesen, bitte, wenn Ihr mit Bibliotheken zu tun habt; nicht nur, aber auch wegen der ungewöhnlichen weiblichen Protagonistin.

Rezensionen in seriösen deutschen Medien sind meines Wissens nicht erschienen. Macht aber nix, bei Amazon findet sich eine passable Besprechung. Das Buch ist derzeit nur antiquarisch erhältlich.

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