Verfasst von: haferklee | 18. Oktober 2020

Wenn eine Bibliothekarin gern gärtnert,

handelt es sich um einen Kriminalroman.

Die in Frankfurt am Main lebende Autorin Elsemarie Maletzke hat sich als Reiseschriftstellerin einen Namen gemacht, vor allem aber mit bedeutenden Biografien über Jane Austen, die Brontë-Schwestern und Elizabeth Bowen. Außerdem ist sie passionierte Gärtnerin. Deswegen hat sie bereits 2013 einen gärtnerisch angehauchten Kriminalroman veröffentlicht. In diesem Jahr ist bei Schöffling ihr zweiter Versuch in dieser Art erschienen, wiederum mit Erfolg, wie ich finde. Ihr Gartenkrimi „Magnolienmord“ ist mit Witz und pointierten Formulierungen reich gesegnet und insgesamt schwungvoll und elegant geschrieben. Lesenswert!

Warum ich das Buch hier vorstelle? Weil dort ein klassisches Bonmot umgesetzt ist, auf das ich an anderer Stelle hingewiesen habe: „Wenn Du einen Garten und eine Bibliothek hast, wird dir nichts fehlen“, also das bekannte Cicero-Zitat. Die Hauptfigur des Romans ist nämlich nicht nur leidenschaftliche Gärtnerin, sondern arbeitet als Bibliothekarin bei der Deutschen Nationalbibliothek in Frankfurt/M. Und damit müsste sie ein vollkommen zufriedener, glücklicher Mensch sein. Ist sie allerdings nicht, sie wäre als Romanfigur dann wohl auch langweilig. Ich würde sie als eigenwillig bezeichnen, im Klappentext wird sie als „spröde“ beschrieben. Nachtigall, ick hör dir trapsen! Doch nicht etwa als „spröde Bibliothekarin“? Nein, noch mal Glück gehabt: Sie ist eine „spröde Gärtnerin“. Knapp vorbei am Berufsklischee!

Nicht für die Qualität des Textes von Bedeutung, aber für uns Bibliothekswesen leicht enttäuschend: Es gibt keinerlei Einblicke in das Berufsleben der Bibliothekarin. Sie fährt morgens zur DNB und kommt nachmittags wieder nach Haus, viel mehr gibt es nicht. Leider macht sie niemanden unschädlich, indem sie mit Büchern um sich wirft. In gärtnerischer Perspektive ist das anders, da werden viele Details eingestreut. Frau Maletzke kennt sich offensichtlich in diesem ihrem Hobby erheblich besser aus als in unserem Berufsumfeld.

Verfasst von: haferklee | 21. Juli 2020

Was wirklich wichtig ist im Leben: Komma oder Semikolon

Noch einmal zu dem Roman „Das Gewicht der Worte“ von Pascal Mercier. Darin wird ein ethisch-moralisches Problem angesprochen, das wir alle aus unserem Beruf kennen. Hier beschäftigt es in sehr ähnlicher Form einen als Übersetzer tätigen Menschen:

[Es hat] mich oft die Frage beschäftigt, was wichtig ist. Ich habe darüber mit einem Mann gesprochen, den ich als Freund betrachte. ‚Kann man im Ernst darüber nachdenken, ob man ein Komma oder ein Semikolon setzen soll, wenn andere nicht wissen, wo sie schlafen können, ohne zu erfrieren?‘ fragte er.

Eine Frage, die auch mich in jungen Jahren beschäftigt hat (und es natürlich auch heute noch tut). Und zwar, als ich die Preußischen Instruktionen und anschließend die RAK lernen musste. Wie oft fand ich das Korinthenkackerische in den Katalogisierungsregeln blödsinnig. Wie unwichtig fand ich es, dass bei der Katalogisierung nach dem Verlag und vor dem Erscheinungsjahr Komma und Blank gesetzt werden musste und nicht irgendeine andere Kombination. Gern habe ich, um zu demonstrieren, dass wir Bibliothekswesen einen Hau weghaben, die dicke Loseblattsammlung der RAK an zufälliger Stelle aufgeschlagen (bevorzugt in dem Abschnitt zu Körperschaften), den Finger blind auf einen Paragraphen gehalten und den Text dann vorgelesen. Fast immer hatte ich mein Gegenüber rasch von meiner These überzeugt.

Aber ganz so einfach ist es natürlich nicht. In Merciers Dialog wird dieses Grundsatzproblem auf eine Art aufgelöst, mit der ich mich anfreunden kann:

Es gibt, denke ich heute, keine Rangliste des Wichtigen, auf der man Elend und Kommata vergleichen könnte.

Wenn man älter wird …

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Pascal Mercier: Das Gewicht der Worte. 3. Auflage. München 2020. ISBN 978-3-446-26569-1. – Zitate auf den Seiten 219-220.

Verfasst von: haferklee | 19. Juli 2020

Ein solider Beruf!

Pascal Mercier ist mit seinem 2004 erschienenen Roman „Nachtzug nach Lissabon“ ein veritabler Bestseller gelungen. Auch „Das Gewicht der Worte“, sein aktuelles Werk, tummelt sich schon eine ganze Weile in den Top 10 der Bestsellerlisten.

Darin tritt als Nebenfigur eine zu Beginn ihrer literarischen Karriere sehr erfolgreiche Schriftstellerin auf, der allerdings später überhaupt nichts mehr gelingt. Ihr Leben gerät dadurch aus den Fugen, sie droht in die Alkoholsucht abzugleiten. Leyland, der Protagonist von Merciers Roman, kannte sie früher und trifft die nun etwa Fünfzigjährige nach langer Zeit zufällig auf der Straße wieder.

Ob er auf einen Tee mitkommen wolle? Sie sah verändert aus: nüchterner und gesünder … Zugleich, fand Leyland, strahlte sie eine große Enttäuschung aus. Die Wohnung war aufgeräumter als früher, keine leeren Flaschen mehr … Sie goss Tee ein und zündete sich eine Zigarette an. „Ich habe mit einer Ausbildung als Bibliothekarin begonnen,“ sagte sie. „Etwas Einfaches, Solides, Übersichtliches.“

Ich finde diese kurze Szene deprimierend. Auf eine bestimmte Art hat Mercier mit den Worten, die er seiner Figur in den Mund legt, ja durchaus recht. Wir Bibliothekswesen, als überwiegend bei staatlichen Institutionen Beschäftigte, haben uns sehr glücklich schätzen können, in der Coronakrise unser Gehalt weiter erhalten zu haben, während nahezu allen in der Kultur freischaffenden Personen, und eben auch SchriftstellerInnen, wesentliche Teile ihres Einkommens, und oft sogar alles, von einem auf den anderen Tag weggebrochen sind. Im Vergleich zu einer Schriftstellerin, die mit jedem neuen Buch auch um ihre wirtschaftliche Existenz kämpft, hat das „Solide“ seine Berechtigung.

Aber Merciers Roman trägt seinen Titel nicht grundlos. Es geht auf fast 600 Seiten einzig und allein um die Bedeutung von Worten, um Ausdrucksnuancen, die einen ganzen Text völlig verändern können, weshalb eine außerordentliche Sorgfalt auf die Wahl der richtigen Worte zu legen ist. Und dann jubelt uns Mercier völlig gedankenlos dieses altbackene Klischee unter! In Zeiten, in denen der Berufsstand sich im Zuge der Digitalisierung, wie viele andere Berufe auch, völlig verändert, wo nichts mehr einfach ist (wenn es das zu analogen Zeiten denn je war), und übersichtlich schon gar nicht mehr. Wo gelegentlich bezweifelt wird, dass es den Beruf in zwanzig Jahren noch geben wird. Und wo zumindest sicher ist, dass so, wie wir ihn vor zwanzig Jahren kannten, er in zwanzig Jahren nicht mehr sein wird. Wann mag Mercier, der ehemalige Philosophieprofessor und seither Bestsellerautor, wohl zuletzt Kontakt zu einer Bibliothek gehabt haben?

 

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Pascal Mercier: Das Gewicht der Worte. 3. Auflage. München 2020. ISBN 978-3-446-26569-1. – Zitat auf der Seite 556.

 

Weil ich kein RDA-Spezialist bin, schaue ich bei schwierigeren Titelaufnahmen meiner Bibliothek (keine Verbundteilnahme) in Zweifelsfällen gern nach, wie es die großen anderen machen, sprich DNB und Verbünde. Mir fällt viel häufiger als zu RAK-Zeiten auf, dass sich deren Katalogisate jetzt oft deutlich voneinander unterscheiden.

So begann im April 2018 ein Post in diesem Blog, in dem ich meine Beobachtung an einem besonders krassen Beispiel verdeutlicht habe. Mir kommt es vor, als habe sich diese Entwicklung weiter beschleunigt. Die Katalogisate unterscheiden sich inzwischen häufig nicht nur in unwesentlichen Aspekten, sondern oft auch bei grundlegenden Elementen einer Titelaufnahme. Nutzer*innen ist das meiner Ansicht nach nicht mehr zu vermitteln. Und genau aus deren Perspektive ist dieser Beitrag geschrieben, also aus der von wissenschaftlich arbeitenden Personen, die sich zur Zitierweise eines Buchs in Bibliothekskatalogen schlau machen wollen. (Und, wie beim ersten Post, erneut aus der Sicht von Bibliotheksbeschäftigten, die keine RDA-Spezialist*innen sind.)

Zum Beweis meiner Beobachtung seien hier weitere Beispiele angefügt. Ich habe nach keinem von ihnen bewusst gesucht (um hier besonders schlimme Beispiele anführen zu können), sondern habe sie während meiner laufenden Arbeit nebenbei gefunden.

Beispiel 1: ISBN 978-3-411-74357-5
Für die Printausgabe finden sich in den Verbundaufnahmen und der DNB vier Varianten:
„Richtig gendern : wie Sie angemessen und verständlich schreiben“ (KOBV Nr. 1, Hebis)
„Richtig gendern : Wie Sie angemessen und verständlich schreiben“ (KOBV Nr. 2) (zusätzlich mit falschem, da gekürztem Verfassernamen)
„Richtig gendern ; wie Sie angemessen und verständlich schreiben ; Duden, richtig gendern“ (BVB)
„Duden, richtig gendern : wie Sie angemessen und verständlich schreiben“ (DNB, SWB, HBZ, GBV, KOBV Nr. 3)
Für die E-Book-Ausgabe findet sich eine weitere Variante:
„Duden, Richtig gendern : wie Sie angemessen und verständlich schreiben“ (HBZ).
In SWB, HBZ und GBV sind Print- und E-Book-Ausgabe mit jeweils unterschiedlichen Titelvarianten enthalten.

Beispiel 2: ISBN 978-3-00-059047-4
Es liegen zwei Katalogisate vor, eines der DNB, eines des SWB:
Erscheinungsjahr DNB: 2017; Erscheinungsjahr SWB: 2018.
Seitenzahl DNB: 81 Seiten; Seitenzahl SWB: 96 Seiten

Beispiel 3: ISBN 978-3-941681-46-0
Es liegen vier Katalogisate aus den Verbünden und der DNB vor:
In zwei Katalogisaten (GBV und KOBV) wird eine Serie angegeben; im Katalogisat der DNB wird keine Serie angegeben; im Katalogisat des BVB wird die Serie erst bei „mehr zum Titel“ angegeben, dort aber im Feld „Ausgabezeichnung“ genannt.
Zum Verlag gibt es zwei Angaben:
„STEFFEN MEDIA GmbH“ (BVB, KOBV und GBV) und „Steffen Media GmbH“ (DNB).
Der GBV nennt unter „Körperschaft/en“ die „edition Lesezeichen [Verlag]“, nennt im selben Katalogisat beim Erscheinungsvermerk als Verlag aber „STEFFEN MEDIA GmbH“.
Die DNB nennt unter „Organisation(en)“ die „edition Lesezeichen (Verlag)“, nennt im selben Katalogisat beim Erscheinungsvermerk als Verlag aber „Steffen Media GmbH“.

Beispiel 4: ISBN 978-3-658-08192-8 (Printausgabe) und 978-3-658-08193-5 (E-Book)
Der Titel ist in allen Verbünden und der DNB katalogisiert.
Meistens sind die beiden Herausgeberinnen in dieser Funktion erkannt und genannt. Nicht so bei einer von mehreren Aufnahmen im GBV, wo sie als Verfasserinnen durchgehen, und den drei Aufnahmen im KOBV, wo (wie stets?) keine Funktion angegeben ist und sie deshalb für Verfasserinnen gehalten werden können.
Dieser Titel ist auch ein schönes Beispiel für das ungelöste Problem der Imprints. Es findet sich in der Verlagsangabe meistens die Angabe „Springer VS“, aber auch die Angaben „Springer-Verlag“ sowie mehrfach „Springer Fachmedien Wiesbaden“, und auch mal „Springer International Publishing AG“ in der Vertriebsangabe. Sehr schön dabei die DNB: Printausgabe: „Springer VS“, E-Book: „Springer Fachmedien Wiesbaden“. Und wer nun meint, an dieser Stelle unterschieden sich Print und E-Book eben: nein, das geht beim GBV munter durcheinander,  und BVB und SWB nennen bei beiden Ausgaben als Verlag „Springer VS“.

Schauen wir uns als fünftes und letztes Beispiel noch die Gesamtaufnahme des 2018 erschienenen, vierbändigen Handwörterbuch der Stadt- und Raumentwicklung“ an. Der Titel ist in allen Verbünden und der DNB nachgewiesen.
Den Hauptsachtitel bekommen noch alle Verbünde gleichmäßig hin.

Bei der Angabe der persönlichen Herausgeber sieht es schon anders aus: Es wird mal nur der erste genannt (BVB, KOBV), mal der erste mit dem Hinweis auf fünf weitere (DNB), mal die ersten drei ohne Hinweis auf weitere (HBZ), mal alle sechs (Hebis, GBV, SWB). Dabei führt der KOBV, wie immer, die genannte Person ohne Funktionszusatz an, suggeriert also eine Autorenschaft. Und das HBZ verblüfft, weil es die zweite und dritte der drei von ihm genannten Personen außer als Herausgeber gleichzeitig auch als Verfasser benennt, anscheinend für das Gesamtwerk. Uneinheitlich ist auch der Umgang mit der Genderproblematik: BVB, Hebis, HBZ und DNB kümmern sich nicht darum und nutzen das generische Maskulinum („Herausgeber“); beim SWB spielen offensichtlich Platz und Übersichtlichkeit der Darstellung keine Rolle, man liest die ausführliche Form der Differenzierung („Herausgeberin/-geber“) bei allen sechs Personen; der GBV steht aktuell beim Binnen-I („HerausgeberIn“); wer wird wohl als erster das * bringen?

Es gibt nicht nur beteiligte Personen, sondern auch ein herausgebendes Organ, die „Akademie für Raumforschung und Landesplanung“. Das haben genau so erkannt BVB, GBV und SWB. Die DNB nennt das Organ nur in der Verantwortlichkeitsangabe und ohne Funktion, nicht aber in der Kategorie der Körperschaft. KOBV: Nennung ohne Funktion. Das HBZ nennt als herausgebendes Organ überraschenderweise die „Akademie für Raumforschung und Landesplanung. Landesarbeitsgemeinschaft Sachsen-Sachsen-Anhalt-Thüringen“. Hebis schließlich schießt den Vogel ab und bezeichnet das Organ in der Kategorie der Körperschaft ausdrücklich als Verfasser!

Bei der Verlagsangabe bringen es die Katalogisate auf drei Versionen: „Verlag der ARL“ (BVB, HBZ, KOBV Nr. 1), „Akademie für Raumforschung und Landesplanung“ (DNB, Hebis, GBV, SWB) und „ARL, Akademie für Raumforschung und Landesplanung“ (KOBV Nr. 2).

Bei allen fünf genannten Beispielen handelt es sich nicht um wirklich schwierige Titelaufnahmen. Trotzdem schaffen es geschulte Spezialist*innen nicht, Verfasserangaben, Herausgeberschaften, Verlagsangaben, Erscheinungsjahre und Serienansetzungen einheitlich anzugeben, obwohl sie dasselbe Regelwerk anwenden. Wie soll ich den FaMIs erklären, die ich ausbilde und von denen etwa auf diesem Niveau saubere Katalogisate in den Abschlussprüfungen verlangt werden?

Mehrere Jahre dachte ich, der Grund für das beschriebene Problem liege in den Umstellungsschwierigkeiten auf das neue Regelwerk und dessen ungewohntes Prinzip des „cataloger’s judgment“. Das kann es aber nicht sein, zumindest nicht allein. Ich vermute noch einen anderen Grund: Kann es sein, dass in den Bibliotheken aus Personalknappheit zuerst vereinzelt, dann immer häufiger Korrekturlesevorgänge im Workflow entfallen sind? In früheren Jahrzehnten wurde kein Katalogisat in eine Datenbank gegeben, ohne dass vorher eine zweite Person korrektur gelesen hatte. Ich habe keine Ahnung, ob das immer noch so ist, kann es mir bei diesen Ergebnissen aber nicht vorstellen. Geht man beim Katalogisieren davon aus, dass die anderen eventuelle Fehler schon ausbügeln werden?

Als weiteres Indiz für diese These: Während ich diesen Beitrag schrieb, benötigte ich die korrekte Verlagsangabe für das Buch mit der ISBN 978-3-9819650-0-1. Ich erhielt fünf Varianten: „[KlimaWandel GbR]“ (BVB, HBZ, KOBV Nr. 1), „KlimaWandel GbR“ (SWB, GBV), „David Selles & Christian Serrer“ (DNB, KOBV Nr. 2), „[David Selles und Christian Serrer]“ (Hebis), sowie „Lokay“ (offensichtlich völlig falsch, einschließlich falschem Erscheinungsort, KOBV Nr. 3).
Aber auch bei der Seitenzahl gab es keine Einigkeit. 129 Seiten geben an DNB, KOBV Nr. 2, Hebis; 131 Seiten geben an BVB, HBZ, KOBV Nr. 1 und 3, SWB, GBV.
Von diesem Werk existiert zudem eine inhaltlich identische Sonderausgabe der Bundeszentrale für Politische Bildung. Hierbei ist die Uneinheitlichkeit bei der Seitenzählung verblüffenderweise anders unter den Verbünden aufgeteilt. Für 129 Seiten haben sich diesmal entschieden BVB, HBZ, DNB, KOBV; für 130 [!] Seiten SWB und GBV.

Meine Beobachtungen führen mich zu folgenden Thesen:

1. Titelaufnahmen sind seit der Einführung von RDA gegenüber der Zeit der Gültigkeit der RAK deutlich uneinheitlicher geworden.
2. Diese Uneinheitlichkeit betrifft nicht nur nebensächliche Aspekte der Katalogisate, sondern wichtige Teile, die für die Recherche oder die Filterung von zentraler Bedeutung sind.
3. Bei fast jeder Manifestation wird man in den Katalogisaten der Verbünde/der DNB teils gravierende Abweichungen voneinander finden. (Zu dieser These siehe weitere Beispiele weiter unten.)
4. Die überraschend große Uneinheitlichkeit der Titelaufnahmen kann nicht allein am neuen Regelwerk und dessen für Deutschland ungewohntes Vorgehen des „cataloger’s judgment“ liegen. Vielleicht werden Katalogisate in die Verbünde/auf die DNB-Website gegeben, ohne dass vorher ein Korrekturlesevorgang stattgefunden hat. Andere Bibliotheken der Verbünde übernehmen die Katalogisate automatisiert ohne weitere Prüfung. Weitere Abweichungen könnten über das Einspielen von Fremddaten (Buchhandel) entstehen.
5. Wenn ein Katalogisat erst einmal falsch in den Datenbanken der Verbünde/der DNB steht, wird es nur noch selten verbessert werden.

Hiermit beende ich im Prinzip diesen Post. Um aber die zugestandene Zufälligkeit der geprüften Titelaufnahmen auf ein wenigstens minimal breiteres Fundament zu stellen, habe ich mich zu einer weiteren Prüfung entschlossen. Hierzu habe ich, ohne die Titel und Katalogisate vorher zu kennen, folgendes Vorgehen gewählt: Ich habe die Titelnummern 1, 11, 21, 31 und 41 der Neuzugangsliste September/Oktober 2019 meiner Bibliothek in den Verbünden/der DNB geprüft. Das Ergebnis ist wie von mir erwartet. Hier liste ich die Differenzen in den Katalogisaten auf.

Titel 1: ISBN 978-3-658-00011-0.
Es scheint auf den ersten Blick für diese ISBN zwei Ausgaben zu geben! Denn wir finden Katalogisate mit Erscheinungsjahr 2012 und 213 Seiten (BVB Nr. 1, KOBV) und Erscheinungsjahr 2013 und 210 Seiten (BVB Nr. 2, DNB, Hebis). Aber warum gibt dann das HBZ in seinem Katalogisat das Erscheinungsjahr 2013 und 213 Seiten an, kombiniert also die beiden Angaben? Warum ist in der einen BVB-Aufnahme das Literaturverzeichnis für die Seiten [201] – 203 angegeben, bei der anderen BVB-Aufnahme für die Seiten [199] – 201, und in der HBZ-Aufnahme ebenfalls für die Seiten [199] – 201, obwohl diese Aufnahme denen des BVB ansonsten widerspricht? Und warum liefern SWB und GBV die folgende Angabe: [erschienen 2012]?
(Nebenbei: Hier handelt es sich um einen älteren Titel, die Differenzen können also nicht an RDA liegen.)

Titel 11: http://d-nb.info/1162230061. ISBN gibt es nicht.
Es liegen drei Katalogisate vor. Das Werk hat vier persönliche Verfasser. DNB und Hebis listen sie in der korrekten Reihenfolge auf. Der SWB nennt nur einen persönlichen Verfasser [und 3 andere]. Die drei anderen sind also dort nicht recherchierbar. Das Problem dabei: Der SWB gibt nicht denjenigen Verfassernamen an, der in der Vorlage und bei den beiden anderen Katalogisaten zuerst gelistet ist, sondern den zweiten Verfassernamen der Vorlage! Im SWB sind also nicht nur „weitere“ persönliche Verfasser nicht recherchierbar, sondern es ist auch der in der Vorlage zuerst genannte persönliche Verfasser nicht recherchierbar!

Titel 21: ISBN 978-1-4398-9571-9.
Es liegen vier Katalogisate vor. Angaben für den Verlag: CRC Press (SWB, HBZ), CRC Press Taylor & Francis Group (Hebis), CRC Press, Taylor & Francis (GBV). Angaben für die Seitenzahl: XV, 240 S. (SWB, Hebis, HBZ), XIII, 240 S. (GBV).

Titel 31: ISBN 978-0-691-18037-3.
Es handelt sich um ein aus zwei Bänden bestehendes Set, das in vier Verbünden katalogisiert ist. BVB, Hebis und SWB liefern Katalogisate des Gesamtwerks und der beiden Einzelbände, aus dem Katalogisat des GBV geht hingegen nicht hervor, dass es sich um zwei Bände handelt, es fehlt also auch eine Seitenangabe. Das Werk hat zwei Verfasser; in der Aufnahme des Gesamtwerks des BVB werden sie aber als Übersetzer bezeichnet, nur der erste „Übersetzer“ ist zusätzlich als Verfasser angegeben. Das Erscheinungsjahr wird von BVB, SWB und GBV mit [2019] angegeben, von Hebis mit 2019.

Von Titel 41 gibt es bisher nur eine Aufnahme, sodass ein Vergleich nicht möglich ist, von Titel 42 gar keine, meine Bibliothek ist wohl im Alleinbesitz. Stattdessen habe ich Titel 43 gewählt: ISBN 978-3-89104-823-8.
Es gibt sechs Katalogisate. Einer der beiden Verfasser wird bei allen normiert angesetzt als „Liebel, Heiko“. In der Verantwortlichkeitsangabe wird der unnormierte Name der Vorlage „Heiko T. Liebel“ genannt von BVB, DNB und HBZ; dagegen nennen SWB und GBV in der Verantwortlichkeitsangabe „Heiko Liebel“, der KOBV verzichtet wie stets vollständig auf die Verantwortlichkeitsangabe. BVB, DNB und HBZ setzen das Erscheinungsjahr in eckige Klammern, SWB und GBV tun es nicht, KOBV auch hierbei wieder außen vor. Als Seitenzahl werden angegeben von BVB, DNB und HBZ 320 Seiten, von SWB, GBV und KOBV aber 432 Seiten!

Verfasst von: haferklee | 19. November 2019

Stadtbibliotheken, aufgemerkt!

Ist Euch das eigentlich klar? In den Büchern, die Ihr arglos verleiht, geschehen ständig Dinge, die bei Euch verboten sind! Die Protagonisten der Bücher machen, was sie wollen und kümmern sich keinen Deut um Eure Benutzungsordnungen. Hier drei Beispiele.

Walter Moers lässt Hildegunst von Mythenmetz, den Ich-Erzähler seines Buchs „Ensel und Krete – ein Märchen aus Zamonien“, gestehen:

Mir gegenüber, auf der langen Fensterbank aneinandergereiht, steht meine Referenzbibliothek … Dort befindet sich auch das Zamonische  Namensregister. Zwei Bekenntnisse: Ja, ich entlehne ihm gelegentlich die Namen meiner Romangestalten, und ja, ich habe es aus der öffentlichen Bibliothek entwendet, denn es ist nicht im Buchhandel erhältlich.

Gibt es etwas schlimmeres, als Bücher aus der Bibliothek zu klauen? Gibt es, nämlich das, was Maxwell anstellt, der Protagonist in Matt Ruffs Roman „G.A.S. – Die Trilogie der Stadtwerke“:

Irgendwie schlug er sich durch. … Maxwell [hatte] mittlerweile sogar eine Art Beruf für sich gefunden – unbezahlt zwar, aber befriedigend, ja geradezu faszinierend.
Er verstellte Bücher in öffentlichen Bibliotheken.

Und zwar vor allem Bücher, in denen erotische Bilder enthalten sind.

Während Walter Moers‘ Erzähler möglicherweise noch leise Skrupel ob seines Diebstahls empfindet, kennt Markus Cheng, der Held in Heinrich Steinfests Roman „Ein sturer Hund“, so etwas nicht:

Cheng hatte [das Buch] vor einiger Zeit aus der Stadtbücherei entliehen und später vorgegeben, es verloren zu haben. Einfach aus dem Grund, da er keinen Band auf dem freien Markt hatte auftreiben können. Daß sein Vorgehen unkorrekt war, nahm er gelassen hin. Reuelos.

Liebe Stadtbibliotheken, wäre es nicht vielleicht besser, solche Stellen in Euren Beständen zu schwärzen? Bevor sie als Handlungsanleitung aufgefasst werden?

[Und wer zum echten Tatort Bibliothek alles wissen möchte, liest hier weiter.]

Verfasst von: haferklee | 28. Oktober 2019

Neue Schädlinge in Bibliotheken und Archiven

I.
Bettwanzen, wissenschaftlich Cimex lectularius, sind ziemlich unangenehme Gesellen. Sie leben als typische Kulturfolger in menschlichen Wohnungen, vor allem Schlafstätten, und ernähren sich vom Blut der dort lebenden Menschen. Als Kosmopoliten sind sie im Prinzip nahezu weltweit vertreten, aber, schreibt das Deutsche Ärzteblatt, „Vor 30 Jahren waren Bettwanzen fast ausgestorben, derzeit verbreiten [sie] sich als Folge von Globalisierung und Resistenzen gegen Insektizide rasant“; siehe auch hier. Es gibt diverse Übertragungswege. Meist holt man sich die Viecher in bereits befallenen Hotelzimmern oder Ferienwohnungen. Fast alle Pilger des Jakobswegs haben Bekanntschaft mit den Blutsaugern gemacht. Und auch auf den Berghütten in den Alpen sind sie zu einem ernsten Problem geworden.

Einiges davon war mir bekannt. Ich war aber sehr überrascht, als ich auf die vor kurzem erschienene „Bettwanzen-Fibel“ von Oliver Zompro stieß und in dessen Inhaltsverzeichnis ein kurzes Kapitel zu Bibliotheken entdeckte. Der Verfasser weist darauf hin, dass Bücher gern im Bett, dem bevorzugten Aufenthaltsort dieser Insekten, gelesen werden und dann auch schon einmal beim Einschlafen darauf liegen bleiben.

In einem Haushalt mit Befall werden sie [die Bücher] dann leicht zur neuen und komfortablen Behausung. So kommt es, daß wir mittlerweile auch befallene Bücher in Stadtbibliotheken finden.

Zompro gibt dann Handlungsanleitungen für den Umgang mit aus Bibliotheken entliehenen Büchern:

– In sorgfältig verschlossenen Plastiktüten transportieren;
– Zu Haus in einer glatten Dose oder Schale aus Metall, Keramik oder glattem Kunststoff aufbewahren;
– Entlang des Buchdeckels mit einer Zahnbürste gründlich abbürsten;
– Keinesfalls über Nacht im Bett liegen lassen. Und schließlich:

Falls Sie in einem ausgeliehenen Buch Bettwanzen finden, so informieren Sie bitte umgehend die ausleihende Bibliothek. Schweigen führt nur zu einer noch schnelleren Ausbreitung der Wanzen.

Ich war nach der Lektüre so verblüfft wie erschüttert. Verblüfft, weil ich noch nie vom Auftreten von Bettwanzen in einer deutschen Bibliothek gehört habe. Erschüttert, dass diese Art der Ausbreitung überhaupt möglich ist. Aber nicht nur der Schädlingsbekämpfer Zompro behauptet das. Auch sein Kollege Mario Heising sagt es in dieser Sendung des „Deutschlandfunk Kultur“ klipp und klar:

Mit Büchern aus Bibliotheken ist das auch schnell eingeschleppt.

Übrigens kommen nicht nur aus Bibliotheken entliehene Bücher als Überträger von Bettwanzen infrage. Das gilt natürlich ebenso für im Internet bestellte, in Antiquariaten gekaufte oder aus offenen Bücherregalen entnommene Bücher. Da tröstet Zompros Bemerkung kaum, dass Bettwanzen kein akzeptabler Grund seien, Bücher zu meiden. (Alle Zitate auf Seite 97 seines Buchs.)

Bettwanze. CDC/ Donated by the World Health Organization, Geneva, Switzerland, gemeinfrei

II.
Im März 2017 wurde wohl erstmals in Deutschland – über den Kreis von Fachleuten hinaus – in der Presse über eine andere, ebenfalls als Schädling anzusehende Insektenart berichtet, die Papierfischchen (Ctenolepisma longicaudata). „Archivalia“ hat das Thema mehrfach aufgegríffen und auf weitere Berichte hingewiesen. Papierfischchen sollten, was sicher oft geschieht, nicht verwechselt werden mit den allseits bekannten Silberfischchen. Sie ernähren sich, wie ihr Name sagt, unter anderem von Papier, weshalb sie nennenswerte Fraßschäden in Archiven und Bibliotheken anrichten können. Mehrere Einrichtungen haben inzwischen von ihren Erfahrungen bezüglich Befall und Bekämpfung berichtet. Insbesondere die Ausgabe 4/2018 der Zeitschrift „Archivar“ beschäftigt sich in drei Beiträgen ausführlich mit diesen Tieren. Festzuhalten ist deren erstaunliche Karriere: Wohl erst 2007 erstmals in Deutschland nachgewiesen, sind sie zum einen inzwischen recht verbreitet, und werden zum anderen mittlerweile in der hiesigen Fachwelt argwöhnisch beobachtet.

Papierfischchen. Bj.schoemmakers, cc0

III.
Nein, meine Bibliothek ist noch nicht von Bettwanzen befallen. Ja, vor etwa zwei Jahren haben wir erstmals Papierfischchen gefunden. Da in unserem Haus Entomologen beschäftigt sind, hatten wir schnell Sicherheit bezüglich der Artbestimmung. Nachdem wir immer mal wieder Exemplare in der Bibliothek und in unseren Büros fanden (meist übrigens an den Wänden, hinter Bildern oder Kalendern versteckt), bald danach auch in anderen Bereichen unseres Hauses, unter anderem der Registratur, konnten wir die Verwaltung überzeugen, einen Kammerjäger zu beauftragen. Allerdings hatten wir keinen Einfluss auf dessen Auswahl. Der Kammerjäger war ein vollständiger Fehlschlag. Er hatte keine Ahnung von Papierfischchen und warf sie in einen Topf mit Silberfischchen. Er legte im Haus etwa 30 Fallen mit wohl auf letztere ausgerichteten Ködern aus, in die sich während der nächsten Wochen nicht ein einziges Tier verirrte. Geändert hat sich nichts: Gelegentlich finden wir einzelne Exemplare, zu einer massenhaften Vermehrung ist es noch nicht gekommen, und Schäden am Bestand oder überhaupt nur einen Fund im Bestand haben wir bisher nicht festgestellt.

IV.
Bettwanzen und Papierfischchen sind auf unterschiedliche Weise schädlich. Die Papierfischchen greifen den Bestand an, sind Menschen gegenüber aber harmlos. Bettwanzen dagegen haben kein Interesse an Papier. Sie halten sich dort höchstens zeitweilig auf, benötigen aber das Blut von Menschen, was zu gesundheitlichen Problemen führen kann.

Kein Wunder also, dass die archivische Welt auf die Ausbreitung von Papierfischchen nervös reagiert. Zumindest Stadtbibliotheken, die ihren (normalen) Bestand in absehbarer Zeit umschlagen, kann das, zumindest in dieser Hinsicht und etwas überspitzt gesagt, fast egal sein. Anders bei Bettwanzen. Sie greifen den Bestand nicht an, er ist lediglich ein Übertragungsweg. Da Archive ihre Bestände nicht außer Haus geben, dürften sie erheblich weniger durch einen Bettwanzenbefall gefährdet sein als Bibliotheken. Unmöglich ist das aber nicht. Bettwanzen werden in Bibliotheken nicht nur über Bücher aus befallenen Haushalten eingeschleppt, sondern auch über die Kleidung von Nutzern, und das ist auch in Archiven möglich. Ein Bettwanzenbefall in Bibliotheken ist übrigens nicht nur für die Nutzerinnen und Nutzer ein Problem, sondern genauso für die Beschäftigten. Denn wenn das Gebäude erst einmal befallen ist, ist die Gefahr auch für letztere groß, sich die Viecher in den Privathaushalt zu holen.

V.
Wie verbreitet sind Bettwanzen aber nun wirklich in Bibliotheken? Anscheinend ist für Deutschland noch kein Befall dokumentiert. Zumindest eine oberflächliche Internetrecherche (sprich Google-Suche; nebst ständiger Lektüre der Fachliteratur) liefert keine Hinweise. Oder handelt es sich hier (noch) um ein Tabu?

Denn geben Sie doch einfach mal die Worte „bed bug“ und „library“ in eine Suchmaschine ein und schauen Sie sich die Trefferliste an. Als einziges von vielen Beispielen daraus, sei auf diesen Artikel der „New York Times“ aus dem Dezember 2012 [!] hingewiesen, der ausführlich die Situation in amerikanischen Bibliotheken beschreibt und auch einen Bettwanzen-Spürhund zeigt. Hat man den Artikel gelesen, weiß man, dass da noch etwas auf deutsche Bibliotheken zukommen könnte.

VI.
Zwei persönliche Nachsätze.
Ich finde, dass auch für Laien Papierfischchen leicht von Silberfischchen zu unterscheiden sind, zumindest, wenn es sich um ausgewachsene Exemplare handelt. Denn es ist so: Immer wenn du denkst, was das da denn für ein riesiges Silberfischchen ist, wenn du dann überlegst, wie das Tier an seine irre langen Tentakel gekommen sein mag und du dich fragst, ob hier eventuell ein gentechnisches Experiment aus dem Ruder gelaufen sein könnte – dann ist es ein Papierfischchen.

Die Beschäftigung mit diesen kleinen Viechern, insbesondere mit Bettwanzen, kann leicht zu paranoiden Angstanfällen führen. 😉

Verfasst von: haferklee | 8. September 2019

Die Bibliothek im Möbelhaus

Keine Geschichte des Lesens – auch nicht die von Alberto Manguel – nennt jenen Ort, an dem Bücher ihren Warencharakter längst verloren haben und einzig und allein das literarische Leben unserer Gesellschaft zu repräsentieren versuchen: das Möbelhaus!

So beginnt Dietger Pforte seine 2002 erschienene, kurze Betrachtung, der er den Titel „Die Bibliothek im Möbelhaus – eine Simulation“ gegeben hat. Sie scheint auch seither die einzige Veröffentlichung zu diesem Thema geblieben zu sein; ich zumindest habe keine andere auftreiben können. Pfortes Text kann also durchaus als einzigartig bezeichnet werden. Nur eine Publikation zu einem Gegenstand, den doch alle kennen, das ist höchst ungewöhnlich. Anlass genug, sich den leicht ironischen, aber wohl wenig bekannten Text noch einmal genauer anzuschauen und auf seine Aktualität zu prüfen.

Aber der Reihe nach. Mein erster Besuch eines Möbelhauses fand gegen Ende der 70er Jahre im damals recht neuen Ikea-Möbelhaus in Köln statt. Was ich, ohne auch nur einmal vorher darüber nachgedacht zu haben, erwartet hatte, trat auch ein: Die Billys, die man sich damals gerade eben leisten konnte, und auch die anderen, teureren Regale waren mit Büchern gefüllt. So war es seither auch in jedem anderen Möbelhaus. Für mich bedeutete das eine große, zeitraubende und für meine Begleitungen manchmal nervige Ablenkung vom eigentlichen Zweck des Besuchs. Ich hatte Mühe, meine Blicke von den Buchrücken abzuwenden, schaute, welche Titel ich wiedererkannte oder ob ich Anregungen für künftige Lektüre bekommen konnte.

… vom kleinen Glück in großen Möbelhäusern …

nennt Pforte dieses Gefühl, und beschreibt das, was auch ich immer wieder empfunden habe, so:

Klar, zumeist ist es Ramsch, der als geistige Ware präsentiert wird. Aber: zwischen dem Ramsch steht immer wieder ein Buch, das man schon lange gesucht und in keinem Antiquariat gefunden hat. … Und selbstverständlich findet man in Möbelhäusern auch Bücher, die man gar nicht sucht, weil man sie nicht gekannt hat, die man aber, sieht man sie, unbedingt besitzen möchte.

Wie enttäuscht war ich dagegen stets, wenn ich auf statt auf Bücher auf simple Buchattrappen stieß. Ich habe dieses Möbelhaus dann geradezu verachtet! Pforte schreibt dazu:

Ein gut geführtes Möbelhaus arbeitet nicht mit Buchattrappen. Es arbeitet – II. Klasse – mit Remittenden oder – I. Klasse – mit alten Büchern, die es zentnerweise von den Bücherhalden unserer Edelantiquare abgetragen hat.

„Ganze Bibliotheken sind in Möbelhäusern zu finden“, stellt Pforte fest:

In Möbelhäusern kennt man noch den Wert des Buches, hält man das Buch noch hoch! Weshalb läßt die Literatursoziologie dieses weite Feld der Forschung brach liegen? Weshalb hat die Bibliothekswissenschaft dieses Prolegomenon einer Bibliothek nie beachtet?

Wenn auch die Bücher in Möbelhäusern keinen unmittelbaren Warencharakter besitzen, denn zum Verkauf stehen sie ja nicht, so haben sie doch eine Funktion, eine außerliterarische, nämlich „für den Kauf von Bücherregalen und -schränken zu werben.“ Was aber, wenn man nun eines jener Bücher erwerben möchte? Pforte hat es offensichtlich mehrmals versucht und beschreibt amüsiert das zunächst hoffnungsvoll strahlende Gesicht des Geschäftsführers, der vom ratlosen Verkäufer wegen eines besonderen Kundenwunsches gerufen wurde und dessen Stimme dann ins Hoffnungslose absinkt: „Ach, dieses Buch?“ Die andere Möglichkeit: Laut Pforte scheint es nahezu unproblematisch zu sein, ein Buch einfach mitzunehmen: „Am Ausgang von Möbelhäusern achten Hausdetektive nicht auf Bücher in den Händen der Hinauseilenden.“

Es stellt sich nun die Frage, ob Pfortes vor 17 Jahren veröffentlichter Text noch aktuell und gültig ist. Denn unsere Gesellschaft wandelt sich. Ich kann mir, da jetzt alle Antiquare ihre Ware im Internet anbieten, nicht mehr vorstellen, in einem Möbelhaus auf ein Buch zu stoßen, das auf andere Art nicht aufzutreiben ist. Und dann die Entwicklung von Röhrenfernsehgeräten hin zu riesigen Flatscreens mit Dolby-Surround und Heimkinoanspruch. Sind also Wohnzimmer in Möbelhäusern heute immer noch so eingerichtet wie vor zwanzig oder vierzig Jahren, mit Bücherregalen, in denen Bücher stehen? Oder beherrschen Plasmabildschirme die Wände, und Bücher sind marginalisierte Objekte geworden? Zeit also mal wieder für einen Besuch im Möbelhaus! Genau die, nämlich die Zeit dafür, fehlt mir jedoch. Macht aber nichts, denn die großen Einrichtungshäuser präsentieren ihre Einrichtungsvorschläge natürlich heutzutage in Online-Shops.

Mein erster virtueller Besuch galt, wie damals in realiter, Ikea. Und zu meiner großen Verblüffung scheint bei Ikea, eigentlich doch der Vorreiter modernen Wohnens, die Welt noch in Ordnung zu sein. Alles sieht noch so aus, wie ich es aus der Zeit vor der Digitalisierung kenne:

Quelle: Ikea-Website, zuletzt aufgerufen am 08.09.2019

Ob wohl die Firma mit ihren Kunden gealtert ist?

Ganz anders dagegen bei zwei anderen, willkürlich ausgewählten Möbelhäusern. Beginnen wir mit „Porta! Möbel“. Der zuerst aufgeführte Einrichtungsvorschlag in der Rubrik „Wohnwände“ sieht so aus:

Wohnwände Quelle: Porta-Website, zuletzt aufgerufen am 08.09.2019

Passend dazu heißt es auf der Seite „Wohnzimmer“: „Dieser Raum dient als Rückzugsort und fungiert gleichzeitig als ein Spiegel Ihrer Persönlichkeit, in welchem Sie Besucher empfangen und sich den ganzen Tag über häufig aufhalten. … Neben einem gemütlichen Sofa und einer eventuellen Heimkino-Anlage entscheiden unter anderem Stauraum und Design über den Wohlfühlfaktor.“
Quelle: Porta-Website, zuletzt aufgerufen am 08.09.2019.

Eine Spur konventioneller, aber ebenfalls fast völlig ohne Bücher sieht es in den sechs Wohnzimmer-Einrichtungsvorschlägen bei „Möbel Hausmann“ aus:

Quelle: Website Möbel Hausmann, zuletzt aufgerufen am 08.09.2019

Also doch: Wenn sich Literatursoziologie und Bibliothekswissenschaft bisher nicht um das Phänomen von Büchern in Möbelhäusern gekümmert haben, wenn, um noch ein letztes Mal Dietger Pforte zu Wort kommen zu lassen, „… der Börsenverein für den Deutschen Buchhandel nicht [hat] erheben lassen, wie viele Bücher alljährlich ausschließlich zu dem Zweck gekauft werden, die frisch erworbene Schrankwand ansehnlicher zu gestalten“: Jetzt brauchen sie alle es auch nicht mehr tun!

Quelle: Pforte, Dietger: Die Bibliothek im Möbelhaus – eine Simulation.
In: Jammers, A.; Pforte, D. & Sühlo, W. (Hrsg.): Die besondere Bibliothek oder: Die Faszination von Büchersammlungen. – S. 255-257.
München: Saur, 2002. – ISBN 3-598-11625-X.
Der einzige mir bekannte, kurze Verweis auf Pfortes Text findet sich im Jahrbuch der Schiller-Gesellschaft 2014:
Barnert, Arno: Sammelbehälter der Moderne. Buchattrappen und Scheinbücher im Deutschen Literaturarchiv Marbach. S. 449-460.

 

 

Sehr empfehlenswert, wenn auch ohne die Erwähnung von Bibliotheken in Möbelhäusern:

 

 

Verfasst von: haferklee | 12. Juni 2019

Anne Frank in der Bibliothek

Mir ist nicht bekannt, ob Anne Frank, die heute vor 90 Jahren geboren wurde, jemals in einer öffentlichen Bibliothek war. Denn sie musste ja bereits als Vierjährige mit ihren Eltern nach Amsterdam flüchten. Das ist auch nicht wichtig und spielt keine Rolle. Aber in ihrem Tagebuch, das sie während der Zeit des Verstecks in der Prinsengracht führte, nennt sie an einer Stelle Bibliotheken auf eine sehr bemerkenswerte Weise. Im Eintrag vom Donnerstag, den 06. April 1944, spricht sie über ihre Interessen und notiert:

Mein drittes Hobby ist dann auch Geschichte. Vater hat schon viele Bücher für mich gekauft. Ich kann den Tag fast nicht erwarten, an dem ich in den öffentlichen Bibliotheken alles nachschlagen kann.*

Wie viel Hoffnung in diesem Satz steckt, obwohl Anne Frank da schon fast zwei Jahre im Versteck lebte! Und wie tief deprimierend er angesichts ihres weiteren  Schicksals wirkt.
Die Sentenz, im bibliothekarischen Umfeld wohl kaum beachtet,  ist meines Erachtens gut geeignet als Aufhänger für eine Diskussion über die Rolle und den Stellenwert von öffentlichen Bibliotheken in demokratischen Gesellschaften.

Rekonstruktion der Bücherregal-Tür zum Versteck der Familie Frank im Hinterhaus der Prinsengracht 263 in Amsterdam.
Bildautor: Bunglehttps://creativecommons.org/licenses/by-sa/3.0/deed.en

*Zitiert nach der von Otto Frank und Mirjam Pressler herausgegebenen, sogenannten Zweiten Fassung, auf deutsch erstmals 1988 bei S. Fischer erschienen, hier vorliegend in der 1998 als Fischer Taschenbuch erschienenen Ausgabe, Seite 240.

Verfasst von: haferklee | 11. Juni 2019

Und das Internet vergisst doch!

Der amerikanische Schriftsteller und Journalist Allen Kurzweil trägt, zumindest in deutscher Sprache, einen für einen Menschen der schreibenden Zunft sehr hübschen Nachnamen, gemäß dem Schema Zahnarzt Dr. Bohrer oder Bibliothekar Konrad Umlauf. Von ihm stammt der Roman „Die Leidenschaften eines Bibliothekars“, im Original im Jahr 2001 erschienen unter dem Titel „The grand complication“. Viel mehr als der etwas verschrobene Roman selbst (Inhaltsangabe) ist mir eine – bestimmt arglos geschriebene – Amazon-Kundenrezension zu diesem Buch im Gedächtnis geblieben, die ich höchst amüsant finde:

Das Buch … ist insofern etwas Besonderes, weil es dem Autor gelingt, der Figur eines Bibliothekars Spannung und Originalität abzugewinnen.“

Kann also was, der Autor! Wird hier die Regel wieder einmal durch die Ausnahme bestätigt, liebe Kollegen?

Mein Problem dabei: Ich kann diese aparte Feststellung nicht belegen, da ich mir vor vielen Jahren, als ich sie gelesen habe, die URL nicht notiert habe. Und gemeinsam mit der bei Luchterhand erschienenen Originalausgabe, die nicht mehr angeboten wird, scheint auch diese Kundenrezension aus dem Internet verschwunden zu sein. Aber die Formulierung ist doch einfach zu schön, um sie gänzlich in Vergessenheit geraten zu lassen!

Allen Kurzweil

Allen Kurzweil – an image provided by Allen Kurzweil, CC BY-SA 3.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=17462458

Verfasst von: haferklee | 26. Mai 2019

Bibliotheken und Gärten

Haben Bibliotheken und Gärten etwas gemein? Ich kenne zwei Bonmots, in denen sie in Beziehung gesetzt werden.

Das erste Zitat stammt von dem berühmten römischen Philosophen und Konsul Marcus Tullius Cicero und ist recht bekannt. Cicero wusste, was Menschen glücklich macht. In einem Brief schrieb er:

Si hortum in bibliotheca habes, deerit nihil.*

Der Satz bedeutet in wörtlicher Übersetzung: “Wenn du in deiner Bibliothek einen Garten hast, wird dir nichts fehlen.” Die Sentenz wird aber meistens leicht abgewandelt zitiert: „Wenn du einen Garten und eine Bibliothek hast, wird dir nichts fehlen.“

Hier stehen Bibliotheken und Gärten also ergänzend nebeneinander.

https://digi.ub.uni-heidelberg.de/diglit/cicero1477/0181
*(Cicero: Epistulae ad familiares IX, Brief 4 ad Varr.; letzter Satz vor dem neuen Kapitel.)

Anders bei Johannes Roth. Er hat Gartenkolumnen für die FAZ verfasst und einige Gartenbücher veröffentlicht. Roth meint:

Der Garten ist immer in Bewegung, wie die Bibliothek, die nicht nur wächst, sondern das Hinfällige wieder abstößt.*

Ob der direkte Vergleich wirklich passt? Ich bin nicht sicher. Und welchen Typ Bibliothek hat Johannes Roth dabei vor Augen? Davon einmal abgesehen, erleben Bibliotheken auch keine Jahreszeiten. Wenn ich meinen eigenen Garten im Sommer und im Winter anschaue und vergleiche, hoffe ich, dass keine Bibliothek einen solchen Wandel erleben muss.

*Zuerst erschienen in „Die neue Gartenlust : dreiunddreißig Blumenstücke und Anleitungen zur gärtnerischen Kurzweil“, mehrere Ausgaben im Insel Verlag. Von mir zitiert nach der Zweitverwertung „Gartenlust im Frühling“, Berlin 2012, ISBN 978-3-458-19353-3, Seite 32.

Lustiges PS.: „Die neue Gartenlust“ hat bei Amazon die folgende, unfreiwillig komische Rezension: „Das Buch ist lustvoll geschrieben um sich viele Ideen beim Garteln zu holen. Herr Roth ist mit seiner Frau sehr kreativ.

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