Verfasst von: haferklee | 6. Juli 2017

Das Bücherregal für Geologie

http://www.politicalcartoons.com/cartoon/5e5a5b0c-8385-485f-8aba-e96b4fe9d705.html

Leider gab es das wegen der Geologie auch schon in Wirklichkeit, siehe
https://haferklee.wordpress.com/2010/09/18/erdbeben-in-christchurch/

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Verfasst von: haferklee | 4. Juli 2017

Ein Türschlüssel im Schriftentausch?

„Im Rahmen unseres Schriftentausches senden wir Ihnen die aktuellen Neuerscheinungen unseres Hauses“, lese ich in dem Brief, der dem Päckchen mit mehreren Printpublikationen beiliegt. Aber was ist denn das kleine Ding da, das zwischen den Bänden hervorlugt? Haben die etwa versehentlich einen Türschlüssel mit eingepackt?

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Ich drehe die kleine Folientasche um …
Ach so! Es handelt sich um einen USB-Stick, auf dem eine der Neuerscheinungen, ein Tagungsband, gespeichert ist. Nicht, dass ich bisher noch nie einen Stick gesehen hätte. Aber im Schriftentausch habe ich bisher tatsächlich keinen erhalten.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Und ich empfinde die Lösung, die gefunden wurde für den Konflikt zwischen einerseits dem Wunsch der Vermeidung einer dicken Printpublikation und andererseits der Zugänglichmachung für Schriftentauschpartner, als nicht glücklich.

 

 

 

Verfasst von: haferklee | 29. Juni 2017

Die Bibliothek als Alibi für ein Rendezvouz

Welches Alibi gibt ein halbwüchsiger, in New York lebender Junge einem Freund, der heimlich seine Freundin besuchen möchte, wenn die Mutter fragt, wo er ist?

„Sag ihr, ich musste noch in der Schule bleiben oder so was.“
„Dann glaubt sie, du hast Ärger.“
„Na und?“
„Na, ich will nicht, dass sie in der Schule anruft und sich nach dir erkundigt.“
„Sag ihr, ich bin im Kino.“
„Dann will sie wissen, warum ich nicht mitgegangen bin. Ich kann doch sagen, du bist in der Bibliothek.“
„Was für eine lahme Ausrede.“
„Okay“ … Er zuckte die Achseln. „Das Hauptgebäude ist bis sieben Uhr abends geöffnet“, sagte er in seinem ausdruckslosen, fast matten Ton. „Aber ich muss ja nicht wissen, in welcher Zweigstelle du bist, wenn du vergessen hast, es mir zu sagen.“*

Das Zitat entstammt dem Roman „Der Distelfink“ von Donna Tartt, ein Werk, in dem die Autorin an anderer Stelle einer Romanfigur die folgende Frage in den Mund legt:

„Stimmt es, was man sagt, dass junge Leute heutzutage einen Abschluss machen können, ohne je einen Fuß in die Bibliothek gesetzt zu haben?“

In diesem Roman ist an mehreren Stellen von Bibliotheken ganz selbstverständlich die Rede. Selbst ein Musikbibliothekar kommt vor, und dieses Wort habe ich in einem literarischen Werk zum ersten Mal gelesen.

*Tatsächlich, zu meiner großen Überraschung: Die meisten Zweigstellen der berühmten NYPL haben (nur!) bis 19 Uhr geöffnet.

„Der Distelfink“ (1654). Gemälde von Carel Fabritius, Königliche Gemäldegalerie Mauritshuis, Den Haag. Public Domain.

Verfasst von: haferklee | 14. Juni 2017

Für Menschen wie sie gibt es eigentlich nur einen Beruf!

In dieser Woche läuft im Kino der Film „Der wunderbare Garten der Bella Brown“ an. In den Filmkritiken wird die Titelheldin so beschrieben:

  • „bisschen schrullig, … lebt ganz allein in ihrem kleinen Reihenhäuschen“ (Carsten Beyer, Kulturradio RBB)
  • „liebt sie Ordnung über alles … neurotische[n] Person … sonderbarer Sonderling“ (Antje Wessels, Quotenmeter.de)
  • hat „Angst vor der Natur … und vor Unordnung im Allgemeinen“ (ES, Moviepilot)
  • „sonderlichsten aller Sonderlinge … liebenswert scheu und jegliche Kontakte größtenteils vermeidend“ (Britta Schmeis, epd-film)
  • „Mensch[en] mit allerlei Zwängen … sortiert alles akribisch“ (Annekatrin Liebisch, Radio Köln)
  • „ziemlich spleenig: eine gehemmte Einzelgängerin, … die ihr Leben nach festen Regeln gestaltet“ (Gaby Sikorski, Programmkino)
  • „a woman with an obsessive-compulsive touch inside her small home“ (Neil Genzlinger, New York Times)
  • „an oddball loner“ (Katie Walsh, LA Times)

Und so geht es immer und immer weiter. Wir wissen es natürlich längst und benötigen das alles zusammenfassende Fazit des „Filmdienst“ gar nicht:

  • „Ordnung und Sicherheit gehen ihr über alles. Für Menschen wie sie gibt es eigentlich nur einen Beruf: Bella ist Bibliothekarin.“ (Anonym, Filmdienst)

Wie aber wird der berufliche Alltag in der städtischen Bibliothek dargestellt? So:

  • „verrückte Figuren wie eine verhärmte Büchereileiterin mit Keksleidenschaft“ (nochmals Antje Wessels)
  • „Job in einer Bibliothek, die ebenfalls seltsam altmodisch wirkt“ und schließlich
  • „Tagsüber sortiert sie unter dem strengen Blick ihrer Chefin, die wahlweise über Schilder oder durch ein Megafon zur Ordnung ruft, Bücher.“ (Beide Zitate im Filmdienst)

Na dann viel Spaß im Kino, liebe Kolleginnen und Kollegen!

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Jessica Brown-Findlay, die Hauptdarstellerin der Bella Brown.

Fotograf: Ian Smith, cc by-nc-nd/2.0/

 

 

 

 

 

Verfasst von: haferklee | 7. Juni 2017

Wären Sie lieber Hollywood-Schauspieler oder Bibliothekar?

Diese Frage ist, wenn man es glauben soll, wohl mal einem Teil der britischen Bevölkerung gestellt worden. Das Ergebnis:

Anteil der Briten, die sich vorstellen können, ihr ganzes Leben als Hollywood-Schauspieler zu arbeiten, in Prozent: 31

Anteil der Briten, die sich vorstellen können, ihr ganzes Leben als Bibliothekar zu arbeiten, in Prozent: 54

Meine Quelle für diese Angaben: Die Ausgabe 4/2017 der Zeitschrift „brand eins“.
Quelle der „brand eins“ für die Umfrageergebnisse: keine.

 

Verfasst von: haferklee | 30. Mai 2017

Da ist es: das Bibliotheksklischee in Japan

Wir deutschen Bibliothekswesen neigen ja zu einer gewissen Überbeschäftigung mit dem uns häufig zugeschriebenen Langweiler-Klischee in Literatur und Medien 😉 Ob das in anderen Kulturen ähnlich ist? Ich bin jetzt erstmals auf ein Zitat aus der japanischen Literatur gestoßen, in dem genau dieses Klischee bedient wird:

Ich döste ein, und als ich nach einer halben Stunde wieder aufwachte, las ich während der restlichen Zugfahrt in der Jack-London-Biographie, die ich in einem Buchladen in Hakodate erstanden hatte. Verglichen mit dem bewegten Leben dieses Schriftstellers wirkte meines verschlafen wie das eines Eichhörnchens, das in einer hohlen Eiche auf einer Walnuss dösend auf den Frühling wartete. Zumindest zeitweilig kam es mir so vor. Aber so sind Biographien nun einmal. Wer wäre denn auch am friedvollen Leben und Streben eines gewöhnlichen Angestellten der Stadtbücherei von Kawasaki interessiert?

Es stammt aus dem Roman „Tanz mit dem Schafmann“ von Haruki Murakami. Ich war höchst verblüfft, denn Murakami hat mit seiner Erzählung „Die unheimliche Bibliothek“ ein so ungewöhnliches wie originelles Werk fern jeden Bibliotheksklischees geschaffen. Aber auch einem so schätzenswerten Schriftsteller wie ihm unterläuft das wohl irgendwann einmal … Da kann man wirklich nichts machen.

Haruki Murakami: Tanz mit dem Schafsmann. Köln: Dumont, 2002. S. 35-36.

Bis 2016 ging man davon aus, dass das Wort und der Begriff „Ökologie“ von dem Zoologen Ernst Haeckel geprägt, also in die deutsche Sprache (und in der Folge auch in den internationalen Wissenschaftsdiskurs) eingeführt wurde. In seinem 1866 erschienenen, zweibändigen Werk „Generelle Morphologie der Organismen“ lieferte er eine immer wieder zitierte und bis heute wirksame Definition.

Das Bundesamt für Naturschutz veröffentlichte vor einigen Monaten ein umfangreiches Schwerpunktheft der hauseigenen Zeitschrift „Natur und Landschaft“ zum Thema „150 Jahre Ökologie“. Der Biologe und Philosoph Georg Toepfer gibt in seinem darin befindlichen Beitrag „Von der Naturgeschichte zur Ökologie (1750-1900)“ einen historischen Abriss dieser Disziplin, und er liefert für das Jahr 1859 einen ersten Nachweis zur Verwendung des Wortes vor Haeckel in französischer Sprache (l’oecologie). Mein Kollege Rainer Koch und ich haben nun drei weitere Belege aus den Jahren 1838 bis 1850 gefunden, die darauf hinweisen, dass das Wort bereits Jahrzehnte vor der vermeintlichen Prägung durch Ernst Haeckel mit einer anderen Bedeutung in deutscher Sprache  gebräuchlich war.

Auch für das Wort und den Begriff „Artenschutz“ haben wir eine wesentlich frühere Verwendung als bislang bekannt nachweisen können. Während bisherige Belege auf eine Erstverwendung um das Jahr 1935 hindeuteten, zeigen unsere Funde den Gebrauch des Wortes und Begriffs bereits ab dem Jahr 1912.

Wir haben unsere Erkenntnisse im Heft 12/2016 der bereits genannten Zeitschrift „Natur und Landschaft“ auf den Seiten 587-589 closed access veröffentlicht. Im folgenden findet sich ein Postprint unseres Beitrags.


 

150 Jahre Ökologie – eine Naturwissenschaft prägt den Naturschutz : Anmerkungen zur Geschichte und Verwendung der Begriffe „Ökologie“ und „Artenschutz“

1 Ökologie

Toepfer (2016) gibt in seinem Beitrag „Von der Naturgeschichte zur Ökologie (1750-1900)“ in Heft 9/10 Bd. 91 von „Natur und Landschaft“ einen historischen Abriss zur Entstehung und zu den Anfängen der modernen Ökologie. Unter anderem berichtet er über die Wortschöpfung „Ökologie“ und die Prägung dieses Begriffs durch Ernst Haeckel im Jahr 1866. Toepfer vermutet aber auch, dass der Terminus zu dieser Zeit „offenbar in der Luft“ gelegen habe. Er belegt dies mit einer Verwendung des Wortes bereits im Jahr 1859 durch den französischen Philosophen und Archäologen Antoine Charma (1801-1869), der darunter allerdings etwas anderes als Haeckel verstand, nämlich „den Teil der Sozialanthropologie, der die menschliche Familie erforscht“ (Toepfer 2016: 401; vgl. Toepfers einschlägige Datenbank unter http://www.biological-concepts.com). Toepfers Vermutung können die Verfasser mit gleich drei weiteren Belegen für die Verwendung des Wortes „Ökologie“ vor Haeckel und noch vor Charma stützen, die zudem – im Gegensatz zum französischen Original von Charma – in deutscher Sprache verfasst sind.

Die älteste Quelle stammt bereits aus dem Jahr 1838 und findet sich in einem vielbändigen Werk mit dem Titel „Encyclopaedisches Wörterbuch der medizinischen Wissenschaften“, das von dem Medizinprofessor an der Berliner Universität Dietrich Wilhelm Heinrich Busch (1788-1858) und anderen medizinischen Kapazitäten herausgegeben wurde. Im 17. Band ist der Artikel zu „Hygieine“ [sic!] mit „V-r“ unterzeichnet; das Kürzel lässt sich im Verzeichnis der Mitarbeiter zu Beginn des Bandes als „Vetter, pract. Arzt zu Berlin“ auflösen. Vetter listet unter anderem die „Apparate der Hygieine“ auf und nennt als deren dritten Teil auf Seite 415:

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Bildunterschrift: Textausschnitt aus Vetter 1838: 415.

Die Verfasser können das Wort in einer zweiten, neun Jahre später erschienenen Quelle nachweisen, diesmal in dem von dem Historiker Wilhelm Binder (1810-1876) herausgegebenen Werk „Allgemeine Realencyclopädie oder Conversationslexicon für das katholische Deutschland“, also wiederum in einem größeren Lexikon. Darin stammt der mit „Gesundheitspflege“ überschriebene Artikel von Ernst Buchner (1812-1872); Buchner wird im Mitarbeiterverzeichnis als „k. Hofstabshebarzt und Privatdocent a. d. Universität München“ geführt. Sein Beitrag zählt die Mittel der Gesundheitspflege auf, darunter fällt als Abschnitt 3) die „Lehre von der gesundheitsgemäßen Anlage der Wohnungen (Oekologie)“ (Buchner 1847: 781).

Auch in Meyers „Großes Conversations-Lexicon für die gebildeten Stände“ findet sich das Wort. Bei dieser ersten Ausgabe des bekannten Meyerschen Lexikons handelt es sich um das umfangreichste Konversationslexikon des 19. Jahrhunderts. Innerhalb eines als „Hygieine“ benannten, nicht namentlich gekennzeichneten Artikels im 16. Band ist zu lesen: „III. Oecologie, die Lehre von der Anlage von Wohnungen“ (Anonym 1850: 269).

Das Wort „Ökologie“ ist also mehrfach in einem Zeitraum von knapp 30 Jahren vor Haeckels vermeintlicher Erstverwendung nachweisbar. Der damit verbundene Begriff zeigt aber eine deutlich andere Bedeutung: Er steht in einem humanmedizinisch-kulturellen Zusammenhang und lehnt sich an die eigentliche Bedeutung des ursprünglich altgriechischen Wortes für Haus (οἶκος) an. Dabei verblüfft die vollständige Übereinstimmung der drei Autoren. Alle zählen in exakt derselben Reihenfolge sieben „Apparate der Hygieine“ bzw. „Mittel der Gesundheitspflege“ auf, darunter eben die „Ökologie“, und erläutern sie mehr oder weniger ausführlich.

Die Aufnahme des Wortes in drei umfangreiche und bedeutende Allgemein- und Fachlexika legt weitere und zeitlich parallele oder sogar frühere Verwendungen in anderen wissenschaftlichen Publikationen sehr nahe. Begriffe werden für gewöhnlich erst dann in Lexika aufgenommen, wenn sie eine gewisse Gebräuchlichkeit erfahren haben. Den Verfassern ist ein solcher Nachweis bisher jedoch nicht gelungen.

Trotz dieser Einschränkung kann nicht nur Toepfers Vermutung, der Terminus „Ökologie“ habe 1866 möglicherweise bereits „in der Luft“ gelegen, durch die Verfasser bestätigt werden. Die hier angeführten Zitate legen sogar die Annahme nahe, es habe sich in den dreißiger bis fünfziger Jahren des 19. Jahrhunderts um einen zumindest in Fachkreisen eingeführten, in seiner Bedeutung klar umrissenen und nicht strittigen Begriff gehandelt. Nicht nachweisbar ist allerdings derzeit, ob Haeckel das Wort und dessen damalige Bedeutung gekannt hat, als er es für seine Zwecke verwendete und es dabei entweder – aus seiner Sicht – vollkommen neu formulierte oder dem ihm bereits vertrauten Wort eine neue Bedeutung verlieh.

Georg Toepfer selbst hat bereits 2011 darauf hingewiesen, dass sich „inzwischen für praktisch jedes Wort der Wissenschaftssprachen selbst die zuverlässigsten Wörterbücher, an denen Generationen von Wortkundlern gearbeitet haben, …, im Hinblick auf die Erstverwendung von Wörtern in ein paar Sekunden widerlegen“ ließen. Wer Wortgeschichtsforschung betreibe, „wird in wohl nicht wenigen Fällen … schnell von zukünftigen Wortforschern eines Besseren belehrt werden“ (Toepfer 2011: IX). Das hat seine Ursache in den bis vor wenigen Jahren noch nicht vorhandenen Zugriffsmöglichkeiten auf digitalisierte und im Internet frei verfügbare, umfangreiche historische Bibliotheksbestände mit oft durchsuchbaren Volltexten. Auch die Verfasser haben diese Quellen genutzt (Näheres hierzu bei Koch und Hachmann 2015: 11 und 13, und ausführlicher bei Toepfer 2011: XLIV-XLV). Durch das stetige Fortschreiten der Digitalisierungsarbeiten vergrößert sich die Datenbasis durchsuchbarer Literatur kontinuierlich. Insofern wird es Toepfer, so hoffen die Verfasser, mit Humor nehmen, wenn seine eben zitierte Aussage bestätigt wird dadurch, dass sein eigener Fund der Verwendung des Terminus „Ökologie“ vor Haeckel bereits ein knappes Jahr nach seiner Manuskripteinreichung und schon kurz nach Veröffentlichung wesentlich ergänzt werden kann.

2 Artenschutz

Krüß et al. (2016) legen sich in ihrem Beitrag „Die Ökologisierung des Arten- und Biotopschutzes“ in Heft 9/10 Bd. 91 von „Natur und Landschaft“ bezüglich des Begriffs „Artenschutz“ dergestalt fest, dass er im Gegensatz zu Österreich und der Schweiz „in Deutschland erst sehr viel später, erstmals vermutlich im Jahr 1942 bei der Zuweisung von Zuständigkeiten innerhalb der Naturschutzbehörden des Deutschen Reichs“ erschienen sei: „Die Abteilung für Naturschutz und Landschaftspflege des Reichsforstamtes besaß seit 1942 ein Sachgebiet für Artenschutz“ (Krüß et al. 2016: 437). Dabei beziehen sie sich auf eine Veröffentlichung von Sukopp u. Sukopp (2006: 11-12), in der es ergänzend, bezogen auf das 1935 erlassene Reichsnaturschutzgesetz, heißt, der Artenschutz sei „als staatliche Aufgabe im Gesetz bereits enthalten, allerdings wird dieser Begriff nicht verwendet“. Es liegt dann allerdings nahe, dass der Begriff, auch wenn er keinen unmittelbaren Eingang in den Gesetzestext gefunden hat, im Zusammenhang mit dem Reichsnaturschutzgesetz in den Naturschutz eingeführt worden sein könnte. Nils M. Franke stellt in seiner 2014 eingereichten Habilitationsschrift genau diese These auf. Als Beleg führt er ein Zitat von Hans Klose (Leiter der Reichsstelle für Naturschutz von 1938 bis 1945 und ihrer Nachfolgeinstitution in der BRD) an, der 1936 schrieb: „Über den Schutz von Pflanzen und Tieren (Artenschutz usw.) bringt die DVO [Durchführungsverordnung zum Gesetz, A. d. Autors] keine Einzelbestimmung; sie wäre ja auch durch deren Hereinnahmen ungemein umfangreich geworden“ (Franke 2016: 22). Frankes Fund ist zwar bereits zwei Jahre alt, die Veröffentlichung seiner Habilitationsschrift erfolgte aber erst vor wenigen Wochen, und Krüß et al. konnte sie zum Zeitpunkt ihrer Manuskripteinreichung noch nicht vorgelegen haben. Aber auch Frankes Beleg ist bereits jetzt kein Einzelfund mehr und soll hier mit fünf weiteren, teils deutlich älteren Literaturstellen ergänzt werden.

Drei stammen wie Frankes Quelle aus den dreißiger Jahren. 1937 ist in der „Allgemeinen Forst- und Jagdzeitung“ zu lesen: „Und dies alles geschieht im Dienste unserer heimatlichen Vogelwelt … Über die zum Schutze der übrigen Tiere erlassenen Vorschriften werde ich mich verhältnismäßig kurz fassen können. Sie sind ganz auf den Artenschutz abgestellt“ (Heidenreich 1937: 19). 1938 schreibt Wilhelm Kock in der „Fischerei-Zeitung“ bezüglich des Schnäpels, einer Renkenart: „Dieser Fisch ist unter Artenschutz gestellt, d. h. Schnäpel dürfen nur von Berufsfischern und von der Fischereigenossenschaft zur Laichgewinnung gefangen werden“ (Kock 1938: 62). Und im „Forstarchiv“ von 1939 bezeichnet H. Hering den Inhalt der §§ 1a und 2 des Reichsnaturschutzgesetzes als „abstrakten Artenschutz“ (Hering 1939: 68).

Eine weitere Fundstelle ist noch ein gutes Jahrzehnt älter. Im Jahr 1926 schreibt der bereits genannte Hans Klose bei einer Auflistung der naturschutzrechtlichen Regelungen in der Mark Brandenburg nach einer Betrachtung des Schutzes einzelner Bäume: „Ist hier das Individuum zu schützen, so muß den seltenen und mit Ausrottung bedrohten sonstigen Pflanzen Artenschutz zuteil werden.“ Und noch auf derselben Seite, diesmal bezogen auf die Fauna und jetzt ohne Anführungsstriche: „Für die heimische Tierwelt kommt im wesentlichen nur der Artenschutz in Betracht, der hier auf verschiedenen Gesetzen und Verordnungen beruht“ (Klose 1926: 50).

Der Begriff lässt sich aber noch einmal wesentlich früher nachweisen, nämlich bereits im Jahr 1912. In einem Bericht des „Gerichtsassessors Rudorff“ zur vierten Konferenz für Naturdenkmalpflege in Preußen, die am 9. Dezember 1911 in Berlin stattfand, ist zu lesen:

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Bildunterschrift: Zusammengesetzte Textausschnitte aus Rudorff 1912: 215-216.

Bei dem Gerichtsassessor Rudorff handelt es sich um Otto Rudorff (1871-~1922), Neffe zweiten Grades von Ernst Rudorff, einem der Begründer des Heimat- und Naturschutzes in Deutschland.

Otto Rudorff stellte als juristisch versierter Konferenzgast den Anwesenden nicht nur gesetzliche Regelungen in Deutschland vor, sondern berichtete auch über neueste Bestimmungen in anderen Ländern. An der Tagung nahmen zahlreiche Personen teil, die in prominenten amtlichen oder nebenamtlichen Funktionen mit der damals so bezeichneten Naturdenkmalpflege befasst waren, einschließlich eines Vertreters des zuständigen preußischen Ministeriums. Auch wenn der Artenschutz also in Deutschland wohl tatsächlich erst 1942 eine konkrete behördliche Manifestation erfahren hat, lässt sich mit den hier angeführten Literaturstellen nachweisen, dass der Begriff und die Sache schon Jahrzehnte vorher den Entscheidungsträgern des frühen Naturschutzes in Deutschland geläufig waren.

Die Verfasser sind sich, dies sei abschließend gesagt, bewusst, dass angesichts der stetig weiter voranschreitenden Digitalisierung alter Bibliotheksbestände, in Verbindung mit weiter verbesserten Recherchemöglichkeiten, auch ihre Funde nur einen wahrscheinlich kurzlebigen Zwischenstand in der Wortgeschichtsforschung darstellen.

3 Literatur

Anonym (1850): Hygieine. In: Meyer, J. (Hrsg.): Das grosse Conversations-Lexicon für die gebildeten Stände. Abth. 1, Bd. 16. Bibliographisches Institut. Hildburghausen: 1332 S. http://hdl.handle.net/2027/hvd.hn5mye?urlappend=%3Bseq=277 (aufgerufen am 27.09.2016).

Buchner, E. (1847): Gesundheitspflege. In: Binder, W. (Hrsg.): Allgemeine Realencyclopädie oder Conversationslexicon für das katholische Deutschland. Bd 4. Manz. Regensburg: 781.

http://opacplus.bsb-muenchen.de/title/BV004748504/ft/bsb10400846?page=791 (aufgerufen am 27.09.2016).Nachweis „Buchner“ in Bd. 1, Vorwort, S. VIII: https://opacplus.bsb-muenchen.de/Vta2/bsb10400831/bsb:BV004748501?page=14 (aufgerufen am 27.09.2016).

Franke, N. M. (2016): Naturschutz – Landschaft – Heimat. Romantik als eine Grundlage des Naturschutzes in Deutschland. Springer VS. Wiesbaden: XII, 307 S.

Heidenreich, … (1937): Ziele und Wege des Naturschutzes im Dritten Reich. Allgemeine Forst- und Jagd-Zeitung 113 (1): 15-22. https://books.google.de/books?id=LtlMAAAAMAAJ&q=artenschutz&dq=artenschutz&hl=de&sa=X&redir_esc=y (aufgerufen am 27.09.2016).

Hering, H. (1939): Naturschutz. Kritischer Sammelbericht über die wichtigsten Veröffentlichungen der Jahre 1936 bis 1938. Forstarchiv 15 (4): 65-75. https://books.google.de/books?id=CblMAAAAMAAJ&q=artenschutz&dq=artenschutz&hl=de&sa=X&redir_esc=y (aufgerufen am 27.09.2016).

Klose, H. (1926): Naturdenkmalpflege in der Mark Brandenburg. Brandenburgisches Jahrbuch 1: 46-53. https://books.google.de/books?id=Y3orAQAAIAAJ&q=Artenschutz&dq=Artenschutz&hl=de&sa=X&redir_esc=y (aufgerufen am 27.09.2016).

Koch, R. u. Hachmann, G. (2015): „Die absolute Nothwendigkeit eines derartigen Naturschutzes …“ Philipp Leopold Martin (1815-1885): vom Vogelschützer zum Vordenker des nationalen und internationalen Naturschutzes. In: Hachmann, G. u. Koch, R. (Hrsg.): Wider die rationelle Bewirthschaftung! Texte und Quellen zur Entstehung des deutschen Naturschutzes. BfN-Skripten 417: 13-26; sowie Einleitung: 11. https://www.bfn.de/fileadmin/BfN/service/Dokumente/skripten/skript417.pdf (aufgerufen am 27.09.2016).

Kock, W. (1938): Edelfischzucht in der Loiterau. Fischerei-Zeitung 41 (6): 62-63.

Krüß, A.; Riecken, U. & Sukopp, U. (2016): Die Ökologisierung des Arten- und Biotopschutzes. Erfolge und Grenzen einer wechselseitigen Befruchtung. Natur und Landschaft 91 (9/10): 436-444.

Rudorff, O. (1912): Über gesetzliche Maßnahmen zum Schutz der einheimischen Tier- und Pflanzenwelt. In: Bericht über die vierte Konferenz für Naturdenkmalpflege in Preußen, Berlin, am 9. Dezember 1911. Abgedruckt in: Beiträge zur Naturdenkmalpflege Bd. 2. Borntraeger. Berlin: 187-221.

https://books.google.de/books?id=PPZEAAAAYAAJ&q=Artenschutz&dq=Artenschutz&hl=de&sa=X&redir_esc=y (aufgerufen am 27.09.2016).

Sukopp, H. u. Sukopp, U. (2006): Florenschutz. In: Berg, C. et al. (Bearb.:) Ein Netzwerk für botanischen Naturschutz. BfN-Skripten 178: 9-19.

Toepfer, G. (2011): Historisches Wörterbuch der Biologie. Geschichte und Theorie der biologischen Grundbegriffe. Bd. 1. Metzler/Poeschel. Stuttgart: C, 728 S.

Toepfer, G. (2016): Von der Naturgeschichte zur Ökologie (1750-1900). Entstehung und Geschichte der Ökologie bis zum Beginn des 20. Jahrhunderts. Natur und Landschaft 91 (9/10): 398-404.

Vetter, … (1838): Hygieine. In: Busch, D. W. H. et al. (Hrsg.): Encyclopaedisches Wörterbuch der medizinischen Wissenschaften. Bd. 17. Veit. Berlin: 713 S. https://opacplus.bsb-muenchen.de/Vta2/bsb10086763/bsb:BV009366188?page=423 (aufgerufen am 27.09.2016). Nachweis „Vetter“: https://opacplus.bsb-muenchen.de/Vta2/bsb10086763/bsb:BV009366188?page=8 (aufgerufen am 27.09.2016).

Hinweis: Den Verfassern haben die aus urheberrechtlichen Gründen nur als Snippet darstellbaren Internetquellen im Volltext vorgelegen.

Gerhard Hachmann und Rainer Koch
c/o Bundesamt für Naturschutz
Fachgebiet Z 2.3 „Literaturdokumentation, -information, Bibliotheken, Schriftleitung“
Konstantinstraße 110
53179 Bonn
Korrespondierender Autor: gerhard.hachmann@bfn.de

 

Auch in diesem Beitrag geht es um die Forschungen zur Entstehung des Naturschutzes in Deutschland, deren Ergebnisse mein Kollege Rainer Koch und ich 2015 in der Reihe der „BfN-Skripten“ des Bundesamtes für Naturschutz veröffentlicht haben.

Die Publikation besteht aus einem Textteil und einem Quellenteil. Über den Textteil habe ich im vorigen Post (Naturschutzgeschichte, Teil 1) berichtet.

Den quantitativen Schwerpunkt des anschließenden Quellenteils bilden Faksimiledrucke aller naturschutzbezogenen Schriften Philipp Leopold Martins (1815-1885). Damit werden diese bis dahin teils nur noch schwer greifbaren Publikationen erstmals seit ihrem Erscheinen im 19. Jahrhundert wieder abgedruckt und sind an einer Stelle versammelt. Zusätzlich zur Printversion haben wir auch eine online-Version Open Access publiziert (Achtung Dateigröße: 86 MB). Damit stehen die von uns digitalisierten Schriften Martins der interessierten Öffentlichkeit wie auch der naturschutzhistorischen Forschung uneingeschränkt zur Verfügung.

Ergänzend zu den Publikationen von Philipp Leopold Martin finden sich zwei Texte von Ernst Rudorff (1840-1916), der lange Zeit als frühester Vertreter des Naturschutzes in Deutschland galt. Seine programmatische Schrift „Ueber das Verhältniß des modernen Lebens zur Natur“ aus dem Jahr 1880 war bekannt und leicht erhältlich. Anders verhielt es sich mit dessen anderem Text. Bereits 1878 hatte Rudorff in einem ausführlichen Leserbrief an eine Zeitung seine Gedanken zur Zerstörung der Natur skizziert. Dieser Text aber galt seit etwa hundert Jahren als verschollen. Auch bei den Arbeiten zur 2006 erschienenen historisch-kritischen Neuausgabe seiner Autobiografie gelang es nicht, das Original zu identifizieren. Das haben wir 2015 geschafft. Wir berichten in einem Kapitel unseres Buchs darüber, und wir haben den Originaltext abgedruckt und damit wieder verfügbar gemacht.

Signatur Ernst Rudorffs. Gemeinfrei, Quelle: https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=13030020

Somit bietet dieser Band einen Open-Access-Zugriff auf die derzeit bekannten naturschutzbezogenen Werke von Philipp Leopold Martin und die frühen Texte Ernst Rudorffs aus demselben Zeitraum. Sie erlauben einen unmittelbaren Einblick in das Denken dieser beiden Männer, die sich bereits frühzeitig und als erste in Deutschland intensiv für den Naturschutz eingesetzt haben.

Viele unserer Entdeckungen gelangen aufgrund der in den letzten Jahren enorm verbesserten bibliographischen Recherchemöglichkeiten und der bis vor wenigen Jahren noch nicht vorhandenen Zugriffsmöglichkeiten auf digitalisierte und im Internet frei verfügbare Volltexte umfangreicher Bibliotheksbestände. Hier ist insbesondere die Zusammenarbeit der Firma Google mit bedeutenden Bibliotheken aus der ganzen Welt zu nennen. Auch andere Programme wie zum Beispiel die „Hathi Trust Digital Library“, das „Internet Archive“ und die „Biodiversity Heritage Library“ stellen in großem Umfang wissenschaftliche Literatur im Internet bereit, häufig im Textkorpus durchsuchbar und, abhängig vom Urheberrecht, teilweise ohne Zugangsbeschränkungen. Durch das Fortschreiten der Arbeiten und das Hinzukommen weiterer Programme wie der „Deutschen Digitalen Bibliothek“ und der „Europeana“ wird sich die Datenbasis durchsuchbarer Literatur weiter vergrößern, wovon die historische Forschung grundsätzlich in erheblichem Maß profitieren wird. Die Massendigitalisierung alter wissenschaftlicher Literatur ersetzt in keiner Weise die mühsame Forschungstätigkeit in Archiven. Hinsichtlich publizierter Texte kann man aber, auch in Bezug auf die deutsche Naturschutzgeschichte, gespannt sein, welche künftigen Erkenntnisse sich noch einstellen werden.

Philipp Leopold Martin (1815-1885) hat 1871 das uns heute geläufige Wort „Naturschutz“ geprägt, also „erfunden“, und er hat in derselben Veröffentlichung, einer siebenteiligen Aufsatzserie, als erster ein umfassendes Naturschutzkonzept formuliert. Trotzdem war er für mehr als ein Jahrhundert in Vergessenheit geraten, niemand unter den deutschen Naturschutzhistorikern kannte ihn. Stattdessen wurden diese Leistungen von der Historikerzunft fälschlicherweise dem Berliner Musikprofessor Ernst Rudorff (1840-1916) zugeschrieben: 1880 die erste Konzeptformulierung, 1888 die Wortschöpfung (in einem erst 1939 veröffentlichten Tagebucheintrag). Im Jahr 2011 hat mein Kollege Rainer Koch P.L. Martin, diesen bedeutenden Naturforscher, als Vordenker des Naturschutzes in Deutschland wiederentdeckt, gemeinsam haben wir in den nächsten Monaten am Thema gearbeitet. Über die Entdeckung und über unser Vorgehen habe ich vor fünf Jahren in diesem Blog in zwei ausführlichen Posts berichtet: Einmal zur naturschutzhistorischen Bedeutung des Funds, und im zweiten Post zu unserem Vorgehen, insbesondere bezüglich der Nutzung von digitalisierten Publikationen.

Wir haben unsere Forschungen in den Folgejahren fortgesetzt und einige weitere Erkenntnisse zutage gefördert. Unsere daraus resultierenden Publikationen haben wir 2015 in teils aktualisierter und erweiterter Form zusammengefasst, mit neuen Texten ergänzt und in der Reihe der „BfN-Skripten“ des Bundesamtes für Naturschutz veröffentlicht. Der Band steht zusätzlich zur Printversion online im Volltext hier zur Verfügung (Achtung Dateigröße: 86 MB).

Das Buch besteht aus einem Textteil, der unsere eigenen Texte enthält, und einem Quellenteil, in dem wir die bis dahin nur schwer zugänglichen naturschutzbezogenen Schriften von P.L. Martin und die beiden ersten Publikationen von Ernst Rudorff zusammengestellt haben.

Unsere im Textteil dargelegten neuen Erkenntnisse zur Frühzeit des deutschen Naturschutzes werden an dieser Stelle in chronologischer Folge aufgeführt:

19. Jahrhundert: Das Wort „Naturschutz“ ist in der deutschen Sprache sporadisch schon vor seiner Erstverwendung durch Philipp Leopold Martin nachweisbar. Das war bisher nicht bekannt. Es hat aber stets eine andere als die heute gebräuchliche Bedeutung: Die Natur wird hier als ein die Menschen in verschiedener Weise schützendes Subjekt aufgefasst. Es muss also (noch) nicht die Natur vor den Menschen geschützt werden, sondern die Natur gibt den Menschen in verschiedener Weise einen Schutz. In den Alltagsgebrauch hat das Wort in dieser Bedeutung keinen Eingang gefunden.

1852–1858: Philipp Leopold Martin und Ernst Rudorff sind sich mit großer Wahrscheinlichkeit persönlich begegnet. Beide werden von dem bedeutenden Arzt, Zoologen und Gründer des Berliner Zoologischen Gartens Martin Hinrich Lichtenstein entscheidend gefördert. Beider Lebenswege erhalten durch den Kontakt zu Lichtenstein wichtige Wendungen. Diese biographische Episode war unbekannt.

Philipp Leopold Martin (1815-1885). Gemeinfrei, Quelle: https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Philipp_Leopold_Martin_Portrait.jpg

1871/72: Das Zentrum der neuen Erkenntnisse: Martin veröffentlicht eine umfangreiche Aufsatzserie zu verschiedenen Naturschutzaspekten, verwendet darin das Wort „Naturschutz“ und prägt als Erster den Begriff in seiner heutigen Bedeutung: Die Natur ist jetzt das vor den Menschen zu schützende Objekt. In den Folgejahren erscheinen weitere naturschutzbezogene Schriften von ihm.

April 1878: In der „Leitmeritzer Zeitung“ erscheint ein Bericht über die beabsichtigte Gründung eines „Vereins der Naturfreunde“. Er soll gleichzeitig als „Naturschutz- und Singvogelschutzverein“ fungieren. Im März 1879 berichtet dieselbe Zeitung über die nun anstehende konstituierende Generalversammlung. Als eines der Mittel zur Erreichung des Vereinszwecks wird genannt die „Einflußnahme auf Erhaltung von Naturschönheiten, überhaupt Naturschutz“. Die Funde sind ein weiterer Beleg für eine frühere Verbreitung des Begriffs in der deutschen Sprache, als sie bislang bekannt war.

Oktober 1878: Rudorff wendet sich erstmals an die Öffentlichkeit und veröffentlicht einen Leserbrief, in dem er auf Bedrohungen von kulturellen und natürlichen Objekten hinweist und zur Gründung eines Heimatschutzvereins aufruft. Diese erste Veröffentlichung Rudorffs war verschollen, wir haben sie wiederentdeckt. Mehr dazu im nächsten Post (Naturschutzgeschichte, Teil 2).

1882: Martin stellt zum ersten Mal das Wort „Naturschutz“ in den Sachtitel eines Buches. Mindestens zwei bedeutende Zeitschriften drucken Rezensionen. Erst 21 Jahre später wird das nächste Buch mit diesem Wort im Titel erscheinen (siehe unten).

1883: Der „Naturschutzverein Plauen“ wird gegründet, als erster Verein, der das Wort „Naturschutz“ im Namen trägt. Auch dies war den Naturschutzhistorikern nicht bekannt.

1886: Der Zoologe und Vererbungsforscher Wilhelm Haacke benutzt den Begriff „Naturschutz“ wie selbstverständlich in einer seiner Veröffentlichungen.

1892: Ludwig Dimitz berichtet in der „Österreichischen Zeitung“ über Zerstörungen der österreichischen Wälder. Er konstatiert bezüglich der öffentlichen Meinung zu diesem Problem: „Das inhaltsschwere Wort „Naturschutz“ wurde immer öfter vernommen“. Dimitz wiederholt seine Formulierung 1895 in einem Aufsatz der „Österreichisch-Ungarischen Revue“. Er ist auch derjenige, der 1903 als Zweiter ein Buch mit dem Wort „Naturschutz“ im Titel veröffentlicht: „Über Naturschutz und Pflege des Waldschönen“.

Soweit die Zusammenfassung der neuen Erkenntnisse. Zu den im Quellenteil abgedruckten Faksimiles und unserem Vorgehen siehe der folgende Post (Naturschutzgeschichte, Teil 2).

Verfasst von: haferklee | 23. Juni 2016

Variante des Bibliotheksruhe-Klischees

Weltläufiger Städter zum Landei:

Da, wo Du herkommst, gilt es ja schon als aufregendes Ereignis, wenn in der Bibliothek ein neues „Bitte-Ruhe“-Schild angebracht wird.

So (oder sehr ähnlich) eine Szene in dem neuen Film „Ein ganzes halbes Jahr“. Aus dem Gedächtnis zitiert, weil die Radiokritik, die ich gehört habe, nicht im Netz verfügbar ist.

 

Piktogramm für Ruhebereiche. Autor: Matthias M. Public Domain.

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